Gedankenaustausch mit dem Kulturring-Ehrenvorsitzenden Dr. Gerhard Schewe über Zeitenwenden, über alte und neue Wege
Redaktionssitzung zur Vorbereitung dieses Hefts. Eine frühere Kollegin, die gute Seele der Kulturring-Finanzen, unterhält sich angeregt mit mir: „Stellen Sie sich vor, was mir auf dem Weg zur Arbeit beim Bäcker passiert ist …“ Und sie zieht aus dem Papierkorb eine bedruckte Tüte und zeigt sie mir. Bundeswehr-Werbung pur, Tarnfarben für die Brötchen. Beide finden wir das krass.
Mir ging danach so einiges durch den Kopf, auch erinnerte ich mich an einen Werbespruch made in USA, den Kriegsdienst betreffend: It's not just a job, it's an adventure, hieß es da. Ein Abenteuer also?! Eine Tram in Tarnfarben mit Werbung fährt nun auch über den Alex. „Was suchen wir? Suchen wir Frieden? Nein, wir feiern den Krieg in unserer Schlacht für das Gute“, schrieb die Theaterregisseurin und Autorin Gabriele Gysi in ihrem jüngsten Buch. Auf Kriegstüchtigkeit kann ich wahrlich verzichten, solche Abenteuer, solch eine Schlacht für das vermeintlich Gute klingt schicksalhaft. Sollen gerade junge Menschen sich diesem Schicksal hingeben? Möge jeder und jede für sich entscheiden können, ob es wirklich das Gute ist, für das er oder sie zu kämpfen und schlimmstenfalls zu sterben bereit ist. Mein Onkel konnte es im März 1945 nicht. Ich krame seine beiden letzten Briefe von der Front hervor. Mit Bleistift gekritzelt, hatte er einzelne Buchstaben unterstrichen, um den Eltern verschlüsselt eine Ortsangabe zu machen. Und dann schrieb er, seinen zwanzigsten Geburtstag habe er auf der Fahrt an die Front verbringen müssen: „Das war zwar nicht besonders schön, aber nicht zu ändern.“ Mehrfach war zu lesen: „Im übrigen gibt es hier nichts Neues.“ An einen Sieg glaubte er nicht mehr. Das waren seine letzten Worte im Brief vom 13. März 1945 von der Front an der Neiße. Das Kriegsende erlebte er nicht mehr. Dass dies nicht einfach nur Schicksal war, wissen wir heute, die Schuldigen kennen wir. Auch für unseren Ehrenvorsitzenden Dr. Gerhard Schewe war das heutige Kriegsgeheul Anlass, auf seine Jahre vor 1945 zurückzublicken. Er tat dies in einem Beitrag für „Das Blättchen“, einer online erscheinenden Zweiwochenschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft. („Kindheit im Krieg“ in: Das Blättchen, 28. Jahrgang, Nr. 22, Dezember 2025). Hier ein Auszug:
Schicksal war damals ein geflügeltes Wort. In ihrer Rat- und Hilflosigkeit angesichts des scheinbar Unbegreiflichen, das über sie hereinbrach, flüchteten sich die Menschen in den Schicksalsglauben. Er enthob sie der Mühe des eigenen Denkens, ja Denkenwollens. Ist sowieso alles vorbestimmt und nicht zu ändern. Schicksal eben! Dieser Verzicht auf den Gebrauch des Verstands zugunsten einer geradezu epidemischen Irrationalität liefert vielleicht eine Erklärung für an sich unbegreifliche Verhaltensweisen, bis hin zum starren Glauben oder richtiger vielleicht Glaubenwollen an den „Endsieg“, als der Zusammenbruch des „Dritten Reichs“ nun wirklich nicht mehr ignoriert werden konnte, wie im Herbst 1944, als die Alliierten zum Rhein vorstießen, die Sowjets nach Ostpreußen und der Himmel über Deutschland den Viermotorigen gehörte.
Genau zu der Zeit, im September oder Oktober 1944, leistete ich meinen glücklicherweise einzigen aktiven Beitrag zum Kriegsgeschehen. Der Führer, hieß es, hätte seiner Jugend eine strategisch höchst wichtige Aufgabe anvertraut, nämlich die Errichtung eines Ostwalls, der den Feind noch jenseits der alten deutsch-polnischen Grenze aufhalten sollte. Der Einsatzort, der uns paar Dutzend Pimpfen zugewiesen worden war, schien hierfür denkbar ungeeignet zu sein: Eine gottverlassene flache Heidelandschaft unweit der an der Bahnstrecke nach Posen gelegenen Kleinstadt Birnbaum, ein paar Zelte, eine Baracke, Sandwege, irgendwo eine verlassene Waldarbeiterhütte … Ich entsinne mich nicht, was wir mit unseren 14, 15 Jahren dort überhaupt gemacht haben. Von großem militärischen Nutzen ist es sicher nicht gewesen und passte so haargenau zu einem jener sarkastischen Soldatenwitze, die damals die Runde machten: „Wie lange brauchen russische Panzerfahrer, um ein deutsches Hindernis zu überwinden? Genau eine Stunde. 59 Minuten lachen sie sich halb tot, und in der 60. Minute fahren sie drüber weg.“
Als es dann ernst wurde, im Januar 1945, hat unser Ostwall offenbar nicht einmal diese eine Stunde standgehalten. Es wäre keine Ehre gewesen, wenn wir das ursprünglich verheißene Schutzwall-Ehrenzeichen wirklich noch erhalten hätten. Fast unbehindert rückte die Rote Armee binnen weniger Tage von der unteren Weichsel über Posen und Landsberg an der Warthe bis zur Oder vor, sogar bis an den Fuß der Seelower Höhen, wo dann – nur noch eine gute Autostunde von Berlin entfernt – im April die letzte große Schlacht dieses Krieges stattfinden sollte.
Da war sie dann auch, die Stunde Null. Neue Wege sollten beschritten werden. Auch der junge Gerhard Schewe nahm sein Leben in beide Hände und ging seinen neuen Weg.
Darüber und was ihm dabei passierte möchte ich mit ihm, dem heute bald Sechsundneunzigjährigen sprechen.
Am Ende Ihrer Erinnerungen schreiben Sie, ein Ungetüm mit dem roten Stern habe direkt vor Ihrem Haus gehalten. „Woina kaputt“, habe einer der Soldaten gesagt, der Krieg ist aus. War Ihnen zu dem Zeitpunkt schon klar, wir müssen jetzt neue Wege beschreiten. Oder kam das später?
Nein, das kam später, in der Zeit vor dem Abitur 1949, das dann die Entscheidung Studium oder Broterwerb erforderte. 1945 waren erst einmal alle bisherigen Wege gekappt. Das Ende des „Dritten Reichs“ hatte ich mit der Vorstellung einer Art Götterdämmerung verbunden. Gedanken, ob und wie es nun irgendwie weitergehen würde, liefen ins Leere. Von Interesse war allein die Frage, ob man am nächsten Tag etwas zu essen hatte.
Sie haben dann den Weg in die Romanistik eingeschlagen. Warum? Hatten Sie viel gelesen oder hat Sie jemand inspiriert, diesen Weg zu gehen?
Natürlich könnte ich hier meinen alten Deutschlehrer nennen, der uns Klemperers „LTI“ (Lingua Tertii Imperii, die Sprache des Dritten Reichs – d.R.) lesen ließ. Ausschlaggebend war aber wohl die Faszination, die gerade Frankreich auf mich ausgeübt hatte, das historische, wie kulturelle oder was man nach dem Krieg dem Hörensagen nach davon eben so wusste. Neugier spielte dabei bestimmt eine Rolle.
Wie prägend war Ihre Zeit als Student an der Humboldt-Universität? Was fällt Ihnen spontan dazu ein?
Da fällt mir eine Begegnung mit Victor Klemperer ein, die sich wohl fest in mein Gedächtnis eingeprägt hat. Klemperer leitete damals das Institut für Romanistik der Berliner Humboldt-Universität. Vor meinen Augen erscheint ein überfüllter Hörsaal im teilweise noch kriegszerstörten Hauptgebäude. Studierende fast aller Fakultäten waren gekommen. Das angekündigte Thema – Rousseaus „Bekenntnisse“ – interessierte nur die Wenigsten, man wollte ihn hören, erleben. Er war klein, wach und lebendig, wenngleich gebeugt unter der Last seiner über 70 Jahre und seiner leidvollen Erfahrungen. Stets vermeinte man hinter ihm das Dresdener Judenhaus zu sehen, die Bombennacht, die Flucht. Er sprach leise, ohne Manuskript, alle hingen an seinen Lippen. Und dann entstand vor unserem geistigen Auge Schritt für Schritt, Schicht um Schicht das Bild einer Weltepoche oder einer großen Persönlichkeit, ein Konstrukt sich spiegelnder Facetten von Geschichte, Kunst, Sprache, Psychologie, Religion. Niemand konnte sich der Faszination eines solchen Vortrags entziehen. Diese Erlebnisse waren es, die dazu beitrugen, sich mit einem gewissen Stolz als Humboldtianer zu fühlen.
Ich weiß, dass Bücher für Sie und Ihre Frau Wegbegleiter waren. Ihnen beiden wurde im März vergangenen Jahres die Ehrenmitgliedschaft der Association Romain Rolland in Deutschland verliehen und damit Ihre Verdienste für die fanzösische Literatur und das Werk des Humanisten und Pazifisten Romain Rolland gewürdigt. Was haben für Sie die Bücher von Rolland so besonders gemacht?
Das kann man so pauschal nicht beantworten. Am Anfang stand unsere gemeinsame Übersetzung der Artikel, die Rolland zwischen 1914 und 1919 in der Schweiz veröffentlicht hatte (dt. „Der freie Geist“, 1966). Hierin ging es, natürlich und heute wieder brandaktuell, um den Krieg, seine Hintergründe und Auswirkungen, Nutznießer und Verlierer. Aber auch um die namenlosen Helden dieser Zeit, die Vordenker und möglichen Gestalter einer künftigen Friedensordnung in Europa. Das waren Schlüsseltexte für das Verständnis der Zeit und die Frage der Verantwortung des Künstlers auch in dem ebenfalls von uns übersetzten Briefwechsel zwischen Rolland und Stefan Zweig. Für mich hatte die Beschäftigung mit Rolland noch einen ganz anderen Aspekt. Ich identifizierte mich dabei auch mit seinem vorgelebten Beispiel eines gesellschaftlichen Engagements ohne Bindung an irgendwelche Vorgaben ideologischer, religiöser oder institutioneller Art und konnte mich in der DDR in kulturpolitisch strittigen Situationen gegebenenfalls darauf berufen.
Sie haben in all den Jahren für den Kulturring mit viel Herzblut gearbeitet. Sie beschritten dabei auch immer wieder neue Wege. Und Sie hatten immer wieder Ihre alte Schreibmaschine, dann auch Ihren PC bei der Hand und haben viel geschrieben. Wobei hat Ihnen das Schreiben geholfen?
„Herzblut“ ist natürlich eine poetische Übertreibung, trifft die Sache aber schon. Ich hatte mich nach dem Posten nicht gedrängt, ihn dann aber ausgefüllt, so gut es ging, immer der Verantwortung für so viele Mitarbeiter und Interessenten bewusst. Das Schreiben hatte hiermit insofern zu tun, als es durch das damals für mich neue Medium, die vom Kulturring publizierten „Kultur news“, von der privaten Ebene (Tagebuch) jetzt auf eine öffentliche (Einmischung) gehoben wurde. Es hat mir geholfen, bestimmte Sachverhalte genauer zu durchdenken, bestimmte Herausforderungen bewusster anzunehmen. Und außerdem hat es mir einfach Spaß gemacht, immer nach dem Motto „res severa verum gaudium“ (nach Seneca: Ernste Arbeit bringt wahre Freude). Mit dem neuerlichen Zugang zum „Blättchen“, das sich in der Tradition der berühmten „Weltbühne“ sieht, hat sich der Spielraum meines Schreibens noch einmal erweitert.
Was halten Sie von der ausgerufenen Zeitenwende? Sind die neuen Wege, zu denen es wieder einmal keine Alternative geben soll, gangbar und zielführend? Sind es vielleicht sogar alte Wege in neuem Gewand? Positiv gesprochen, regen sie vielleicht zum Denken und eigenverantwortlichen Handeln, ja auch zum Widerspruch an? Sind wir auf der Suche nach dem Guten?
Wenn ich mit meinem heutigen Weltverständnis zwanzig wäre, würde ich als erstes Chinesisch lernen. In ihrer jetzigen ökonomischen, politischen und moralischen Verfassung halte ich den sogenannten Westen langfristig für nicht mehr überlebens- oder gar führungsfähig, es sei denn, er schafft es, sich noch einmal zu einer echten „Zeitenwende“ auf den genannten Gebieten aufzuraffen, was aber eine uneingeschränkte Reformwilligkeit voraussetzt, die volle Bereitschaft, sich beim Denken des eigenen Kopfes zu bedienen. Kurzum – jetzt spricht der Romanist – Aufklärung und Rationalität wieder zum Maßstab der Dinge zu machen. Und hierbei können wir alle mitwirken.