Ich geh im Park so für mich hin, und nichts zu suchen, das ist mein Sinn. Plötzlich entdecke ich ihn. Bei anhaltendem Sonnenschein sitzt ein Mann einsam auf einer einfachen Holzbank am Rande des wieder einmal gut bevölkerten Stadtparks. Der Mann strahlt eine unwirkliche Ruhe aus in dieser lebhaften Umgebung. Er macht auf mich den Eindruck, dass er etwas zu erzählen hat. Also nähere ich mich ihm. Dabei bemerke ich ein Blitzen und Funkeln in seinen Augen, wie ich es bisher nur bei neugierigen und sehr aufmerksamen Menschen festgestellt habe. Neben ihm befinden sich in einem Einkaufswagen verschiedene notwendige, vermutlich zum täglichen Gebrauch erforderliche Gegenstände.
Ich versuche, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Aus dem Klang seiner Stimme schließe ich, dass er aus einem südosteuropäischen Land kommt, denn sie ähnelt dem Russischen, das ich in meiner Schul- und Studienzeit zwölf Jahre lang lernen musste. Es fehlte aber die Lust zum Lernen dieser Sprache, gab es doch kaum Möglichkeiten, sie auch im täglichen Leben anzuwenden. Hier und jetzt könnte sie mir nutzen. Denn ich will wissen: Wer ist dieser Mann?
Da wir beide an einem Gespräch interessiert sind, reden wir jeweils unter Gebrauch unserer rudimentären Sprachfetzen – er in seinem auf der Straße gelernten Deutsch, ich auf Russisch. Er kommt aus dem Kaukasus. Hatte sich politisch kritisch über seine Regierung geäußert und sollte deswegen inhaftiert werden. Sein einziger Ausweg war die Flucht aus der geliebten Heimat. Sein Weg hatte ihn durch viele Länder geführt, bevor er vor fünfzehn Tagen in Deutschland ankam. Wie lange er hier bleibt und wohin es ihn dann zieht oder verschlägt, kann er mir nicht sagen. Er muss es dem Zufall überlassen.
So erzählt er mir, dass er in seiner Heimat in einem großen Weingut gearbeitet hat und sich sehr nach seiner Heimat sehnt. Während der Flucht bekam er immer wieder heimatliche Gefühle. Auf einem Obst- und Gemüsemarkt war eine Kiste mit Weintrauben an einem Marktstand umgekippt und auf der Straße gelandet. Instinktiv half er beim Aufräumen, nahm sich einige Weintrauben vom Boden und aß sie gierig. Dabei überkam ihn ein Glücksgefühl in Erinnerung an die ferne Heimat.
Ob er sie jemals wiedersehen wird? Ob er hier, in der Fremde, eine zweite Heimat finden wird? Ich wünsche es ihm …
Einsendung zum Open Call „Auf neuen Wegen“