Im Studio tut sich was

Uwe Ludwig Lauterkorn

Wenige Gehminuten südöstlich des S+U Bahnhofs Frankfurter Allee liegt das ­Studio ­Bildende Kunst. Eingepfercht zwischen riesi­gen Wohnblocks, ist es einer dieser unbekannten Orte, die man in Berlin immer wieder entdeckt, diese erfreulichen Überraschungen. Gleich nebenan steht seit 133 Jahren die Pfarrkirche St. Mauritius, ebenfalls ein Kleinod im Kontrast zu den eintönigen Bauten drumherum. Seit über zwanzig Jahren betreibt der Kulturring – zum Nutzen der Einwohner durch das Kulturamt Lichtenberg gefördert – das Studio Bildende Kunst mit einem vielfältigen Angebot in der „Villa Skupin“. Der aktuelle Förderantrag für 2026 liegt zur Zeit noch im Rathaus, zehn Gehminuten vom Studio entfernt, und wir hoffen, er wird positiv beschieden. 

Nachdem Jacqueline Balzer die Einrichtung mit ihren zwölf Mitarbeitern über fünf Jahre erfolgreich leitete, taten sich im September zwei neue Kreativschaffende, Anna Jetter und Aphroditi Tsakiridou, zusammen und wollen das Studio Bildende Kunst nun zu neuen Ufern führen. Sie bilden ein starkes Zwei-Frau-Team, indem sie sich ergänzen. Anna ist Fotografin und war vorher in Felix Hawrans Team der Fotogalerie Friedrichshain tätig. Sie ist offizielle Coachin im Kulturring und wird im Studio anderen Menschen dabei helfen, ihren beruflichen Weg zu finden bzw. zu verändern. Aphroditi wiederum hat Studienabschlüsse in Literatur, Medien und Anglophone Studies und war Autorin und Regisseurin für verschiedene Produktionen, darunter auch die Youtube-Kanäle von „Funk“, dem Content-Netzwerk von ARD und ZDF. Zur Zeit arbeitet sie nebenbei an einer Publikation für die Bundeszentrale für Politische Bildung.

Die erste Amtshandlung der beiden bestand in der Planung einer Ausstellung der Künstlerin Susanne Haun. Im November eröffnete die umfangreiche Schau, die in den wunderschönen Galerieräumen einen Monat lang farbige Radierungen in verschiedenen Formaten, darunter auch bedruckte Glasobjekte, unter dem Titel „Die Erzählerin“ präsentierte. Die Vernissage war sehr gut besucht und – ein gutes Omen – am selben Abend wurde gleich ein Bild verkauft. Erfahrungsgemäß werden Kunstausstellungen nach dem Eröffnungsabend weniger besucht, deshalb an dieser Stelle die Empfehlung, das Studio Bildende Kunst gelegentlich mit Freunden zu besuchen, die Öffnungszeiten finden Sie auf Seite 30. 
Es lohnt sich – und es gibt auch Kaffee.

Das Studio erhielt ein neues Logo, das nun besser auffällt und jünger anmutet. Das Duo hat sich das Ziel gesetzt, das ­Studio Bildende Kunst im Umfeld, das durch hohe Anonymität geprägt ist, noch bekannter zu machen. Dafür konzipierten sie neue Veranstaltungsformate. Mehr dazu weiter unten. 

Neben den wechselnden Ausstellungen wollen Anna Jetter und Aphroditi Tsakiridou die gutbesuchten Veranstaltungsreihen, zum Beispiel das monatliche Galerie­frühstück, das immer ausgebucht ist, fortführen. Rotraut Simons und Jörg Bock geben abwechselnd hochkarätige Vorträge zu bekannten Größen der Zeitgeschichte. Zuletzt zu Kurt Tucholsky und Max Pechstein. Eine andere beliebte Vortragsreihe heißt FrauMachtKunst und widmet sich jeweils einer Künstlerin. Zum Beispiel standen Frida Kahlo, Maria Callas und Hildegard Knef zuletzt auf dem Programm. Auch diese Reihe ist immer ausgebucht. Weiterhin soll es die vielen Workshops zu verschiedenen Druck- und weiteren künstlerischen Techniken geben. Sie richten sich an alle Altersgruppen. Die Kurse sind jeweils für Anfänger und Fortgeschrittene geeignet. 

Weitergeführt wird auch die Reihe Stadttour Lichtenberg, die monatlich an einem Samstag stattfindet. Während eines Stadtspaziergangs, oft sind es über zwanzig Teilnehmer, gibt Britta Plachetta fundierte Hintergrundinformationen zu Geschichte und Bedeutung der jeweiligen Orte. Immer wieder ist die Überraschung groß, völlig Unerwartetes über den eigenen Wohnort, überhaupt zu Lichtenberg zu erfahren. 

Das Studio Bildende Kunst soll darüber hinaus in der Nachbarschaft mit drei besonderen Events stärker verankert werden. Wenn die Förderung vom Bezirksamt genehmigt wird, findet im Juli ein Zusammenfest statt. Das Haus und der Außenbereich mit ­Garten werden von Künstlern, Performern und Musikern bespielt und den Besuchern ein vielfältiges und spannendes Programm geboten. Dafür nutzt das neue Leitungsgespann seine guten Kontakte zur Kunsthochschule Weißensee. Zweitens, soll es zur Langen Nacht der Bilder im September einen Open Call des Studios geben, der Künstler aus Lichtenberg einlädt und in eine große Ausstellung münden wird. Und drittens, wird im Dezember ein großer Kunstweihnachtsmarkt im Haus und auf dem Außengelände stattfinden. Das Studio wird auf diese Weise zu einem willkommenen Begegnungsort im Viertel. Allein in den umgebenden Wohnhäusern leben über 16.000 Menschen.

In der unmittelbaren Nachbarschaft gibt es eine Kita und eine Oberschule, mit denen das Studio punktuelle Zusammenarbeit anstrebt. Die Mildred-Harnack-Schule ist eine zweisprachige (Deutsch-Russisch) Staatliche Europaschule. Ein erster Kontakt wurde über die Sozialarbeiter hergestellt und das Studio möchte den Schülerinnen und Schülern kreative Gruppenarbeit anbieten. 

Im nördlich gelegenen Hohenschönhausen liegt eine weitere Schule, mit der eine Zusammenarbeit angestrebt wird: die Gutenberg-Schule. Es ist eine „Integrierte Sekundarschule mit gymnasialer Oberstufe“ (sic!) und sie legt einen Schwerpunkt auf Bildende Kunst. Anna arbeitet dort bereits seit vorigem Jahr in verschiedenen Projekten mit. An der Schule gibt es mehrere Kunst-Leistungskurse und die Abiturienten müssen in der 13. Stufe eine Ausstellung organisieren. Dafür stellt das Studio ab Ende Februar Flächen zur Verfügung. 

Das Beste kommt zum Schluss: In der Gutenberg-Schule gibt es einen Raum mit Druckerpresse und Bleilettern. Namensgeber der Schule ist schließlich Johannes Gutenberg, der um das Jahr 1450 den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfand und damit eine Bildungsrevolution auslöste. Anna und Aphroditi wollen die Kontakte zu ihren Künstlern nutzen und den „Gutenberg-Raum“ mit Leben füllen, indem sie dort AGs und Workshops für die Schüler organisieren. In der Schule gibt es niemanden, der die Buchdruckpresse bedienen kann. Noch nicht . . .