Einmal im Jahr verwandelt sich der Berliner Bezirk Lichtenberg in eine offene Galerie: Seit 2018 lädt die „Lange Nacht der Bilder“ Kunstinteressierte dazu ein, einen Abend lang in Ateliers, Ausstellungsräume, soziale Einrichtungen und Projekträume einzutauchen. Mit mehr als fünfzig teilnehmenden Orten bietet sie einen einzigartigen Einblick in die künstlerische Vielfalt des Bezirks und dokumentiert gleichzeitig eine Szene im Wandel.
Niedrigschwelligkeit als Prinzip
Die Veranstaltung ist bewusst niedrigschwellig gehalten. Wer ein Atelier in Lichtenberg betreibt und am Abend anwesend ist, darf teilnehmen, ganz ohne Jury oder Vorauswahl. Diese Offenheit prägt den Charakter der „Langen Nacht“. Sie bringt etablierte Künstlerinnen und Künstler, Newcomer, Kollektive, Designerinnen und Designer sowie Institutionen zusammen – in einem Format, das Unterschiede sichtbar macht, ohne sie zu hierarchisieren.
So ergibt sich ein heterogenes Panorama: Große Atelierhäuser wie HB55, B.L.O. Ateliers oder die Studios ID sind ebenso vertreten wie kleine Off-Spaces, queerfeministische Projekträume oder soziale Initiativen. Auch Einrichtungen wie der Blaue Laden oder die Pinel-Gemeinschaften zeigen Werke von Menschen mit Beeinträchtigungen oder psychosozialen Herausforderungen – gleichberechtigt neben etablierten Positionen. Diese Offenheit ist keine Geste, sondern Programm.
Eine fragile Szene
Doch die Kunstlandschaft Lichtenbergs ist nicht statisch. Viele Kunstschaffende verlassen den Bezirk, sei es wegen steigender Mieten, fehlender Förderstrukturen oder mangelnder Perspektiven. Andere wiederum kommen hinzu, oftmals aus angrenzenden Disziplinen, wie Mode, Grafik oder Produktdesign, die sich wirtschaftlich besser behaupten können. Die „Lange Nacht“ wird dadurch auch zum Spiegel dieser Transformationsprozesse. Jedes Jahr verändert sich die Liste der Teilnehmenden. Neue Orte entstehen, etablierte verschwinden. Für die Besucher ist diese Dynamik reizvoll und für die Szene selbst bleibt sie Herausforderung und Chance zugleich.
Orientierung im offenen Gefüge
Um dem Publikum bei dieser Vielfalt eine Orientierung zu geben, bietet die „Lange Nacht“ geführte Touren an – sechs thematische Routen durch den Bezirk, moderiert von Künstlerinnen und Künstlern, Performern oder Kunstvermittlern. Diese Touren sind in der Regel früh ausgebucht, denn sie eröffnen Zusammenhänge und Perspektiven, die ein bloßer Rundgang kaum bieten kann.
Ergänzt wird das Angebot durch einen Shuttlebus-Service, organisiert vom Bezirksamt, der es auch weniger mobilen Gästen ermöglicht, entlegenere Orte zu besuchen. 2025 wird erstmals ein zentrales Online-Portal alle Informationen bündeln – ein Schritt hin zu mehr Barrierefreiheit und zeitgemäßer Kommunikation.
Organisiert wird die „Lange Nacht der Bilder“ vom Fachbereich Kunst und Kultur des Bezirksamtes Lichtenberg in Kooperation mit dem Kulturring. Trotz ihres lokalen Ursprungs hat sie sich längst als wichtiger Termin im Berliner Kulturkalender etabliert.




