Mit einem energischen Ruck klappe ich meinen Laptop zu und stecke ihn in die Tasche. Feierabend! Normalerweise arbeite ich im Home-Office, aber einmal in der Woche ist Arbeit in Präsenz angesagt, das soll den Zusammenhalt in unserem Start-Up fördern. Im Auto angekommen, checke ich meine E-Mails und Meldungen. Das Auto fährt autonom, der Heimweg ist einprogrammiert und ich kann mich anderweitig beschäftigen. Ich hoffe, der Kühlschrank hat inzwischen meinen Auftrag ausgeführt und die fehlenden Lebensmittel bestellt. Sie stehen wie erwartet vor der Haustür, eine Drohne hat sie dort abgesetzt. Von drinnen höre ich freudiges Bellen, Caro, unser Labradoodle ist schon vom Hundesitter gebracht worden, ich hatte ihm die Haustür von unterwegs mit meinem Handy aufgesperrt. Wir haben uns bei der Wahl des Hundes für diese Rasse entschieden, weil sie für Allergiker geeignet ist und keine Haare verliert. Als ich das Haus betrete, ist die Beleuchtung bereits angeschaltet und die Thermostaten haben die Heizung eingeregelt. Unsere automatischen Putzroboter haben wieder ganze Arbeit geleistet und das Haus vom Staub und anfallendem Schmutz gereinigt, alles ist sauber und frisch. Mein Kaffeeautomat hat mir bereits einen doppelten Espresso zubereitet, ich setze mich gemütlich auf die Terrasse und komme endlich dazu, die Nachrichten des Tages auf meinem Handy zu lesen. Zeitungen aus Papier wurden vor einiger Zeit aus dem Verkehr gezogen, der ökologische Fußabdruck war zu groß. Die Umwelt zu schützen bleibt weiterhin ein aktuelles gesellschaftliches Thema.
Meine kurze Ruhephase wird bald vorbei sein, denn in einer halben Stunde wird meine Frau mit unseren beiden Kindern eintreffen. Sie ist Qualitätsmanagerin bei einer großen Firma für Solaranlagen und hat heute die Kinder vom Kindergarten abgeholt, sonst werden sie vom Fahrdienst vorbeigebracht. Wir haben uns für einen Kindergarten der uns bekannten Art entschieden, wobei es schwierig war, dort die Plätze zu bekommen. Eigentlich sind die Kindergärten heute anders aufgestellt als früher, denn aus Personalmangel gibt es nur noch eine Fachkraft. Die Kinder werden von Avataren betreut, die darauf personalisiert sind, mit ihnen zu spielen und sie zu versorgen. Viele Dinge haben sich verändert, aber alles sollte man nicht einfach hinnehmen, denn die Zukunft schleicht sich in den Alltag hinein, ganz langsam, man merkt es kaum.
Meine Eltern haben oft gesagt, dass sie froh sind, all das nicht mehr erleben zu müssen, denn sie haben sich mit vielen Dingen nicht abfinden können. Schon die Gegenwart so zu gestalten, dass sie erträglich ist, machte ihnen Probleme. Sie vermissten das Bargeld, alles per Internet zu erledigen war ihnen nicht geheuer. Einen Arzttermin zu bekommen, war ihnen ohne unsere Hilfe kaum mehr möglich, mit der Tele-Medizin konnten sie sich nicht anfreunden. Sie fanden es schrecklich, dass sich Menschen mit dem ständigen Tragen von Kopfhörern aus der Gemeinschaft verabschieden und abschotten. Viele Ereignisse haben sie geängstigt. Oft haben sie sich über eine Nachricht aufgeregt, die sich später als Fake herausstellte, wem konnten sie noch glauben?
„Zukunft kommt auf Raten, das ist das Erträgliche an ihr.“ Der britische Theaterautor Harold Pinter hat diesen tröstlichen Ausspruch hinterlassen. Unsere Kinder werden in die Zukunft hineinwachsen und sich in ihr einrichten. Sie werden, wie jede Generation vorher, ihr Leben an den ständigen Wandel anpassen, die positiven Seiten schätzen und sich mit den negativen arrangieren. Das Narrativ „Früher war alles besser“ ist falsch, denn wenn man kritisch zurückblickt, sieht man die Fehler, die in der Vergangenheit gemacht wurden. Daraus zu lernen würde helfen, sie in der Zukunft zu vermeiden. Jeder morgige Tag ist ein weiterer Schritt in die Zukunft, ich hoffe, meine Kinder werden in der Lage sein, als Teil einer mündigen Gesellschaft sie so mitzugestalten, dass sie lebenswert bleibt.
Einsendung zum Open Call „Auf neuen Wegen“