„Erlauben Sie uns einen unseriösen Quervergleich“ - Satirischer Jahresrückblick mit Henning Ruwe und Martin Valenske

Martina Pfeiffer

Politisches Kabarett lebt Opposition. Politisches Kabarett ist angriffslustig, unverblümt und ohne Schere im Kopf. In ihm steckt eine gehörige Portion Rebellentum und Anarchie. Wo Menschen mit Machtanspruch auftreten, sorgen Witz und Satire wieder für menschliche Proportionen. Daher sehen es KabarettistInnen als ihre Pflicht, so manchen hochdekorierten Würdenträgern kräftig auf die Füße zu treten, damit oben der Hut wieder gerade sitzt. Seien wir so frei und begeben uns mit Henning Ruwe und Martin Valenske auf einen satirischen Streifzug durch das Jahr 2022. Neben Spielstätten wie u. a. der „Distel“ sind Ruwe/Valenske seit Jahren in den Einrichtungen des Kulturrings zu Gast.

Zum Auftakt eine Stimme aus der deutschen Presselandschaft: „Das Ende der Welt wie wir sie kannten – Krieg“ titelt der Stern im März. Im April macht die Zeit mit dem „Prinzip Hoffnung“ auf. Greift das Prinzip Hoffnung in Kriegszeiten?
Henning: Erlauben Sie uns einen unseriösen Quervergleich. Zu Beginn von Corona haben wir auch gehofft, aus dieser Zeit zu lernen und daraus Positives ziehen zu können: Flugzeuge am Boden, Entschleunigung und mehr in die Natur gehen. Da dachten wir aber auch, die Geschichte geht schnell vorbei. Wir sind es nicht gewohnt, dass wir nicht jede Krise mal eben mit viel Geld lösen oder zuschütten können. Zwischen Krieg und Zerstörung findet auch immer noch verdammt viel Leben statt, aber das ist Geschmacksfrage, ob man sich lieber das noch stehende Haus anschaut oder die zehn Ruinen aus der Nachbarschaft. Ähnlich wie in der Anfangszeit von Corona ist es noch viel zu früh für Optimismus.

Bleiben wir auf unserem Streifzug noch im April: Die Allensbach-Umfrage ergibt, jeder Dritte glaubt, wir leben in einer Scheindemokratie und haben nicht wirklich Einfluss auf das, was sich auf der politischen Bühne abspielt. Demokratie auf der Kippe?
Martin: Erlebnisreisen nach Nordkorea und China, ganztägig mit einem regierungskritischen T-Shirt bekleidet, können sicher helfen, die Weltsicht einiger Mitbürger zu sortieren. Niemand beruft sich so leidenschaftlich gerne auf die Redefreiheit wie Demokratie­feinde. Das muss die Mehrheitsgesellschaft aushalten. Wiglaf Droste meinte einst, das Grundübel der Demokratie ist, dass sich wirklich jeder Esel darauf berufen kann. Und 2022 ist wohl mal wieder das Jahr des Esels. Kluge, weiterbringende Kritik schafft es nicht mehr in die Hauptnachrichten. Den Diskurs bestimmen die Frustrierten auf Facebook, billige Fake News und diejenigen, die an der Empörungsschraube drehen.

Weiter geht’s: Im Juni Angela Merkels Auftritt als Kanzlerin a. D. im Berliner Ensemble. Merkel am Ende des Interviews scherzhaft, sie mache nur noch Wohlfühltermine. Euer Resümee zu Frau Merkel?
Martin: Wer Angela Merkel genauer verfolgt hat, weiß, dass sie stets einen feinen intelligenten Humor mitbringt. Ein echter Bühnenprofi ist sie mit ihrer immensen Erfahrung ohnehin. Eine stabile und ruhige Phase der Bundesrepublik hat sie auf ihrer Habenseite, an große Projekte und Reformen hingegen wird sich kein Mensch erinnern. Und wie wenig vorbereitet Deutschland auf die jetzigen Krisen ist, sehen wir nun eindeutig.

Neben den Krisen haben wir Ende August einen Aufreger der besonderen Art: den „Winnetou“-Eklat. Ein Fernsehsender nimmt einen Winnetou-Film aus dem Programm, ein Verlag zieht ein Kinderbuch wegen „verharmlosender Klischees“ aus dem Handel. Daran entzündet sich die Debatte, ob der "Indianer" aus dem Wortgebrauch gestrichen werden sollte. Gretchenfrage: Wie halten Sie’s mit dem I-, mit dem N- und mit dem Z-Wort?
Henning: Winnetou wird ja auch nicht mehr schöner, jünger und geiler. Wenn die Debatte so viel größer ist als der Diskussionsgegenstand, ist es fast immer ein Alarmzeichen dafür, dass es eher um Lautstärke und Aufmerksamkeit als um die Sache geht. Denn um den Impetus der Sache, nämlich wie gehen wir in der Öffentlichkeit mit Minderheiten um und wer darf sich in der Öffentlichkeit wohlfühlen, ging es um keine Silbe.

Heftig umstritten ebenfalls: Die anlasslose Vorratsdatenspeicherung. Mit deren Verbot setzt der EuGH im September ein deutliches Zeichen, dass der Staat eben nicht alles darf. Wer weiß was über wen und was wird mit dem Wissen gemacht? Interessant für Sie?
Martin: Wir haben eine gesunde Skepsis, weil die Polizei beispielsweise bei den NSU-Morden eindrucksvoll bewiesen hat, dass ein Plus an Wissen nicht automatisch auch zu schnellem Handeln führt. Und ohnehin schwirren schon eher zu viele sensible Daten im weltweiten Netz. Da muss nicht auch noch eine überforderte deutsche Behörde dazustolpern.

Nächster Stopp. Großes Thema im Herbst: Wie Energie sparen und trotzdem nicht frieren? Die Energiepreise steigen und steigen. Haben Sie kabarettistischen Rat?
Henning: Wir haben in den letzten Jahren zu oft darauf geschaut, was arme Menschen mit ihrem Geld machen und nie darüber geredet, was reiche Menschen mit ihrem Geld anfangen. Nämlich eine unfassbare Menge an Strom, Gas und Treibstoff zu verbrauchen. Es gab nie mehr Privatjets, Luxusyachten und schwere Autos – von daher sollten wir uns doch einfach für diese Menschen mitfreuen, dass sie ihren Infinity Pool auch im Winter heizen können. Und bevor einer fragt, ob wir uns die Reichen noch leisten können: Vorsicht! Sonst kommt Christian Lindner und warnt wieder vor einer Neiddebatte. Und das wollen wir nun wirklich nicht.

Streifzugsrelevant: Im Oktober spricht Olaf Scholz sein „Kanzlermachtwort“. Der Ausstieg aus der Atomkraft wird, den Umständen geschuldet, weiter nach hinten verschoben. Ein Fall für Satire?
Martin: „Kanzlermachtwort“ ist auf jeden Fall ein schönes Wort. Nur schade, dass es bei einer absoluten Nulldebatte eingesetzt wurde und nicht tatsächlich mal bei einer Angelegenheit, die das Leben aller Bundesbürger spürbar besser macht. Wer jetzt durch den Weiterbetrieb der AKWs deutlich weniger Energiekosten hat, darf sich gerne bei uns melden.

Wäre bei unserer Stippvisite von Ihrer Warte aus noch etwas Satirefähiges nachzutragen?
Beide: Wir sind nicht nachtragend.

Ein Interview mit Ruwe/Valenske, die auch im Sechsaugengespräch des Podcastformats satirische Volltreffer landen, findet sich unter: Tatort Kleinkunstbühne: Zwei Kabarettisten packen aus