An einem dieser so selten gewordenen klassischen warmen, sonnigen Sommernachmittage erreiche ich im Südosten der Stadt zwischen vorstädtisch-dörflich anmutenden Häuserzeilen die Kulturküche im ehemaligen Volkshaus Bohnsdorf. Seit Juni 2004 befindet sich diese Einrichtung in freier Trägerschaft des Kulturring und wird mit Unterstützung des Fachbereichs Kultur des Bezirksamtes Treptow-Köpenick betrieben. Ein großer Veranstaltungssaal mit rund siebzig Plätzen, ein gemütlicher Tresenraum, ein Kreativatelier, eine Küche sowie zwei Büros schaffen Raum für gelebte soziokulturelle Arbeit im Ortsteil. Tanz, Yoga/Kung Fu, Aerobic, Tischtennis und Meditation gehören zu den regelmäßigen Veranstaltungen. Insbesondere findet sich hier ein Raum, in dem Kreativität, Begegnung und Kontinuität lebendig sind, beispielsweise in den Kunstkursen von Pia Szur, die ich im Tresenraum zu Kaffee und Gespräch treffe.
Seit Herbst des vergangenen Jahres leitet Szur zwei Gruppen: mittwochs den Malkurs Von Real bis Abstrakt, donnerstags den Kurs Malen, Zeichnen und Gestalten. Zuvor hatte Karl Heinz Beck, langjähriger Leiter und selbst Künstler, die Gruppen über viele Jahre betreut, ehe er altersbedingt einen Teil seiner Kurse abgab. Auch ein weiterer Maler und Bildhauer, Harry T. Böckmann, zog sich krankheitsbedingt zurück. Für Szur, die selbst schon Teilnehmerin gewesen war, lag der Schritt nahe, sich auf Anfrage einiger Damen aus der bestehenden Gruppe einzubringen. „Ich bin hier auch eher Gast“, sagt sie bescheiden. Doch längst ist sie mehr als das.
Von der Grafik zum Gemeinschaftsraum
Pia Szur ist Grafikdesignerin und Künstlerin mit eigener Handschrift, wie sich auch auf ihrer Webseite designkunst-ps.de erkunden lässt. Zudem leitet sie die renommierte Werkstatt Künstlerische Lithografie in Treptow, eine Einrichtung, die regelmäßig internationale Künstlerinnen und Künstler anzieht. In Bohnsdorf jedoch sind die Dinge kleiner, persönlicher, vertrauter.
Der Andrang auf die Malkurse ist groß. Die Plätze sind begrenzt, nicht aus mangelndem Interesse, sondern schlicht wegen des Raumes, denn acht Personen passen maximal in einen Kurs. Dabei ist das Interesse in der Umgebung vorhanden, jedoch auch aus Szurs Sicht nicht so groß, wie es gemessen an der wachsenden Bevölkerung in Bohnsdorf sein könnte. „Ich wundere mich manchmal, wie wenig hier los ist, obwohl so viele neue Leute hergezogen sind“, sagt sie.
Technik, Thema, Tempo: alles im Fluss
Die Kurse selbst folgen keinem starren Lehrplan. Vielmehr bringt Szur ein Thema oder eine Technik ein und macht Vorschläge, wie etwa Aquarellmalerei mit Gartenblumen im Sommer oder Skizzen und abstrakte Malerei, inspiriert von Kandinsky. Eine Einheit kann sich über mehrere Wochen ziehen, aber es gibt keine starre Taktung. Die Teilnehmenden dürfen mitbestimmen, jeder bringt seinen Stil, seine Geschichte mit.
Und das ist es, was diese Kurse besonders macht: die Verbindung von künstlerischer Arbeit mit sozialer Wärme. Viele der Teilnehmenden sind älter, manche im Ruhestand, andere noch berufstätig. Die wöchentlichen Kurse sind für sie mehr als nur ein Hobby. Sie sind Ausgleich, Ausdrucksmöglichkeit und bieten Gemeinschaft. „Manche sagen: Ich muss hierherkommen, ich brauche das einfach“, erzählt Szur. Der Raum wird zum Rückzugsort und zur Kraftquelle. Selbst wenn ein Thema zunächst abschreckt, am Ende steht fast immer das Erlebnis: es hat Spaß gemacht. Und es ist etwas entstanden.
Kein Unterricht, aber viel Anleitung
Dabei geht es nicht um Leistung. Szur ermutigt, gibt Tipps, lenkt, wenn nötig, aber sie schreibt niemandem etwas vor. „Es soll locker bleiben. Jeder darf seine Handschrift haben.“ Gerade das sei wichtig, denn viele hätten in ihrem Leben wenig oder keinen Zugang zur Kunst gehabt. „Wenn jemand mit einer Technik nicht zurechtkommt, sage ich: Dann mach’s anders. So, wie dein Arm das weitergibt.“
Vertrautheit statt Verpflichtung
Dass die Gruppen ein soziales Netz bilden, ist fast ebenso wichtig wie das künstlerische Arbeiten selbst. Besonders die Donnerstagsgruppe besteht seit vielen Jahren, zum Teil mit denselben Menschen, die schon vor 25 Jahren gemeinsam gemalt haben. Man kennt sich, man lacht zusammen, man fährt manchmal sogar auf Studienreise. Gleichzeitig beobachtet Szur, wie sich die Zeiten verändern, und dass sich vieles in der freien Kulturszene unter Druck befindet. Die strukturellen Sorgen um Förderungen kennt sie selbst aus ihrer Arbeit in der Litho-Werkstatt nur zu gut. „Wir machen das alles ehrenamtlich, aber wir brauchen Räume, Grundfinanzierung und Unterstützung für die Instandhaltung.“ Kürzlich fiel dort die Heizung komplett aus. Die Mittel vom Bezirksamt waren noch nicht angekommen. Die Arbeit geht trotzdem weiter, aber einfach ist es nicht.
Blick nach vorn, mit Einschränkungen
Inmitten dieser Umstände plant Szur weiterhin die Fortführung ihrer beiden Gruppen. Auch eine Ausstellung ist vorgesehen. Wie es unter Beck Tradition war, soll auch unter ihrer Leitung gezeigt werden, was in den Kursen entsteht. Langfristig denkt sie aber nicht. In zwei Jahren geht sie selbst in Rente. Und derzeit ist der Alltag dicht getaktet zwischen den Kursen, der Litho-Werkstatt und einem neuen Auftrag im Grafikdesign.
Die Kulturküche: ein Ort, der fortbesteht?
Was bleibt, ist der Wunsch, dass diese Räume der Begegnung, der Kreativität und der Gemeinschaft erhalten bleiben. „Es wäre schade, wenn das alles wegfiele“, sagt Szur. Nicht nur wegen der Kunst, sondern vor allem wegen der Menschen, die durch sie zusammenfinden. Denn was hier entsteht, zwischen Farbflecken, Gesprächen und Skizzen, ist mehr als nur ein Bild – es ist ein wichtiges Stück Lebensqualität.
