Mitten im Gewimmel ertönte der Gong und über die Lautsprecher verkündete die amtliche Stimme: Gleis 5 – Einfahrt ICE 1008 nach Berlin Gesundbrunnen – in den Abschnitten D bis G – Vorsicht bei der Einfahrt. Der Intercity aus Erfurt fuhr ein, und ausnahmsweise pünktlich. Drinnen stand Daniel mit einem riesigen Rucksack auf dem Rücken und einem Maxi-Hartschalenkoffer bereit. Er wollte alles richtig machen und stand als erster vor der Tür. Hinter ihm sammelten sich die anderen Fahrgäste mit Taschen und Rollkoffern. Der Zug kam zum Stehen, die Türen öffneten sich und Daniel wuchtete den schweren Koffer hoch und stieg die zwei Metallstufen hinab. Er ließ sich nicht anmerken, dass er große Mühe hatte, seinen halben Hausrat ohne Schwächeanfall auf dem Bahnsteig abzusetzen. Ist das riesig hier, so voll, und so laut. Als er mittags losgefahren war, in Bamberg, da war alles noch so vertraut gewesen. Während er die Umgebung suchend abscannte, wurde ihm bewusst, dass er gerade die ersten Schritte in eine neue, fremde Welt machte. Er sollte zur S-Bahn. Das WG-Zimmer in Friedrichshain war wie ein Sechser im Lotto. Das hatte er seinem Mathematiklehrer zu verdanken, der gute Kontakte nach Berlin und zur Technischen Universität pflegte. Im Zug hatte Daniel schon kurz mit Jan telefoniert, der auch in der WG wohnte, und ihm später alles zeigen würde. Jetzt brauchte er nur die S3 oder S5 oder S7 nach Ahrensfelde oder Strausberg oder Erkner zu nehmen, an der Warschauer Straße umzusteigen und mit der Tram eine Station weiter zu fahren. Puuh. Er würde die Wühlischstraße schon finden, schließlich war er ja gekommen, um Stadt- und Regionalplanung zu studieren, und außerdem hatte er Google-Maps im Handy.
An Gleis 12 fuhr der ICE 847 aus Köln mit einer halben Stunde Verspätung ein. Lena, kurzer Haarschnitt, Sonnenbrille, helle Windjacke, schwarzes T-Shirt, Jeans, Sneaker und eine große Umhängetasche, stieg selbstbewusst aus, ging ein paar Schritte und nahm ihre AirPods aus den Ohren. Erst mal orientieren. Sie war schon zweimal in der Hauptstadt gewesen, aber die Klassenfahrt war lange her und zum Vorstellungsgespräch war sie geflogen. Lena, MTL von Beruf, wollte dem engen Nippes und Köln den Rücken kehren. Besonders nach der Trennung. Das Angebot der Charité war sehr gut und die Bewerbung über Zoom erfolgreich verlaufen. Wenn sie ein Ziel hat, dann läuft Lena zur Höchstform auf. Ihr Handy düdelte, eine Textnachricht: Kann leider nicht abholen, bin noch im Büro, nimm die S-Bahn zum Zoo, Bus M46 zur Motzstraße, Schlüssel bei Nachbarin Bukenja. Bussi, Gundi. Die ersten Wochen würde Lena bei Gundi wohnen bis die neue Wohnung bezugsfertig ist. Wo fahren die S-Bahnen? Herrjeh, ist das unübersichtlich hier.
Der Berliner Hauptbahnhof hat fünf Ebenen, eigentlich nur drei. Ganz oben ist der Gleiskörper Ost-West und ganz unten Nord-Süd, sie gelten nicht als Ebenen, das wäre zu einfach. Das Leitsystem ist ähnlich hilfreich wie das zum Bahnsteig 9¾ in Harry Potter. Die 54 Rolltreppen, 6 Panorama-Aufzüge und 16 weiteren Aufzüge machen es auch nicht besser. Nur wirklich ausgebuffte Locals verstehen diesen Bahnhof. Unkundige landen mit einem Panorama-Aufzug gerne einmal auf dem falschen Bahnsteig. Und wenn sie auf dem richtigen landen, dann manchmal zu spät, denn die Aufzüge verkehren extrem langsam, deshalb „Panorama“.
Unten an Gleis 5 fuhr jetzt der ICE 692 ein, nur 25 Minuten verspätet. Joschi, früh in Saarbrücken gestartet, musste in Mannheim umsteigen, denn die Direktverbindung nach Berlin, die Ende 2024 als neues Erfolgsmodell eingeführt wurde, stand wegen Baustellen auf ungewisse Zeit nicht zur Verfügung. Danke für Ihr Verständnis. Man muss flexibel sein, neue Wege finden. Auch für Joschi war es heute ein bedeutungsvolles Ankommen. Der Grund für seinen Stadtwechsel war aber weder Studium noch Flucht. Sein Hauptgrund hieß Roland. Ihn hatte er vor einem guten Jahr auf Gran Canaria kennengelernt, und die Fernbeziehung funktionierte nicht. Sie wollten zusammenleben und mussten nicht lange rätseln, ob im beschaulichen Saarbrücken oder anregenden Berlin. Einen Job in der neuen Stadt hatte er als Restaurantleiter sofort gefunden. Rolands Wohnung am Stuttgarter Platz war groß genug und der eigentliche Umzug schon erledigt. Gestern hatte Joschi sich von seinen Eltern verabschiedet und zum letzten Mal bei ihnen übernachtet. Seine Mutter hatte am Bahnhof Tränen in den Augen gehabt. Den Weg kannte er schon, irgendwo hinten, oben fuhren die S-Bahnen nach Charlottenburg. Er lief zur Rolltreppe. Oh, defekt. Er ging auf die andere Seite zur nächsten. Oh, auch diese war außer Betrieb. Die Reisenden stauten sich an den Rolltreppen und Aufzügen.
Oben ging es Lena ganz ähnlich. Und Daniel hatte es auch erst bis zur mittleren Ebene geschafft, irgendwie, mit seinem Schwergepäck. Joschi sah weiter hinten einen Aufzug, der unbemerkt geblieben war, steuerte ihn an und stieg ein, als einziger Fahrgast. Er drückte eine Taste für „Oben“. Die Türen schlossen sich langsam, und der gläserne Fahrkorb begann den Aufstieg. Zwei Ebenen höher, es war eigentlich das Erdgeschoss, stieg Daniel mit Rucksack und Koffer dazu. Sein Blick war fragend: „Komme ich hier zu den S-Bahnen?“ Joschi antwortete: „Ich denke, ja – ich glaube, man muss oben nochmal wechseln, es ist da hinten.“ Auf der nächsten Ebene stieg eine etwas verzweifelte Lena hinzu, blickte zu den beiden Altersgenossen und sagte: „Willkommen in der Hauptstadt, die Rolltreppe funktioniert nicht, bin ich hier richtig, ich muss zur S-Bahn?“ Die beiden anderen nickten bejahend, während sich der Aufzug wieder in Bewegung setzte. Der Blick hinaus war ja toll, eine grandiose Architektur, all diese Ebenen und Stahlsäulen. Da gab es unvermittelt einen Ruck – und der Aufzug blieb stehen, mitten in der Fahrt. „Oh nein!“, entfuhr es allen dreien synchron. Lena versuchte zu lachen, aber es gelang nicht. Daniel war still, in sich gekehrt, und Joschi drückte alle Knöpfe auf einmal. Der Aufzug fuhr wieder an. Es war nur ein Schreckmoment gewesen. Aber dieser führte dazu, dass die drei ins Gespräch kamen und, oben endlich angekommen, ihre Handynummern austauschten. Nach diesem Schreck und als Neuberliner wollten sie sich in den nächsten Tagen wiedersehen und kennenlernen. Es war der Beginn neuer Freundschaften. Ein Dank auch an die Deutsche Bahn.