Zwischen Kiez, Klang und Kontinuität - Ralf Schmidt eröffnet mit „Horcht doch mal rein“ neue Räume für Live-Kultur

Daniel Aldridge

Als Bassist von Interzone hat Ralf Schmidt die großen Bühnen kennengelernt, doch seine neue Reihe „Horcht doch mal rein“, initiiert im Rahmen des Kulturring, setzt ganz bewusst auf das Gegenteil: Nähe statt Distanz, Wohnzimmer statt Konzertsaal. Die Idee dazu war denkbar unspektakulär und entstand, wie Schmidt erzählt, beinahe zufällig. Armin vom Kulturring habe ihn gefragt, ob er nicht etwas „Kleineres, Feineres“ kuratieren wolle, Abende, die ohne großen technischen Aufwand auskommen und dem Publikum unmittelbare Begegnungen mit den Auftretenden ermöglichen. 

Was zunächst wie ein Nebenprojekt beginnt, nimmt schnell Fahrt auf. Schmidt schlägt Duo- und Soloabende vor, akustisch, intim, charakterstark, und trifft mit dem Konzept offenbar einen Nerv. Die Termine für das kommende Jahr waren „ratzfatz voll“, wie er es beschreibt. Die Musikerinnen und Musiker seien begeistert, „schon scharf drauf, zu spielen“. Ein Format entsteht, das aus der Szene erwächst und zu ihr zurückwirkt.

Dass Schmidt so viele Künstlerinnen und Künstler kennt, liegt an der Biografie eines Mannes, der nie stehengeblieben ist. Theatermusik in der Tribüne, Tourneen mit deutschen und internationalen Bands, Jahre in England und Australien, ein Erich-Mühsam-Projekt und Filmaufnahmen mit Jim Rakete. Das musikalische Leben des Berliners ist eher ein Geflecht als eine Linie.

Sein Netzwerk entsteht aus diesen Jahrzehnten kontinuierlicher Arbeit. Kontakte, erzählt er, entstehen oft durch Zufälle: vorbeigehen, jemanden treffen, wieder ins Gespräch kommen. Der Kulturring bietet ihm nun mit dem Kulturhaus Baumschulenweg und der Kulturküche Bohnsdorf eine Heimat, ohne ihn in enge Strukturen zu zwängen. „Das ist pflegeleicht“, sagt Schmidt lachend, und meint damit vor allem eines: Es geht um Musik, nicht um Bürokratie.

Apokalyptusbonbon im intimen Raum
Für die Premiere Anfang November wählte Schmidt den Leipziger Liedermacher Ralph Schüller, begleitet von Frank Oberhof & Die Liedertour. Die Formation spielt komplett unverstärkt, eine Entscheidung, die den Charakter der Reihe prägt. Schmidt selbst begleitet, ursprünglich „nur für ein paar Lieder“, doch am Ende sitzt er fast den ganzen Abend mit auf der Bühne. Schüllers Lied „Apokalyptusbonbon“, zugleich Titel seines aktuellen Albums, steht exemplarisch für das, was Schmidt an seiner Auswahl wichtig ist: poetisch, melancholisch, kritisch,  aber nie düster um der Düsterkeit willen. „Politik ist immer mit drin“, sagt Schmidt, „aber nicht platt, sondern nachdenklich.“ Und damit trifft das Format auch ein Publikum, das sich nach leisen, ehrlichen Tönen sehnt.

Die kleine Form ist kein Nachteil, sondern Programm. Der Raum im Kulturhaus Baumschulenweg zwingt ohnehin dazu, minimal verstärkt oder ganz akustisch zu arbeiten. Und genau das liebt Schmidt: „Die Wohnzimmeratmosphäre. Da braucht es nicht viel.“ In Bohnsdorf, wo mehr Platz ist, könne es künftig auch mal größere Ensembles geben, doch der Kern der Reihe bleibt das Unmittelbare.

Gerade in einer Zeit, in der Kultureinrichtungen mit Kürzungen kämpfen und viele Orte um ihre Existenz ringen, sieht Schmidt in solchen niederschwelligen Angeboten eine wichtige Stütze für die lokale Kulturlandschaft. Das Stammpublikum in Bohnsdorf, sagt er, sei „treu und dankbar“, einfach weil es „das Einzige“ ist, was dort kulturell regelmäßig passiere.

Was Schmidt über die Jahre getragen hat, ist eine Mischung aus Neugier und Beharrlichkeit. Die großen Tourneen der Interzone-Zeit liegen nun Jahrzehnte zurück. Dass er damals ausgestiegen ist, war eine Lebensentscheidung: „Entweder stirbst du, oder du fängst nochmal neu an.“ Australien wurde zur zweiten Heimat, das Unterrichten zum stabilisierenden Element. Überall hat er gelernt und überall Menschen getroffen, die spätere Projekte ermöglichten. Sein aktuelles Erich-Mühsam-Projekt, während der Corona-Zeit entstanden, ist für ihn „eigentlich Musiktheater“, eine Collage aus Text und Musik. Schmidt bleibt damit auch literarisch verwurzelt. In seinen Erzählungen wird deutlich, dass Musik für ihn nie nur Klang, sondern immer auch Haltung, Geschichte und Sprache ist. Für „Horcht doch mal rein“ benötigt Schmidt kein großes Konzept. Gute Leute, sagt er, erkenne man einfach. Er wählt nach Qualität, Haltung und Unterhaltungswert aus und nach dem Gefühl, ob die Künstlerinnen und Künstler das Publikum wirklich berühren können. Moderation betreibt er in aller Bescheidenheit: ein paar Worte zur Einführung, kein aufdringliches Erzählen. „Das gehört den Künstlern. Nicht mir.“ Manchmal wird er sicher auch mitspielen. Aber eigentlich möchte er die Bühne freihalten. „Es ist nicht meine Musikreihe“, sagt er, und man glaubt es ihm sofort.

Ausblick
Die Reihe soll wachsen, aber nicht verwachsen. Vielleicht gibt es irgendwann kleine Tourneen durch die verschiedenen Kulturring-Standorte, vielleicht bleibt es bei der charmanten Unvorhersehbarkeit, die Schmidt so liebt. Klar ist: Solange es Musikerinnen und Musiker gibt, die bereit sind, ohne großes Drumherum aufzutreten, und ein Publikum, das zuhört, wird „Horcht doch mal rein“ ein Ort bleiben, an dem Kultur wieder das wird, was sie im Kern ist: Begegnung.