Wo Nachbarschaft Kultur wird | Die Kulturküche Bohnsdorf

Daniel Aldridge

Wer nach Bohnsdorf fährt, merkt schnell, dass Berlin hier anders klingt. Die Straßen sind weiter, der Himmel scheint größer, und das Tempo der Stadt verlangsamt sich spürbar. Man ist nicht mehr im Zentrum des Spektakels, sondern im Alltag der Menschen. Hier in der Dahmestraße findet sich die Kulturküche Bohnsdorf. Kein repräsentativer Bau, kein Eventort, sondern ein Haus, das aus der Nachbarschaft heraus lebt. Vielleicht passt gerade deshalb der Name so gut. Eine Küche ist schließlich kein Schauraum, sondern ein Ort, an dem man zusammenkommt, redet, arbeitet, manchmal auch improvisiert. Genau so fühlt sich dieser Ort an: offen, pragmatisch, zugewandt.

Als ich mich mit Ute Kurtz dort treffe, ist der Betrieb längst im Gange. Nebenan werden Stühle gerückt, jemand bereitet einen Kurs vor, auf einem Tisch liegen Flyer für die nächsten Veranstaltungen. Es ist keine inszenierte Geschäftigkeit, eher ein ruhiger, selbstverständlicher Rhythmus. Man merkt schnell: Hier geschieht Kultur nicht als Ausnahmezustand, sondern als Teil des täglichen Lebens.

Ein Haus, das von Händen getragen wird
Ute Kurtz gehört seit vielen Jahren zum festen Kern der Kulturküche. Sie organisiert, koordiniert, sorgt dafür, dass Kurse stattfinden können, dass Räume vorbereitet sind, dass jemand da ist, wenn Fragen auftauchen. Vieles läuft ehrenamtlich, vieles jenseits fester Arbeitszeiten. „Wir sind heute zu zweit“, sagt sie nüchtern, und dann erwähnt sie die Frau, die immer noch die Kulturküche ehrenamtlich unterstützt und viele Fäden in der Hand hält, Brigitte Silna. Offiziell hat sie sich zurückgezogen, doch in Wirklichkeit ist sie weiterhin da, plant mit, denkt mit, unterstützt vor allem die Programmgestaltung. „Eigentlich hat sie aufgehört“, sagt Ute Kurtz, „aber so richtig weg war sie nie.“ Es ist ein Satz, der viel über dieses Haus erzählt. Engagement endet hier nicht mit einem Datum. Es bleibt.
Auch Frank Lietz arbeitet lieber im Hintergrund. Über den Bundesfreiwilligendienst kam er zur Kulturküche, heute kümmert er sich um Öffentlichkeitsarbeit, Plakate, Programme und Technik: „so ein bisschen von allem“, wie er es bescheiden formuliert. Kultur­arbeit sei für ihn immer ein roter Faden gewesen, erzählt er, nach Stationen im Verlag und im Rundfunk. „Man möchte ja etwas machen, das Sinn hat.“ Man glaubt ihm das sofort. Denn vieles hier geschieht ohne großes Aufheben, wie ein Geflecht aus Menschen, die Verantwortung übernehmen. Überhaupt prägt diese stille Haltung das Haus. Niemand drängt sich in den Vordergrund, vieles geschieht unspektakulär: aufschließen, aufräumen, Technik aufbauen, Kaffee kochen, Plakate verteilen. Gerade diese unscheinbaren Tätigkeiten sind es, die den Betrieb tragen. Man könnte sagen: Die Kulturküche ist weniger eine Institution als ein kollektives Versprechen, füreinander da zu sein.

Kultur als Alltagspraxis
Das Programm spiegelt diese Bodenständigkeit wider. Es gibt Tanz- und Aerobicgruppen, Kinderangebote, Mal- und Kreativkurse, Begegnungsrunden und sogar die Treffen der Anonymen Alkoholiker. Dazu kommen Konzerte, Ausstellungen, Reisevorträge, Kabarett oder kleine Lesungen. Keine Hochglanz-Events, sondern ein vielfältiger Mix, der sich an den Bedürfnissen der Menschen vor Ort orientiert. Gerade darin liegt die besondere Qualität. Kultur ist hier nichts Elitäres, sondern etwas, das man ausprobiert, besucht, mitgestaltet. Man kommt nach dem Einkauf vorbei, trifft Bekannte, bleibt auf einen Vortrag oder einen Kurs. Die Schwelle ist niedrig, fast beiläufig.
Ein entscheidender Unterschied zu vielen anderen Orten: Die Kulturküche muss keinen Gewinn erwirtschaften. Wenn zu einer Veranstaltung nur wenige Gäste kommen, ist das kein wirtschaftliches Scheitern. Diese Freiheit vom kommerziellen Druck schafft Spiel­räume für Experimente, für kleinere Formate, für Themen, die vielleicht nicht massentauglich, aber wichtig sind. Auch die Räume selbst stehen der Nachbarschaft offen. Saal, Küche oder Kabinett können zu moderaten Preisen gemietet werden. So wird das Haus nicht nur Kulturort, sondern auch Treffpunkt für Feiern, Initiativen oder private Anlässe. Es gehört den Menschen im Kiez.

Ein leiser, aber notwendiger Ort
Während man dort sitzt und dem Kommen und Gehen zusieht, entsteht der Eindruck, dass Kultur hier weniger als Ereignis gedacht wird, sondern als Beziehung. Menschen begegnen sich, erzählen, teilen Erfahrungen. Die einen bringen Zeit mit, die anderen Ideen, wieder andere schlicht ihre Anwesenheit. Aus dieser Mischung entsteht etwas, das man schwer planen kann: Gemeinschaft.

In einer Zeit, in der Kultur oft unter Rechtfertigungsdruck steht und sich an Besucherzahlen oder Effizienz messen lassen muss, wirkt die Kulturküche beinahe wohltuend unaufgeregt. Sie folgt keinem Trend, sondern einer Haltung. Vielleicht könnte man mit einem großen Wort von sozialer Nachhaltigkeit sprechen. Davon, Strukturen zu schaffen, die Menschen dauerhaft verbinden. Die Kulturküche Bohnsdorf ist deshalb kein spektakulärer Ort. Aber ein notwendiger. Einer, der zeigt, dass Kultur nicht immer laut sein muss, um wirksam zu sein. Manchmal reicht ein Raum, ein paar engagierte Menschen und die Bereitschaft, die Tür offen zu halten.

Und vielleicht ist genau das ihre größte Stärke: dass man hereinkommen kann, ohne Vorwissen, ohne Schwellenangst – und einfach bleibt.