Puzzleteile ergeben ein Bild - Zusammenkommen: Kulturring-Team in Reinickendorf ideenreich und vielseitig

Ingo Knechtel

Einige Jahre liegt mein letzter Besuch in der Provinzstraße 45/46 schon zurück. Viel hat sich dort in Reinickendorfs Osten, einem sozialen Brennpunkt, nicht verändert. Im Medienpoint des Kulturrings werde ich von Astrid Lehmann begrüßt. Sie knüpft alle Fäden und leitet die Kulturring-Projekte im Norden Berlins. Ich möchte direkt mit den Akteuren ins Gespräch kommen. Ich schaue mich um und freue mich, mit wieviel Liebe und Ideenreichtum die Räume gestaltet sind. Selbstgebasteltes überall, ein gut sortiertes Angebot aller Art Medien für die Besucher. Die sieben Mitarbeiter sind emsig bei der Arbeit. Da werden Bastelvorlagen vorbereitet, Bücher sortiert. Und zwei Frauen sitzen beim Puzzeln. Beim Puzzeln, während der Arbeit? Ich staune. Entspannung, Stressabbau, Pausengestaltung? Ich traue mich erstmal nicht zu fragen, denn schon werde ich den Kolleginnen und Kollegen vorgestellt. Aber ich nehme mir vor, das noch herauszufinden. 

Zwei Männer haben sich gleich bereit erklärt, meine Fragen zu beantworten, ich möchte aber gern auch eine Frau dabei haben. Und so nehmen wir als Viererrunde zwischen den Bücherregalen des Medienpoints Platz: Andreas Molter, Malinee Riedel und Adam Witkowicz. 

Bitte erzählt uns zuerst etwas über Euch selbst, wo kommt Ihr her, was habt Ihr vorher gemacht?
Andreas: Ich hab als Krankenpfleger ge­arbei­tet, bis ich das aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr konnte. Da ich mich für die Kultur generell und die Arbeit mit den Menschen interessiere, fühle ich mich hier genau richtig. Wir sind als Team mit unseren Bücher- und Medienspenden viel unterwegs, zum Beispiel in Altenheimen. Wir arbeiten künstlerisch mit Kindern, und da gibt es viel Organisatorisches sowohl hier im Haus als auch mit unseren zahlreichen Partnern zu erledigen.
Adam: Von Beruf bin ich Computergrafiker, habe früher in Werbeagenturen und Druckereien gearbeitet. Gesundheitliche Gründe und das Alter zwangen auch mich aus dem Berufsstress. Wenn man das Gefühl hat, seine Kraft wurde ein Arbeitsleben lang ausgebeutet, wenn man sich weggeschmissen fühlt wie ein Paar alte Schuhe, dann spürt man hier, dass man für die Gesellschaft nützlich ist, dass man noch etwas wert ist. Wir alle haben irgendein Handicap, aber wir tun hier etwas für Menschen, die oft von allen vergessen werden oder für die zu wenig Zeit oder Geld da ist. Das steigert unser Selbstbewusstsein, hilft über manch depressive Gedanken hinweg. Oft wundern wir uns, welche Talente bei den Kollegen schlummern, die nun zutage treten.
Malinee: Ich komme aus Thailand und lebe seit 1997 in Deutschland. Bei einem Besuch hier habe ich meine große Liebe kennengelernt. Ich habe mich bislang immer hauptsächlich um die Familie gekümmert, manche sagen dazu Familienmanagement. Aber auch da war ich immer kreativ, habe viel gebastelt und künstlerisch gearbeitet. Und genau das mache ich hier und bin richtig glücklich, in diesem Team zu sein. 

Ihr begegnet also vielen verschiedenen Menschen, arbeitet mit Kindern und macht ältere Menschen glücklich. Ihr unterstützt sozial Schwache und auch Behinderte. Irgendwie kommen sie alle auf diese Weise zusammen, nicht immer persönlich, aber doch bei Euch, in Eurem Engagement. Könnt Ihr da noch etwas mehr erzählen?
Andreas: Na klar. Wir sind jeden Dienstag mit unseren Bücherangeboten bei der Ausgabestelle Laib und Seele der Evangeliumsgemeinde in der Klemkestraße, wo wir die Lebensmittelhilfe für Menschen in Not durch „geistige Hilfen“ für die Seele ergänzen. Und da kommt man mit den Leuten ins Gespräch, sieht auf vieles plötzlich mit ganz anderen Augen.
Adam: Ja, zum Beispiel folgende Geschichte. Eine arabische Familie, die Mutter mit einer ca. 5jährigen Tochter, kommt zur Tafel. Die Tochter sieht ein schönes Buch „König der Löwen“, Sie wissen schon, die Disney-Geschichte. Natürlich bekommt die Kleine das Buch, ist überglücklich. Kurze Zeit später bringt sie es weinend zurück. Der Vater will keine westliche Kultur. Letztlich konnte sie doch sein Herz erweichen, und er ließ sich umstimmen. Da hab ich gedacht: Liebes Kind, heute hast du den ersten Schritt zu deiner Freiheit gemacht.
Malinee: Die Arbeit mit den Kindern macht mir sehr viel Freude. Und es ist leicht, sie zu begeistern. Dabei haben sie ganz viele Fragen, nicht nur zum Basteln, sondern auch ganz persönliche. Sie sind total offen und neugierig.
Andreas: Wenn man denen in die Augen schaut, das bringt ein Glücksgefühl. Mit wie wenig, mit wie einfachen Dingen man ein Lachen zurückbekommt. Oder auch 2019 beim Projekt „Neue Heimat“, als eine geflüchtete Kurdin aus dem Irak bei uns das Schreiben lernte. Die wollte echt hier mit uns leben, sich integrieren.
 

Ich spüre schon, das alles, die gemeinsame Arbeit macht etwas mit Euch.
Adam: Ja unbedingt. Wenn man sieht, mit wie wenig Aufwand man den Menschen helfen und Freude bereiten kann. Ich bin Pfeifenraucher. Wenn ich abends meine Pfeife stopfe, denke ich, heute hast Du den Tag nicht vergeudet, hast andere Leute glücklich gemacht.

Plötzlich kommt ein Pärchen in den Medienpoint, unterbricht uns, denn sie suchen ein Kochbuch. Das ist für das Wochenende total wichtig. Wir sitzen im Weg, sie müssen an das blockierte Regal. Nach einer Pause, in der die Kundin glücklich etwas Geeignetes gefunden hat, geht es weiter.
Andreas: Das war ein gutes Beispiel, was von unseren Lokalpolitikern oft verkannt wird, wenn es um Unterstützung für soziale Projekte geht. Solche Leute würden sich in großen Bibliotheken überhaupt nicht zurecht finden. Die brauchen das „Heimische“, den menschlichen Kontakt. Mitunter ist das Gespräch mit ihnen wichtiger als das Buch. Für sie ist das das beste Angebot.

Könnt Ihr noch etwas mehr über Eure Aktionen berichten?
Adam: Wir nehmen regelmäßig mit Büchertischen und Bastelaktionen an Stadtteilfesten teil, wie zum Beispiel am Lettefest. Da zählen wir dann schon mal an die 300 Besucher an unserem Stand. Und das haben wir vorhin bei den ständigen Angeboten vergessen: Wir sind regelmäßig in Altenheimen, haben zur Zeit in drei Heimen Büchertische. Da gibt es ganz viele Gespräche und Kontakte mit den älteren Menschen. Wir versuchen, ihre Wünsche zu erfüllen, durchsuchen unsere Bestände und erfreuen sie mit der passenden Lektüre. 
Andreas: Aber das wichtigste Event im Jahr ist die Kinderkunstmeile, meistens im September. Dieses Jahr hatten wir die Sechzehnte. Dafür sind wir seit dem Frühjahr unterwegs, reden mit vielen Schulen und Einrichtungen. Leider fällt seit der Pandemie viel Kunstunterricht an den Schulen aus. Anfangs haben sich Kinder von über 30 Schulen und Einrichtungen beteiligt, jetzt sind es leider nur noch an die 10. Wir hoffen, das wird wieder besser, denn Kunst und Kultur ist es doch, was ein Volk auszeichnet, es ist irgendwie das kollektive Gedächtnis. Kunst und Kultur, Dichter und Denker und nicht nur die Politik. Wir sind unserem Partner, der Evangeliums-Kirchengemeinde am Hausotterplatz jedenfalls sehr dankbar, dass sie uns so toll dabei unterstützt und ihre Räume für die Ausstellung und die Mitmachaktionen zur Verfügung stellt.
Malinee: Wir bieten an dem Tag Aktionen für Kinder an, nicht nur Ausstellungen. Nur Bilder anschauen, wäre ja langweilig. Die Pastrorin hat uns geholfen, auch mit Preisen für die Kinder. 
Andreas: Mit dem Aktionstag verfolgen wir einen Grundgedanken. Die Leute sollen sehen, was passiert aus künstlerisch-kreativer Sicht an den Schulen. Und zum anderen wollen wir eine Möglichkeit anbieten für den Austausch von Ideen zwischen Schulen, Lehrern und Erziehern.

Kommen wir zurück zum eigenen Team? Klappt die Zusammenarbeit? Was macht Euch Freude?
Adam: Die gemeinsame Idee ist entscheidend. Und unsere Chefin Astrid Lehmann, sie lebt für dieses Projekt. Sie macht uns Mut. Da hat man ein gutes Gefühl und spürt auch, wie sich die Leute ergänzen. Sie kommen aus allen Schichten. Das Team ist ein Ort der Begegnung von Leuten, die im normalen Leben so nie zusammen kämen. Man lernt neue Sichtweisen, was auf dieser Welt passiert, auch durch den Kundenkontakt. Im Fernsehen hörst Du, was politisch korrekt ist, aber die Leute erzählen uns ihre eigenen Geschichten, was sie erlebt haben, auf der Flucht, und so …
Andreas: Das Team bringt mir sehr viel, man lernt eine Menge. Wir haben studierte Leute hier, Wissenschaftler, den kleinen Mann von der Straße, den Menschen aus der Mittelschicht – eine breite Masse an Kultur. Man muss sich zwangsläufig auf andere Leute einstellen, muss lernen, kompromissfähig zu sein. 
Malinee: Wenn Ihr mich fragt, was mein schönstes Erlebnis in letzter Zeit war, dann muss ich sagen, es ist immer der Moment, wenn ich ins Team komme und mit allen kreativ sein kann.
Adam: Ja, da hast Du recht. Wir haben spontan zusammen gekocht, mit den verschiedensten Speisen haben wir eine Weihnachtsrunde gestaltet. Wir haben getanzt, die Verständigung klappte schnell auch bei Leuten, die anfangs verschlossen waren, weil sie ihre Erlebnisse erst verarbeiten mussten.

Den Medienpoint in der Provinzstraße wird es am 1. Mai zwanzig Jahre geben. Auch die Kinderkunstmeile gab es erstmals am 15. Oktober 2006 in Lübars. Das ist eine lange Zeit, in der es oft mit der Finanzierung gekriselt hat, in der es Versprechen gab, aber auch in der neue Ideen entstanden. 
Adam: Gerade weil wir so gut harmonieren, ist das eine ganz schwierige Frage. Ständig kommen auch noch Mitarbeiter von früher hierher und zeigen ihre Verbundenheit. Schön wäre es, wenn die Politik erkennen würde, wie wichtig wir sind, gerade hier für Reinickendorf-Ost. Oder wenn es einen großzügigen Spender gäbe. Für die Medienspenden sind wir allen sehr dankbar, sie sind das Salz in der Suppe. Aber diese Unsicherheit in der Finanzierung ist Stress für jeden einzelnen. 
Andreas: Irgendwie bleibe ich Optimist. Wir haben viele Verbündete, wir arbeiten in der Vernetzungsrunde im Kiez mit. Vor einiger Zeit wurden wir von der Behinderten­werkstatt Mosaik kontaktiert. Eine Ergotherapeutin hatte über die Kulturring-Webseite von uns erfahren. Wir helfen dort mit Spenden, füllen Bücherschränke, unterstützen auch mal mit Bastelvorlagen. Es gibt immer wieder neue Ideen und Gleichgesinnte. Und überall, auch im Jobcenter, arbeiten Menschen, die sich für soziale Arbeit interessieren und sich für deren Förderung einsetzen. Das Wichtigste ist, man bleibt offen im Geist.
Ein schönes Schlusswort, finde ich. Die Verabschiedung vom Team ist herzlich. Die zwei Kolleginnen, Kadrien Yansen und Nicole Fuchs, puzzeln immer noch. Das will ich jetzt zum Schluss doch wissen, schließlich ist das eine ein 1.000er Puzzle. Das kostet doch Zeit. Die beiden lösen mein Rätsel, keine Entspannungsübung oder Pausenbeschäftigung. Nein, die Puzzles sind Spenden. Und da sie gebraucht sind, müssen sie vor einer Weitergabe auf Vollständigkeit geprüft werden. Auf meinem Rückweg fügen sich meine Erlebnisse nun auch wie ein Puzzle zusammen – und es bleiben nachhaltige Eindrücke von einem tollen, engagierten Team.