Ich lief von der Sonntagsschule nach Hause, mit meinem Palmkreuz in der einen Hand und meinem bunten Faltblatt, auf dem Jesus auf einem Esel nach Jerusalem reitet, in der anderen. Mein Vater, Ingenieur und Atheist, saß im Wohnzimmer in seinem Lieblingssessel. Ich zwang ihn, die Zeitung wegzulegen und erzählte ihm, was ich an diesem Morgen gelernt hatte.
„Und danach haben die bösen Männer ihn an ein Kreuz genagelt und ihm eine Lanze in die Seite gestoßen! Und er schlief drei Tage lang und wachte dann auf, um seine Ostereier zu holen!“, erklärte ich.
„Das ist physikalisch unmöglich“, sagte mein Vater.
„Es ist genau so gewesen! Es steht so in der Bibel!“
„Eine Hand ist nicht stabil genug, um das Gewicht eines ganzen Körpers zu tragen, wenn sie nur festgenagelt wurde. Die Nägel würden das Fleisch zerreißen und der Körper würde herunterfallen.“
„Das stimmt nicht!“
„Komm mit.“ Mein Vater führte mich in die Küche und nahm eine Birne aus der Obstschale. „Gut, stell dir vor, diese Birne ist der Körper Jesu.“ Er holte etwas Schnur aus der Küchenschublade, band sie um den Stiel und testete, ob sie das Gewicht der Frucht halten würde. Dann befestigte er beide Enden der Schnur an der Pinnwand neben den Telefonnotizen und Informationsschreiben der Schule. Ich sah zu, wie die Schnur dort, wo sie mit den Pins befestigt war, ausfranste, bis sie das Gewicht nicht mehr tragen konnte und die Birne an der Pinnwand herunterrutschte. Mein Vater hob das leicht zerbeulte Obst auf, spülte es unter dem Wasserhahn ab, sagte: „Bewahre deine Seele zum ewigen Leben“ und aß die Birne.
Eine Woche später saß ich in meinem neuen Osterkleid auf dem Bett und weigerte mich, mit in die Kirche zu gehen. Meine Mutter, Lehrerin und gläubige Christin, setzte sich zu mir und versicherte, dass meine Ostereier noch da sein würden, wenn wir zurückkämen, dass niemand sie essen würde und dass es in der Kirche eine Ostereiersuche geben würde, sodass ich wahrscheinlich noch mehr finden würde.
„Ich gehe da nicht hin. Sie haben mich angelogen.“
„Angelogen? Worüber?“ Ich erzählte ihr, wie mein Vater mir bewiesen hatte, dass Jesus nicht ans Kreuz genagelt worden sein konnte und ich zu dem Schluss gekommen war, dass, wenn die Erwachsenen in der Kirche darüber gelogen hatten, auch alles andere eine Lüge war. Meine Mutter verdrehte die Augen, fluchte leise vor sich hin, ging zur Treppe und rief: „Peter! Kommst du mal bitte und sprichst mit deiner Tochter?“ Mein Vater kam ins Zimmer, setzte sich auf das Bett meiner Schwester und erklärte mir, dass ich in die Kirche gehen müsse, weil es meiner Mutter wichtig sei. Ich antwortete, dass ich heute noch einmal mitgehen würde, aber nie wieder zur Sonntagsschule.
„Oh doch, das wirst du!“, sagte meine Mutter.
„Warum sollte ich?“
„Weil es wichtig ist!“
„Aber sie haben mich angelogen!“
„Trotzdem, Tochterherz“, schaltete sich mein Vater wieder ein, „es ist wichtig, die Geschichten aus der Bibel zu kennen, die sind ein wirklich wichtiger Teil der westeuropäischen Kultur und Zivilisation.“
„Ich verstehe nicht, was das bedeuten soll“, jammerte ich. „Stimmt“, sagte Papa. „Du wirst noch eine ganze Weile brauchen, aber eines Tages wirst du es verstehen.“
„Aber wenn das alles Lügen sind …“
„Du musst versuchen herauszufinden, was hinter der Geschichte steckt. Warum, glaubst du, haben sie dir erzählt, dass böse Männer Jesus ans Kreuz genagelt haben, wenn das gar nicht passiert sein kann?“
„Keine Ahnung.“
„Vielleicht, weil sie die Bösen noch schlimmer erscheinen lassen wollten. Wenn sie gesagt hätten, Jesus sei an ein Stück Holz gebunden worden, klingt das grob, aber nicht wirklich dramatisch. Wenn sie geschrieben hätten, er sei mit kratzigen Schnüren an ein zersplittertes Stück Holz gefesselt worden, klingt das schon schlimmer. Aber wenn man sagt, sie hätten seine Hände und Füße mit Nägeln an das Holz geschlagen, klingt das absolut grausam! Und wenn Menschen unter Schock stehen, sind sie aufmerksamer.“
Während ich darüber nachdachte, zwängte Mutter meine Arme in meinen Mantel und schob mich zur Tür hinaus.
Lange Zeit hatten mein Vater und ich ein Sonntagsritual. Ich kam von der Sonntagsschule zurück, wir setzten uns je nach Wetter entweder in den Garten oder in den Schuppen, und ich erzählte ihm, was ich an dem Morgen gelernt hatte. Ich schaute mir die Krokusse, den Flieder oder die Kapuzinerkresse an, je nach Jahreszeit, und er erklärte mir, was die Geschichte bedeutete.
An einem Sonntag fand ich meinen Vater beim Laubharken und fragte: „Papa, warum hat Saulus seinen Namen in Paulus geändert?“
„Das“, sagte mein Vater, „werde ich dir nicht erklären.“
„Doch, das musst du.“
„Nein, das muss ich nicht. Das weißt du selbst ganz genau! Setz dich einfach hin und denk nach, bis du von allein darauf kommst!“
Mein Weg nach Damaskus war nicht so dramatisch wie der von Saulus von Tarsus, und er führte mich nicht zu Christus. Aber alle Wege führen irgendwohin.
Einsendung zum Open Call „Auf neuen Wegen“