Die Aura des Ausrangierten | Wie Upcycling-Kunst den Sinn für „zero waste“ öffnet

Martina Pfeiffer

Müll – eine unliebsame Begleiterscheinung, wo immer der Mensch auftaucht. Stetig wachsende Müllberge sind eine der großen ­Malaisen der Zeit. Schon jetzt gibt es mehr von der Industrie hergestellte Dinge als Biomasse auf der Erde. Sich auftürmende Abfälle an Land und Treibplastik in den Ozeanen sind die Kehrseite des Konsums. Das gewohnheitsmäßige „Weg damit!“ macht das Entsorgte zum Entwerteten. Dabei fallen rasendem Konsumgüterverbrauch und Wegwerfwahn potenzielle Schätze zum Opfer. 

Die Idee, in dem von der Gesellschaft verachteten Unrat einen Wert zu erkennen, verschafft scheinbar nutzlosen Dingen eine qualitative Dimension. Mehr dazu im Interview mit dem Upcycling-Künstlertrio ­Andrea Bonfini, Paola Kubes und Fabrizio Frau.

Woran hat sich Ihre Begeisterung für Up­­cycling-Kunst erstmalig entzündet?

Paola Kubes: Recyceln und Wiederverwenden sind für mich echte Inspirationsquellen. Ich genieße den ganzen Ablauf, vom Finden des Materials über das Entwickeln einer Idee bis zum fertigen Bau oder der handwerklichen Umsetzung. Wiederverwendung sollte eigentlich die ethische Grundlage jedes Designprojekts sein. Es gibt mehr als genug Materialien, die überproduziert wurden oder eine viel längere Lebensdauer hätten, als unser Konsumverhalten ihnen erlaubt. Warum sie also nicht sinnvoll nutzen?

Haben Dinge, die andere aussortiert und in die Tonne gekickt haben, eine Aura?

Fabrizio Frau: Ja, definitiv! Man muss nur einen anderen Blickwinkel einnehmen und es über den Tellerrand des Mülls hinaus betrachten.

Welches Fundstück hat Sie so beeindruckt, dass Sie gesagt haben: Das ist es! Dem will ich unbedingt ein zweites Leben geben!

Fabrizio Frau: Das passiert mir ständig! Aber es gab eine lustige Situation, in der ich auf der Straße zwei Plakate mit Rahmen gefunden habe, die ursprünglich Werbung für einen Zirkus waren. Ich habe sie sofort mitgenommen und in mein Atelier gebracht, wo ich sie in zwei Gemälde für die Kollektivausstellung „Organic Geometric“ mit Andrea und Paola verwandelt habe.

Was macht Ihnen Sorgen in einer Gesellschaft, in der so vieles dem Konsum untergeordnet ist?

Fabrizio Frau: Mich beunruhigt an unserer Konsumgesellschaft vor allem die Gefahr, die Verbindung zur Realität und zur Natur zu verlieren und uns an ein oberflächliches Leben zu gewöhnen, in dem wir den Wert der alltäglichen Dinge aus den Augen verlieren. 

Wie können mehr Menschen dazu bewegt werden, ein Ressourcenbewusstsein zu entwickeln und statt der Haltung „weg damit!“ neue Wege zu gehen? 

Andrea Bonfini: Um das Recyclingbewusstsein zu fördern, ist es hilfreich, Bildungs­programme zu implementieren, die Men­schen, ob jung oder alt, durch praktische Aktivitäten, klare Informationen und spannende Initiativen aktiv einbeziehen. Dazu können pädagogische Workshops, Besuche von Recyclinganlagen, Kunstprojekte zum Thema Wiederverwendung und Sensibilisierungskampagnen über das Internet und soziale Medien gehören. Paola Kubes: Ich glaube, ein kollektiver Beitrag zum ­Recyceln unserer Produkte wäre ein super Anfang, zum Beispiel Sammelstellen für Materialien, sortiert nach Kategorien und zu fair­en Preisen, zugänglich für Designer und Künstler. Wenn man die Bevölkerung aktiv in diesen Wiederverwendungsprozess einbindet, entsteht auch ein neues Bewusstsein für den Wert und die Lebensdauer von Dingen. 

Wie kann man Upcycling für unternehmerisch denkende Menschen und Firmen als eine kluge Investition attraktiv machen? 

Paola Kubes: Mit innovativen Ideen, einem klaren sozialen und ökologischen Bewusstsein, und mit zugänglichen Pro­duktions- und Vertriebsprozessen. 
Sie nehmen seit 2019 an der Langen Nacht der Bilder teil. Was bedeutet sie Ihnen?

Fabrizio Frau: Diese Veranstaltungen sind für uns Künstler von großer Bedeutung, da sie uns ermöglichen, viele Menschen in einem anderen Rahmen als der traditionellen Kunstausstellung kennenzulernen. 
Ist die Lange Nacht der Bilder lang genug für die Präsentation Ihrer Arbeiten und Gespräche mit den Besuchern? 

Andrea Bonfini: Wir öffnen die Türen unseres Ateliers für Besucher. Das sind auch metaphorische Türen, es sind Momente des Kontakts für jeden, der tiefer in Themen einsteigen oder das Gespräch fortsetzen möchte, indem er mit uns Kontakt aufnimmt.

Die Lange Nacht der Bilder Lichtenberg ist für das Künstlertrio seit 2019 eine unverzichtbare Veranstaltungsgröße in der Kulturlandschaft Berlins. Andrea Bonfini ist Art Director von FADE OUT Label. Dekon­struierter Vintage-Denim und Upcycling-Stoffe zeichnen die Modekollektionen aus. Designerin Paola Kubes arbeitet im Bereich Interior Design und Fabrizio Frau ist Bildhauer und Maler. Atelier des Künstlertrios: in der Kunstfabrik Herzbergstraße 55.