Haben Sie sich schon mal als Erbin oder Erbe intensive Gedanken über den zukünftigen Verbleib von emotional oder materiell wertvollen Erbstücken aus dem Familienbesitz machen müssen? Über bestimmte Nachlassgegenstände, von denen Sie sich nur schwer oder lange nicht trennen konnten, weil ihr Herz fest daran hing und sich besondere Erinnerungen daran knüpfen? Gedanken darüber, wohin damit, wenn Sie sich eines Tages doch noch von diesen lange sorgfältig aufbewahrten Dingen trennen wollten oder mussten? Wenn ja, dann kennen Sie vielleicht selbst diese schwierigen mentalen Prozesse. Für manche Menschen mögen solche Fragen eine unangenehme, mitunter sogar schmerzhafte Auseinandersetzung mit sich und den Nachlasselementen sein. Sie verdrängen diese Fragen solange wie möglich. Zu dieser Gruppe gehöre auch ich.
Von Friedrich Nietzsche stammt der Satz: „Neue Wege entstehen, indem wir sie gehen.“ Dem stimme ich voll zu. Es bedarf Offenheit, Entschlossenheit und Zuversicht, oft auch Mut und Überwindung, neue Wege zu beschreiten. Insbesondere wenn wir vorher nicht wirklich wissen, ob diese geplanten Wege richtig oder falsch sind. Neue Wege beinhalten getroffene Entscheidungen, die mehr oder weniger ein Risiko oder einen Glücksfall bergen können. Das genaue Ergebnis erfahren wir allerdings erst durch das nachfolgende Geschehen.
Bis in die 1970er Jahre galt es für viele gutbetuchte Frauen als schick und elegant, sich für bestimmte Anlässe mit teuren Mänteln, Jacken, Mützen und Stolas aus echtem Pelz zu schmücken. Dieser spezielle Modetrend unterstrich eher die persönlichen Darstellungsneigungen und entsprach weniger dem Wunsch, sich damit vor kalten Temperaturen zu schützen. Woher ihre Pelze genau stammten, interessierte diese Damen wohl nicht. Wichtiger für sie war, mit zum Beispiel einem Fuchs-, Nerz-, Zobel- oder Lammfell „en vogue“ zu wirken. Doch seit den 1980er Jahren ist das Tragen von Echtpelzen in der Gesellschaft mehr und mehr verpönt, ja sogar geächtet. Für diesen modischen Geschmackswandel sorgen bis heute neue Generationen, der neue Zeitgeist und nicht zuletzt die weltweiten Protestkampagnen von Tierschutzorganisationen zum Schutz und Wohle der Pelztiere.
Auch meine Mutter besaß einst einen hochwertigen Pelzmantel, allerdings keinen aus der sehr gehobenen Preisklasse. Sie trug bei Bedarf einen schwarzen Persianer mit einem braunroten Nerzkragen - eine Pelzart, die zu ihrer Zeit beliebt war. Vermutlich stammte das schwarze Fell von einem russischen oder afghanischen Karakullamm, welches eine besonders lockige und schön glänzende Fellstruktur aufweist. Als Kind strich ich zuweilen gerne über beide Pelzteile von Mutters Mantel, weil sie sich so herrlich weich anfühlten und mich an ein Kuscheltier erinnerten. Da er vom Gewicht her relativ schwer war, hatte ich damals nie das Bedürfnis gehabt, ihn tragen zu wollen. Und später wirkte er auf mich wie ein altmodisches Kleidungsstück, mit dem ich keinesfalls auffallen wollte.
Nach dem Tode meiner Mutter überlegte ich, was ich mit ihrem Persianer machen sollte. Ich brachte es emotional nicht fertig, dieses besondere Erbstück gewissenlos zu entsorgen. Für die Altkleidersammlung war er mir zu schade, und für einen Second Hand Shop schien er ungeeignet zu sein. Ihn an ein Pelzfachgeschäft oder auf dem Flohmarkt zu verkaufen, kam für mich auch nicht in Frage, zumal ich mich mit Pelzpreisen nicht auskannte und nicht von womöglich unseriösen Händlern hereingelegt werden wollte. Ich fand zum damaligen Zeitpunkt einfach keinen anderen Trennungsweg. Deshalb ließ ich den Pelzmantel mottengeschützt jahrelang in einem Schrank hängen. Irgendwann übersah und vergaß ich ihn darin …
Vor einigen Tagen traf ich mich mit einer langjährigen Freundin zu einem ausgedehnten Spaziergang. Wir hatten uns eine ganze Weile nicht gesehen und daher viel Erzählstoff parat. Begeistert berichtete sie mir von ihrem neuen Job bei einem bekannten Kostümfundus in unserer Stadt. Da wir beide beruflich aus der Mode- bzw. Bekleidungsbranche kommen, hörte ich natürlich gespannt und entzückt ihren Worten zu. Sie erzählte, auf ihrer Arbeitsstätte habe sie mit vielen unterschiedlichen historischen und zeitgenössischen Kleidungsstücken und Accessoires zu tun, die für diverse Film-, Fernseh- und Theaterproduktionen, aber auch Foto-Shootings angefertigt und später für ähnliche Anlässe teilweise umgearbeitet wieder eingesetzt werden. Auf Wunsch würden Pelzwaren, Felle und Lederteile benötigt, erfuhr ich außerdem von ihr. Der letzte Hinweis weckte in mir eine alte Erinnerung: der wohlgehütete Persianer meiner Mutter! Sofort reifte in mir eine neue Idee, die vielleicht eine gute Lösung für den sinnvollen Fortbestand des Pelzmantels an einem anderen sicheren Ort versprach, bevor er möglicherweise auf dem Müll oder beim Trödler landete. Denn mir war klar, ich konnte nicht lebenslang diesen Mantel aufbewahren.
Ich fragte meine Freundin hoffnungsvoll, ob ein Persianer aus den 1960er Jahren im Kostümfundus ein neues Zuhause finden könnte und offenbarte, dass ich solch einen Pelzmantel besitze. Sie war überrascht über mein fellartiges Angebot und erklärte mir, dass sie das nicht selbst entscheiden könne, dazu erst ihre Chefin fragen müsste, was sie gerne für mich machen würde. Da die Chefin jedoch gegenwärtig noch im Urlaub weile, bliebe deren Rückkehr abzuwarten. Und natürlich auch, wie die Antwort lautet. Das leuchtete mir selbstverständlich ein.
Bis dahin überlege ich mir vorsorglich alternative Endstationen für die zukünftige Unterbringung meines alten Erbstückes, falls die Chefin meiner Freundin eine Absage erteilen sollte. Ich weiß, in unserer Stadt gibt es ein altes Opernhaus, ein Musicaltheater, ein Komödientheater, zwei klassische Theaterhäuser, ein Modemuseum und einen kleinen Kostümverleih, wo ich überall mal nachfragen kann. Dass ich nicht schon viel früher darauf gekommen war, mich dort zu erkundigen, wundert mich selbst. Ja, manchmal bringen bestimmte Begegnungen neue Erkenntnisse.
Fortan beschäftigt mich die Frage: Quo vadis, Persianer? Irgendeinen neuen Weg wird er irgendwann gehen müssen. Ich bin gespannt darauf. Auf alle Fälle raus aus meinem Schrank …
Einsendung zum Open Call „Auf neuen Wegen“