Das Tagebuch- und Erinnerungsarchiv Berlin

Hannelore Sigbjoernsen

Ein Treffen mit Sabine Musial

„Es gehört, alles erzählt zu werden.“ Dieser Satz fiel im Zusammenhang mit den Vorbereitungen auf die Lese-Veranstaltung: „80 Jahre nach Null – das Frühjahr 1945“, die am 9. Mai in der Kirche in Baumschulenweg stattfinden wird. Sie wird gemeinsam mit dem Kulturring durchgeführt, wobei den inhaltlichen Part natürlich der TEA-Verein gestaltet, der aus seinem reichen Material-Fundus schöpfen kann.

Seit einem Jahr gibt es diese Kooperation mit dem Verein, die für das Programmspektrum des Kulturring eine wertvolle Bereicherung bedeutet. 

Im Kulturhaus Baumschulenweg waren colorierte Gruß-Postkarten ausgestellt, die vor allem wegen ihrer Buntheit und ihrer Motive Spaß machen und ein Lächeln provozieren. Die ältesten Exemplare sind 120 Jahre alt.

Mehr als nur nostalgisch war die Schau zum Thema „Brigadetagebücher“. Diese Dokumente erzählten nicht unbedingt von der häufigen Mangelwirtschaft in DDR-Betrieben, sondern mehr von den Bemühungen, dem Arbeitsalltag auch freundliche Seiten abzugewinnen, vom sozialen Miteinander, von DDR-Betriebskultur. Was heute „teambildende Maßnahmen“ genannt wird, spiegelte sich damals in gemeinsamen Unternehmungen, bei Kultur- und Sportfesten, aber auch in den wehrsportlichen Aktivitäten wider. Die Veranstaltung zu dem Thema hatte ein volles Haus und einen langen Abend beschert.

Eine große Aufgabe sah und sieht der Verein darin, Erinnerungen an die aufregende Zeit um 1989 und den Fall der Mauer zu dokumentieren. Dazu wurden mehr als 50 Zeitzeugen aus Ost und West befragt und als Video- oder Audiodokument aufgenommen.

Gesammelt werden Tagebücher, Familienchroniken, Fotos, Briefwechsel, Lebenserinnerungen u.a.m. aus den letzten drei Jahrhunderten. Es werden Zeitzeugeninterviews zu Alltagssituationen und zeithistorischen Ereignissen aufgezeichnet und Podcasts gestaltet. Für in Sütterlin geschriebene Schriftstücke gibt es sachkundige Vereinsmitglieder, die die Texte übertragen. Alle Materialien werden eingescannt und archivgerecht gelagert. Für den sorgsamen Umgang – vor allem mit persönlichen Daten – garantiert der Verein.
Dass sich selbst aus der Sammlung alter Impfscheine politische, sozial- und gesundheitspolitische Entwicklungen seit Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Neuzeit ablesen lassen, belegt ein Beitrag in einer 2022 erschienenen Imagebroschüre. Sie gibt einen sehr guten Überblick über die Breite der Sammlungen, über besonders wertvolle Dokumente wie über das, was die Vereinsmitglieder daraus für die Öffentlichkeit, für Geschichtsinterssierte veranstaltet haben.

Wie jedem Verein ist auch dem Tagebuch- und Erinnerungsarchiv eine Geschichte voraus gegangen. Durch ihre Arbeit als Kinderärztin hatte Frau Musial Kontakt zum DDR-Kinderheim „A.S. Makarenko“ in der Königsheide und war mit dem Verein „Königsheider Eichhörnchen“ verbunden, der sich um die Geschichtsaufarbeitung der Einrichtung und seiner ehemaligen Bewohner bemühte. Das Sammeln, Sichten, Sortieren und Bewahren von Dokumenten war ihr so schon seit langem vertraut. Als sie sich im Alter von 60 Jahren von ihrer Praxis verabschiedet hatte und froh war, einen guten Nachfolger gefunden zu haben, nahm die Idee, den schon bestehenden, aber nicht mehr arbeitenden Verein TEA Berlin neu zu beleben, immer mehr Form an. Dieser Verein war 2012  von Karin Manke-Hengsbach und Mitstreitern gegründet worden. Aus einer ehemaligen Schreibwerkstatt entstanden, wurden autobiografische und Erinnerungstexte verschiedenster Autoren bewahrt. Über 180 Ordner mit Sammlungsgut waren das Startkapital, die zunächst im eigenen Haus eingelagert werden mussten. Alte und neue Verbündete wurden gesucht, die Vereinsstruktur neu aufgebaut. Einen Flyer, mit dem vor allem um originale Tagebücher geworben wurde, verteilten Freunde und Familienangehörige bundesweit. Zehn solcher Schätze waren schon mal ein sehr guter Anfang. Der Durchbruch aber kam 2024 mit einem kurzem, aber wirkungsvollen Beitrag im ZDF-Mittagsmagazin. Ebenfalls in 2024 erhielt der Verein den Paul Gerhard Stiftspreis für sein soziales Engagement, womit technische Neuanschaffungen möglich werden. Eine ehrenamtliche Arbeitsgruppe trifft sich regelmäßig im Archiv in Altglienicke oder man findet sich bei Arbeitstreffen zusammen. 32 Mitglieder zählt der Verein, zu dem auch ein wissenschaftlicher Beirat gehört, 15 weitere ehrenamtliche Mitarbeitende unterstützen die Arbeit.
Über die große Vielfalt seiner Arbeit wie über die aktuellen Veranstaltungen informiert die Webseite www.tea-berlin.de.

Nachsatz:
Unser Treffen fand bei schönstem Sonnenschein im Garten des Kulturhauses Baumschulenweg statt. Rundum Frühling und fleißige Mitarbeiter, die sich um das Grün kümmerten. Wie das so ist, wenn sich zwei Frauen erstmalig näher kennenlernen wollen, wird viel über Familie, Kinder, die berufliche Entwicklung, Interessen u.a.m. gesprochen, um am Ende festzustellen, eigentlich gehört auch dies, aufzuschreiben und zu bewahren, weil auch wir Zeitzeugen sind.