Lichtenbergs Kunstszene erwacht | Die Lange Nacht der Bilder und die Galerie GISELA

Corvin Jordan, Daniel Aldridge

Einmal im Jahr verwandelt sich der Berliner Bezirk Lichtenberg in eine offene Galerie: Seit 2018 lädt die „Lange Nacht der Bilder“ Kunstinteressierte dazu ein, einen Abend lang in Ateliers, Ausstellungsräume, soziale Einrichtungen und Projekträume einzutauchen. Mit mehr als fünfzig teilnehmenden Orten bietet sie einen einzigartigen Einblick in die künstlerische Vielfalt des Bezirks und dokumentiert gleichzeitig eine Szene im Wandel.

Niedrigschwelligkeit als Prinzip
Die Veranstaltung ist bewusst niedrigschwellig gehalten. Wer ein Atelier in Lichtenberg betreibt und am Abend anwesend ist, darf teilnehmen, ganz ohne Jury oder Vorauswahl. Diese Offenheit prägt den Charakter der „Langen Nacht“. Sie bringt etablierte Künstlerinnen und Künstler, Newcomer, Kollektive, Designerinnen und Designer sowie Institutionen zusammen – in einem Format, das Unterschiede sichtbar macht, ohne sie zu hierarchisieren.
So ergibt sich ein heterogenes Panorama: Große Atelierhäuser wie HB55, B.L.O. Ateliers oder die Studios ID sind ebenso vertreten wie kleine Off-Spaces, queerfeministische Projekträume oder soziale Initiativen. Auch Einrichtungen wie der Blaue Laden oder die Pinel-Gemeinschaften zeigen Werke von Menschen mit Beeinträchtigungen oder psychosozialen Herausforderungen – gleichberechtigt neben etablierten Positionen. Diese Offenheit ist keine Geste, sondern Programm.

Eine fragile Szene
Doch die Kunstlandschaft Lichtenbergs ist nicht statisch. Viele Kunstschaffende verlassen den Bezirk, sei es wegen steigender Mieten, fehlender Förderstrukturen oder mangelnder Perspektiven. Andere wiederum kommen hinzu, oftmals aus angrenzenden Disziplinen, wie Mode, Grafik oder Produktdesign, die sich wirtschaftlich besser behaupten können. Die „Lange Nacht“ wird dadurch auch zum Spiegel dieser Transformationsprozesse. Jedes Jahr verändert sich die Liste der Teilnehmenden. Neue Orte entstehen, etablierte verschwinden. Für die Besucher ist diese Dynamik reizvoll und für die Szene selbst bleibt sie Herausforderung und ­Chance zugleich.

Orientierung im offenen Gefüge
Um dem Publikum bei dieser Vielfalt eine Orientierung zu geben, bietet die „Lange Nacht“ geführte Touren an – sechs thematische Routen durch den Bezirk, moderiert von Künstlerinnen und Künstlern, Performern oder Kunstvermittlern. Diese Touren sind in der Regel früh ausgebucht, denn sie eröffnen Zusammenhänge und Perspektiven, die ein bloßer Rundgang kaum bieten kann.
Ergänzt wird das Angebot durch einen Shuttlebus-Service, organisiert vom Bezirksamt, der es auch weniger mobilen Gästen ermöglicht, entlegenere Orte zu besuchen. 2025 wird erstmals ein zentrales Online-Portal alle Informationen bündeln – ein Schritt hin zu mehr Barrierefreiheit und zeitgemäßer Kommunikation.
Organisiert wird die „Lange Nacht der Bilder“ vom Fachbereich Kunst und Kultur des Bezirksamtes Lichtenberg in Kooperation mit dem Kulturring. Trotz ihres lokalen Ursprungs hat sie sich längst als wichtiger Termin im Berliner Kulturkalender etabliert.

Kunstraum GISELA Haltung statt Markt
Ein fester und profilierter Akteur im Netzwerk der „Langen Nacht“ ist die Galerie GISELA in der Giselastraße 12. Der nicht-kommerzielle Projektraum, gegründet 2019, wird von einem kleinen Team betrieben und versteht sich als Plattform für künstlerische Positionen mit gesellschaftlicher Relevanz.
Ursprünglich unter dem Namen „OST-ART“ bekannt, wurde der Raum renoviert und kuratorisch neu ausgerichtet. Derzeit präsentiert GISELA sechs Ausstellungen pro Jahr in enger Zusammenarbeit mit den eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern. Atelierbesuche, gemeinsame Planung und ortsspezifische Konzeption sind zentraler Bestandteil der kuratorischen Praxis.
Vermittlung statt Verwertung

Was die Galerie GISELA besonders macht, ist das Zusammenspiel aus professionellem Anspruch und offener Struktur. Neben den Ausstellungseröffnungen gibt es begleitende Veranstaltungen, wie Gespräche, Performances, Konzerte oder Screenings. Die Dokumentation erfolgt meist in Form kurzer Videobeiträge, produziert von Alexandra von der Heyde. Diese geben nicht nur einen Einblick in die ausgestellten Werke, sondern oft auch in deren Entstehungsprozess – ein zusätzlicher Zugang für das Publikum.
Trotz ihrer unscheinbaren Lage hat sich die GISELA ein stabiles Publikum erarbeitet. Die Besucher kommen aus ganz Berlin, teils gezielt, teils über Empfehlungen. Die unmittelbare Nachbarschaft hingegen bleibt, wie in vielen Off-Räumen, schwer erreichbar, ein Umstand, den das Team durchaus selbstkritisch reflektiert.

Mehr als Ausstellung: Engagement in die Stadtgesellschaft
GISELA beschränkt sich nicht auf klassische Ausstellungen. Der Raum initiiert auch Kooperationsprojekte, Workshops und diskursive Formate. Besonders hervorzuheben sind die Arbeiten mit ukrainischen Künstlerinnen und Künstlern seit 2022: So entstanden etwa ein Musik- und Ausstellungsprojekt mit über zwanzig Beteiligten und ein Zeichenkurs für ukrainische Jugendliche.
Auch partizipative Formate mit Schülerinnen und Schülern aus der Umgebung wurden erprobt, stießen aber bislang auf gemischte Resonanz, teils aus Kapazitätsgründen, teils wegen fehlender lokaler Netzwerke. Dennoch bleibt der Anspruch bestehen, GISELA als offenen Raum für kulturelle Teilhabe zu begreifen.

Vorschau 2025: Blumen, Brüche
Zur kommenden „Langen Nacht der Bilder“ zeigt GISELA die Ausstellung „The Party is Over“ des Künstlers Gidi Gilam aus Israel, der abwechselnd in Tel Aviv und Berlin lebt. In großformatigen Blumenstillleben verhandelt er Schönheit und Verfall, Eleganz und Überdruss – visuelle Poetik im Angesicht multipler Krisen.

Räume öffnen, Möglichkeitsräume schaffen
Die „Lange Nacht der Bilder“ ist weit mehr als ein Event. Sie ist ein Möglichkeitsraum für Begegnungen, Sichtbarkeit und neue Perspektiven. Dass sie funktioniert, liegt auch an Orten wie GISELA. Räume, die Haltung zeigen, Diskurs ermöglichen und Kunst als sozialen Prozess verstehen. Wer wissen will, wie sich künstlerisches Arbeiten jenseits des Zentrums entwickeln kann, sollte hier vorbeischauen. Nicht nur zur „Langen Nacht“.

Für den Artikel sprachen Corvin Jordan und Daniel Aldridge mit Inge Gräber, Heinz-Hermann Jurczek und Felix Hawran. Die 18. Lange Nacht der Bilder in Lichtenberg findet am 5. September 2025 statt.