Sag mir, wo die Blumen sind

Uwe Ludwig Lauterkorn

Tja, wo nur anfangen? Unser Garten ist weg. Kaputt. Unten ist das Beweisfoto. Erst, wenn etwas verlorengegangen ist, wird einem bewusst, wie wichtig es war. Man erlebt das bei einem Stromausfall und, wenn das Wasser abgestellt wird. Was ist der Mensch ohne aufgeladenes Smartphone, und was ist er schon ohne Toilette? Jetzt macht das Kulturhaus Baumschulenweg die schmerzvolle Erfahrung des Verlustes einer Selbstverständlichkeit, und sie ist nicht so einfach wieder einzuschalten, wie Wasser und Strom. Was ist geschehen?

Das Haus wurde vor 130 Jahren auf dem Grundstück in der damals neu angelegten Ernststraße erbaut. Man darf davon ausgehen, dass die beiden schönen großen Bäume, der Ahorn links und die Robinie rechts, die dem Garten seinen besonderen Charme verliehen, zu dieser Zeit gepflanzt wurden. Weit über einhundert Jahre lang haben sie also vieles gesehen. Sehr vieles, wie man im Eingang des Hauses auf zwei Tafeln nachlesen kann. Diese Bäume waren fünfzehn Meter hoch, sie waren majestätisch und gaben dieses angenehme Gefühl von Geborgenheit. Sie zogen die Besucher des Hauses immer wieder magisch in den Garten. Nun mussten sie, alt, krank und zur Gefahr geworden, gefällt werden. Es war eine dringend not- und aufwendige Aktion, und wir sind dem Bezirksamt Treptow-Köpenick dankbar, sie übernommen und durchgeführt zu haben. Alleine hätten wir es nicht stemmen können. Kulturamt und Facility-Management des Bezirkes entschieden kurzerhand, die Baustelle zu übernehmen. Zwei Tage lang waren fünf Baumpfleger ohne Unterlass mit Motorsägen oben in den Kronen und unten am Boden im Einsatz. Im nächsten Schritt mussten dann die Tonnen alten Holzes mit Kränen über das Haus auf LKWs in der Ernststraße verladen und abtransportiert werden. Es ist eine Zäsur für das Haus. 

Kultur und Garten, beides gehörte schon immer zusammen, wie einige Beispiele weiter unten zeigen. Seit der Kulturring das Haus betreibt, fanden jährlich Sommerfeste, Konzerte, sogar Filmvorstellungen im Garten statt. Seit 27 Jahren war er die beliebte „bessere Hälfte“ des Hauses. Beschwerten sich (sehr selten) Nachbarn über Musik- und Stimmenlärm, wurden sie mit Wein bestochen und eingeladen. Der friedliche Garten lud gern alle ein und alle schätzten ihn. Nach der Umbenennung des Hauses von „Kulturbund Treptow“ in „Kulturhaus Baumschulenweg“ und dem Neustart mit erweiterten Konzepten bekam der Garten noch mehr Bedeutung. Das „Zusammenfest“ im August 2024, bei dem eine internationale Künstlergruppe sowohl das Haus vom Keller bis zum Dach, als auch den Garten mit Installationen und Performances bespielte, bleibt unvergesslich. Auch die Bäume waren an diesem Tag nicht nur „Beobachter“, wie man auf dem Foto auf der nächsten Seite sehen kann. Seit 2024 findet unter dem Titel „Die kleine Sommerakademie“ eine neue Workshop­reihe statt. Es wird gezeichnet, gemalt, gedruckt und collagiert. Im Garten stehen dann jeweils Staffeleien, Arbeitstische und Stühle, die Kunstschaffenden wuseln mit Farbtuben, Wassertöpfen, Pinseln, Papierblöcken und Leinwänden emsig hin und her oder finden (… fanden) unter den großen schattenspendenden Baumkronen zur Konzentration. Ohne Garten wäre eine „Sommerakademie“ so inspirierend und produktiv wie eine Ballett­probe im Kohlenkeller. 

Nun sitzen wir auf einer nackten, sandigen Trauerfläche. Der Winter macht es auch nicht besser. Ich muss an das Lied denken, das Marlene Dietrich 1962 in Düsseldorf sang: „Sag mir, wo die Blumen sind“. Ohne Blick in die Vergangenheit gibt es keinen in die Zukunft. Die Bäume haben zwei Kriege „gesehen“, zwei Diktaturen „überlebt“, und nach vielen Jahrzehnten des Friedens „hörten“ sie nun wieder von Krieg. Pete Seegers Antikriegslied von 1955 ist immer noch aktuell.

Bäume und Kultur, Bäume und Kunst
Gestern sah ich in der Neuen Nationalgalerie in der Ausstellung „Netzwerke des Surrealismus“ ein Foto, auf dem Max Ernst und andere Künstler Gemälde in einen Baum im Garten hängen. Die Gruppe „entarteter“ Surrealisten harrte 1941 in der Villa Air-Bel in Marseille aus. Sie waren vor den Nazis geflohen und hofften auf Visa für die Vereinigten Staaten. Trotzdem organisierten sie eine Ausstellung. Weil der Platz im Haus nicht reichte, hingen sie Werke in die Bäume. Auch das ist Surrealismus.

Garten und Leben, Kultur und Garten
Ich erinnere mich an den Film „The Garden“ von Derek Jarman, der damit 1990 ein elegisches, kämpferisches Kunstwerk schuf. Unter anderem sieht man Tilda Swinton als Madonna, von Paparazzi gejagt. Jarmans Garten, 1986 nach seiner AIDS-Diagnose angelegt, gab ihm Halt. Hier der Trailer zum Film.

Kultur und Garten als Fürsorge und Pflege
In der Schule lernte ich Bertolt Brechts Gedicht „Vom Sprengen des Gartens“. Er verfasste es 1943 im Exil, und es ist eine Metapher für Pflege und Fürsorge. Hanns Eisler vertonte es und nahm das Stück in sein „Hollywooder Liederbuch“ auf. Hier ist eine schöne Interpretation.

O Sprengen des Gartens, das Grün zu ermutigen!
Wässern der durstgen Bäume! Gib mehr 
als genug. Und
Vergiß nicht das Strauchwerk, auch
Das beerenlose nicht, das ermattete
Geizige! Und übersieh mir nicht
Zwischen den Blumen das Unkraut, das auch
Durst hat. Noch gieße nur
Den frischen Rasen oder den versengten nur:
Auch den nackten Boden erfrische du.

Diese Garten-Kultur-Beispiele blicken bis über achtzig Jahre in die Vergangenheit zurück. Ohne Blick in die Vergangenheit kein Blick nach vorne. Und was sehen wir vorne? Unter anderem KI. Deshalb zum Ausklang das veränderte Foto des zerstörten Gartens. Der Prompt für ChatGPT lautete: 
Bitte ändere das Foto, entferne alle weißen Kunststoffsäcke voller Abfall, entferne alle Holzabfälle und Asthaufen, generiere foto­realistisch einen schönen Garten mit üppiger und natürlicher Rasenfläche, eine niedrige Hecke links, rechts und hinten an den Begrenzungen, dazu zwei lockere Blumenbeete, eins links vorne und eins rechts, setze im hinteren Teil des Gartens zwei junge Bäume ein, circa 1,5 Meter groß, einen links und einen ganz rechts, setze in die Rasenfläche drei Terrassen, jeweils circa 2 x 2 Meter groß. 

Das Ergebnis wirkt, typisch KI, zu glatt, zu schön um wahr zu sein und irgendwie unnatürlich. Aber es lässt auf einen neuen Garten mit schönen Bäumen hoffen. Es gab schon die Idee, im Frühling ein „Pflanzfest“ zu veranstalten. Und wir befinden uns schließlich in „Baumschulenweg“, da müsste doch etwas zu machen sein. Dann darf es gern wieder über einhundert Jahren dauern, bis es heißt: „Wo bist du geblieben?“