Schwebende Fenster

Mona-Elise Sy

Der Weg ist steil und ohne Schild – auch ich werde ihn gehen müssen – wir alle. Mit einigen Stirnfalten betrat Marie das Krankenzimmer. Paul lag zusammengesunken im Bett, als ob er in den letzten 24 Stunden weiter geschrumpft wäre. Die Geräte piepsten wie immer, gleichgültig und geduldig. Aber die Luft im Raum fühlte sich an wie kurz vor einem Gewitter – still, gespannt, unheilvoll. Pauls Atem kam langsam und stockend, wie Schritte auf einem holprigen Weg. Marie setzte sich zu ihm und nahm seine Hand. Sie war noch warm. „Ich bin da“, sagte sie. Seine Augen öffneten sich einen Augenblick und seine Finger schlossen sich sanft um ihre. Marie fragte sich, wann sie aufgehört hatte, an Wunder zu glauben. Ihn loszulassen, erschien ihr unerträglich. Sie wollte mit ihm gehen.

Da wurde es im Raum plötzlich ganz still. Die Geräusche der Station rückten weit weg, als hätte jemand eine Tür geschlossen, die nicht zu dieser Welt gehörte. Das Licht über dem Bett verlor seine Härte. Es wurde weich wie ein Nachmittag im Spätsommer. Marie spürte einen starken Sog, der sich von ihrem Inneren über ihren Kopf hinaus erstreckte und ihre Aufmerksamkeit mit sich fortriss. Vor ihrem geistigen Auge erschien ein Licht, das alles überstrahlte, ohne zu blenden. Ein Pulsieren ging von ihm aus, eine Schönheit und eine Liebe, deren mächtige Präsenz sie später niemandem würde erklären können. Ihre Augen wurden in diese magische Helle hineingezogen, und an ihr Ohr drang ein ferner Klang leiser, unbekannter Töne in einer faszinierenden Harmonie.

Es tauchten Bilder auf, Bilder von ihrem Leben mit Paul, Bilder der gemeinsamen beinahe 30 Jahre: Da war der See, an dem sie einmal den ganzen Tag ausgelassen getobt und gestritten hatten. Da war die Bank, die Zeugin ihres ersten Kusses wurde. Da war der Moment, als er ihr den Ring an den Finger steckte und dabei so nervös war, dass er ihn fast fallen ließ. Da war die Nachricht, dass ihr kleiner Sohn die Nacht nicht überstehen würde. Die Erinnerungen raschelten leise, wie Blätter; Szenen ihres Lebens, die wie schwebende Fenster im Raum standen. Weiter ­vorne öffnete sich eine weite Landschaft, die Frieden und Ruhe aus­strahlte. Die Zeit schien hier still zu stehen. Über allem lag eine Stimmung, die sich wie eine tiefe, warme Ordnung anfühlte. 

Marie wäre am liebsten für immer in dieser Sphäre geblieben, doch aus dem milchigen Nebel löste sich eine große, schlanke Gestalt, die auf etwas zuging, was man ein Tor nennen könnte. Es war nicht aus irdischem Material, eher ein flirrender Durchgang in eine andere Existenz. Bevor das Licht die Gestalt aufnahm, drehte sie sich noch einmal um und winkte. Es war Paul, von dem jede Spur seiner Krankheit verschwunden war und der jetzt jünger und gesund aussah. Marie merkte bald, dass ihr dieses Tor verschlossen war und dass sie zurückkehren musste. Sie hätte ihm noch so viel mitgeben wollen, aber alles was sie sagen konnte, war: „Danke.“ Ein letztes Lächeln, bevor das Tor sich schloss.
Die Geräusche kamen zuerst. Ein Piepen. Stimmen auf dem Flur. Das Rattern eines Wagens. Dann das Gewicht der Welt. Maries Augen öffneten sich fast widerwillig. Auf dem Bett lag Paul, die Augen weit und starr geöffnet. Die Linie auf dem Monitor war gerade. Ein langes, erfülltes, gemeinsames Leben war zu Ende. Maries Welt stand still. Lange blieb sie an seiner Seite sitzen. Irgendwann wurde ihr ein Taschentuch gereicht. Sie hatte ihren Tränenfluss nicht bemerkt. Zuletzt ein zarter Kuss auf die Stirn und ein geflüstertes „leb wohl, Liebster“.

Draußen war es schon dunkel. Der Wind roch nach Regen, und die kühle Luft ließ den bevorstehenden Herbst erahnen. Der Parkplatz war fast leer. Sie blieb einen Moment stehen und sah zu den Fenstern der Station. Dort lag Paul, nein, nur noch sein toter Leib, sein abgelegtes Weltenkleid. „Wo mag jetzt deine Seele sein?“

Marie zog ihren Mantel enger um sich und ging ein paar Schritte in die Dunkelheit. Da ging am Rand des Parkplatzes eine Autotür auf. Ein Mann stieg aus und blieb seltsam unschlüssig stehen, als wüsste er nicht, ob er näherkommen dürfe. Marie erkannte ihn sofort. Sie musste lächeln. Er hatte gewartet. Schon eine ganze Weile.

Einsendung zum Open Call „Auf neuen Wegen“