Ein willkommenes Déjà-vu

„Berlins vergessene Traumfabrik“ von Wolfgang May geht in eine zweite Auflage

Cineasten wird es nicht verborgen bleiben, dass Wolfgang Mays Buch über Berlins vergessene Traumfabrik mit dem Untertitel „Johannisthaler Filmgeschichte(n)“ jetzt eine Neuauflage erfahren hat. Die Geschichte der Johannisthaler Filmanstalten begann 1920 mit der Gründung einer Atelier-Vermietungsgesellschaft und dem seinerzeit größten Kunstlichtstudio der Welt. Mays Buch widmet sich ausführlich der bewegten Geschichte dieser Filmanstalten mit Zeitleiste, Personenregister und Spielfilmtiteln im Anhang sowie mit zahlreichen Abbildungen – und hat eindeutig mehr als Glamour zu bieten.

„Filme sind das Leben, aus dem man die langweiligen Stellen herausgeschnitten hat“ (zitate.de/kategorie/Film). Mit Ihrem spannenden Filmbuch wirken Sie nachdrücklich der Lange­weile entgegen. Was genau leistet Ihre Aufarbeitung der Lokal- und Filmgeschichte?
W. M.: Sie verändert die bisher einseitige Blickrichtung auf die Ufa. Die Geschichte der Jofa ist unterbelichtet, das kann man in der Tat so ausdrücken. Sie wurde noch nie im Zusammenhang betrachtet. Immerhin war Johannisthal neben Babelsberg das Hauptzentrum der Filmproduktion in Deutschland bis 1945 und danach bis 1991, neben dem DEFA-Spielfilmstudio in Babelsberg, das Zentrum der DDR-Spiel- und Fernsehfilmproduktion, Filmentwicklung/-bearbeitung, Synchronisation und filmtechnischer Innovation. Damit der größte Arbeitgeber in Johannisthal. Es brannte und brennt mir auf den Nägeln, dieses vergessene Stück Film- und Lokalgeschichte näher zu beleuchten und damit eine Wissenslücke zu schließen.
Könnten Sie etwas zur Entstehungsgeschichte Ihres Bandes sagen?
W. M.: Ab 2008 recherchierte ich, als das Buchprojekt dann Gestalt annahm, vor allem in der Bibliothek der Stiftung Deutsche Kinemathek. Ich erarbeitete Bild-Ton-Vorträge, die ich ab 2010 in der Region, unter anderem auch beim Kulturbund Treptow hielt. Das war eine fortlaufende Vortragsserie bis 2019. Insofern verläuft eine durchgängige Linie von den ersten Recherchen bis zur Realisierung. Ergänzt wurden die Vorträge durch eine Wanderausstellung zur Johannisthaler Filmgeschichte. Zum eingereichten Exposé gab es ein erstes Vorgespräch beim Kulturring und 2018 legte ich dann mit der Arbeit am Buch los.
Inwiefern konnte Sie der Kulturring bei Ihrem ambitionierten Buchprojekt unterstützen?
W. M.: Es gab eine gut funktionierende Arbeitsteilung. Der Kulturring kümmerte sich um die Finanzbeschaffung, also um die Antragstellung bei der Bezirksverordnetenversammlung von Treptow-Köpenick, und um den Layouter, Michael Bork. Im Team um Reno Döring war Andreas Netzeband für das Lektorat zuständig. Den Druck übernahm die Union Sozialer Einrichtungen.Werbung und Versand erfolgten durch den Kulturring. Der Kulturbund Treptow bot ein attraktives Rahmenprogramm zum 100-jährigen Jubiläum der Jofa. Ja, und dann kam der ersehnte Moment, als wir am 7. Juli 2020 mit dem Buch in Form einer Präsentation mit Lesung im Kulturbund Treptow an die Öffentlichkeit gingen.
Fritz Langs epochales Werk „Metropolis“ gilt als eine der teuersten Produktionen für damals. Oft wird verschwiegen, dass der Ufa-Film ein Desaster an den Kinokassen war. Welche erfolgreichen Filme fallen Ihnen aus dem Stegreif ein, die in Johannisthal gedreht wurden?
W. M.: Da ist zunächst 1921 „Nosferatu“ unter der Regie eines Meisters von Rang, Friedrich Wilhelm Murnau. Ein Muss für alle Filmversessenen. Bei diesem Meilenstein des Stummfilms wurden alle Atelieraufnahmen in der Jofa gedreht. Hier wurde auch 1921 der Monumentalstreifen „Das indische Grabmal“ in der Regie von Joe May und „Der Tiger von Eschnapur“ nach dem Drehbuch von Thea von Harbou und Fritz Lang produziert. In Johannisthal standen Lilian Harvey und Willy Fritsch vor der Kamera. Hier war die Wiege der Karriere dieses Traumpaars, das dort 1926 das erste Mal zusammen drehte, „Die keusche Susanne“. Gerade Fritsch wurde ja später der Prototyp des männlichen Ufa-Stars, der in Zeiten von Inflation und Arbeitslosigkeit der 30er Jahre den stets heiter gestimmten Sunnyboy verkörperte und erheblich dazu beitragen sollte, dass sich kein Unmut in der Bevölkerung breitmachte.
Und ab wann kam in der Jofa zum Bild der Ton dazu?
W. M.: Der erste Tonfilm überhaupt in der Jofa war „Die Nacht gehört uns“ mit Publikumsliebling Hans Albers in der Hauptrolle, Kinostart im Dezember 1929. Die ersten drei Karl-May-Verfilmungen der Filmgeschichte kamen aus der Jofa und waren noch Stummfilme, 1936 dann der erste Karl-May-Tonfilm „Durch die Wüste“ kam ebenfalls aus Johannisthal. Zu erwähnen ist weiterhin die erstmalige Verfilmung des „Hauptmanns von Köpenick“ nach Zuckmayer im Jahr 1931. In „Ein Lied geht um die Welt“ spielte und sang sich Joseph Schmidt in die Herzen. „­Liebelei“ von Max Ophüls mit Magda Schneider und Paul Hörbiger oder Heinz Rühmann in der Komödie „Der Mustergatte“ sagt auch vielleicht noch manch einem etwas. Und im Unterhaltungsfilm „Capriolen“ war der ­große Gustav Gründgens im Jahr 1937 sowohl Regisseur als auch Hauptdarsteller. Nebenbei bemerkt, Helmut Käutner und Wolfgang Staudte machten als Regisseure in der Jofa ihre ersten Schritte.
Ihrem Buch lässt sich entnehmen, dass aus der Synchrongruppe in der Jofa 1946 die Synchron-Abteilung der DEFA gegründet wurde …
W. M.: … und im gleichen Jahr übernahmen die DEFA-Spielfilmstudios Gelände und Ateliers der Jofa. Unvergessen Kurt Metzigs „Ehe im Schatten“, einer der ersten DEFA-Filme – er erhielt 1948 den Bambi als bester deutscher Film. In „Verwirrungen der Liebe“ sahen wir Angelica Domröse 1959 in ihrer ersten Filmrolle. Von 1962 an produzierte der Deutsche Fernsehfunk in Johannisthal Fernsehfilme bis 1990, darunter „Geschlossene Gesellschaft“ mit Jutta Hoffmann und Armin Müller-Stahl.
Sie gaben Ihrem Buch den Titel „Berlins vergessene Traumfabrik“. Im Illusionskino einer Traumfabrik – da darf neben der glaubhaften Inszenierung großer Gefühle die möglichst realistische Darstellung von Katastrophen nicht fehlen. Was zog die Jofa an Requisiten und Kulissen aus dem Hut, um Feuersbrünste, Überschwemmungen, Vulkanausbrüche und Explosionen auf der Leinwand echt wirken zu lassen?
W. M.: Bis auf den Vulkanausbruch bot die Jofa einiges auf. Seltene Außenaufnahmen gab es zum Beispiel 1931 für den Antikriegsfilm „Die andere Seite“ mit Conrad Veith. Dafür griff man auf das Waffenarsenal und die Pyrotechnik zurück, Schützengräben wurden im Außengelände ausgehoben. Zuvor war für den „Hamlet“ mit Stummfilmstar Asta Nielsen für den Königssaal mehr räumliche Tiefe erforderlich. Auch das Revolutionstribunal im Film „Danton“, in dem der Mime Emil Jannings brillierte, brauchte diese Tiefenwirkung des Raums. Deshalb wurden bei beiden Produktionen jeweils zwei der großen Filmateliers miteinander verbunden.
Wie in Ihrem Buch vermerkt ist, wurde 1941/42 „Titanic“ in Johannisthal gedreht. Würden Sie uns etwas zur Produktion und Aufführung dieses Katastrophenfilms erzählen?
W. M.: Ja, die „Titanic“ war ein Film, der in Paris uraufgeführt werden musste, weil er in Deutschland zu jener Zeit verboten war. Die Bevölkerung hierzulande sollte ruhiggestellt werden. Katastrophenfilme hätten sich leicht als Funke in einem Pulverfass erweisen können. Das wollte das Nazi-Regime mit seiner totalen Gleichschaltung verhindern. Für die Kabinenaufnahmen der sinkenden Titanic kam eindrucksvoll das große Wasserbecken der Jofa zum Einsatz.
Dass die Ufa in aller Munde war und die Jofa nie ganz aus dem Schatten der Ufa heraustreten konnte – haben Sie Ursachenforschung betrieben?
W. M.: Eine Reihe von Filmen werden als Ufa Filme klassifiziert, sind aber keine. Vom legendären Logo der Ufa bis zur Kluft der PlatzanweiserInnen in den Ufa-Filmtheatern bestimmte eine streng einheitliche „corporate identity“ die gesamte Außenpräsentation. Dieses homogene Auftreten nach außen und die Verflechtung mit Politik, Großkapital und Schwerindustrie, die mächtigen Mittel also, sind weitere Gründe dafür, dass die Ufa tonangebend war, während die Jofa als Ateliergesellschaft ihre Filmateliers an private Filmproduktionsgruppen vermietete, welche die Bild- und Tonendfertigung ihrer Filme auch in der Jofa realisierte.
Die Bedeutung der Johannisthaler Filmanstalten – immer noch ein„blinder Fleck“ in der Filmgeschichte?
W. M.: Das Deutsche Filmmuseum stellte zum 100-jährigen Jubiläum der Ufa den Vierteiler „Fridericus Rex“ mit Otto Gebühr als Ufa-Film vor, obwohl er von der Cserépy Film GmbH in der Jofa produziert war. DasVersehen lag wohl auch daran, dass unabhängige private Firmen zwar in Johannisthal produzierten, ihre Filme aber über den Ufa-Filmverleih in die Kinos bringen mussten. In den Schaukästen der Kinos befand sich auf den Fotos, wie auch auf den Plakaten, oftmals links das Logo der jeweiligen Filmfirma, rechts die Ufa-Raute mit dem stilisierten Schriftzug. Vielen Kinogängern war nicht bewusst, dass das Ufa-Emblem auf diesen Plakaten nur für den Verleih stand, nicht für die Produktion. Das sorgte allem Anschein nach für Missverständnisse, die sich über Jahrzehnte hartnäckig hielten und bis in die heutige Zeit fortwirken.

Fotografie und Filmkunst hatten von Jugend an eine starke Anziehungskraft für Wolfgang May. 1956 begann er als 16-Jähriger eine Ausbildung zum Reproduktionsfotografen in Zwickau. Von 1960 bis 1963 besuchte er die Fachschule für Angewandte Kunst in Magdeburg, wurde Fotografiker. Ab 1963 war er in der Fotoabteilung der Studiotechnik Fernsehen in Berlin leitend tätig. Parallel dazu studierte er an der Filmhochschule Babelsberg und erwarb den Hochschulabschluss in der Fachrichtung Filmproduktion. Die gewonnenen Kenntnisse wandte W. M. ab 1974 bei der Studiotechnik Fernsehen als Bereichsleiter Filmproduktion an.

Das Buch kann als Hardcover-Ausgabe ab sofort beim Kulturbund Treptow zum Preis von 29 Euro, plus Versandkosten, bestellt werden.