Uwe Lauterkorn:

Im Irrgarten

Ob wir es wollen oder nicht, wir befinden uns in einem ­Irrgarten. Alle wuseln durch die ­schma­len Gänge und Gassen der ­Analysen und Meinungen, emsig auf der Suche nach Wegbeschreibungen und: dem Ausweg.

Die Sehnsucht nach unbeschwerter Zeit ist extrem angewachsen. Die Preise für Strom, Gas und Heizöl leider ebenfalls. „Corona“ hieß der Irrgarten bis zum 24. Februar, „Krieg in Europa“ heißt er heute. Die ­Wände (Mauern, walls) sind hoch und ein Darüberspringen ist also keine Lösung. Wir müssen da durch, ob wir wollen oder nicht. In Bewegung zu bleiben, das ist die beste Methode um nicht irre zu werden. Und Irrsinn, der ist ganz offensichtlich mit im Spiel. Und er will, genau wie Sars-Cov-2, möglichst viele anstecken. Resilienz und Immunabwehr sind nun wichtiger denn je und im Kultur­bereich, der seit 28 Jahren unser Betätigungsfeld ist, gibt es unzählige Möglichkeiten, sie auszubilden und zu stärken. Allein Gemeinschaft wirkt sinnstiftend, stärkend und immunisierend.

Nachdem vor über dreißig Jahren die Mauer fiel und sich der sogenannte Ostblock auf den Weg zu mehr Freiheit und Mitbestimmung (Demokratie) machte, entstanden Brüche vielfältiger Art. Auch neue Mauern in Köpfen entstanden. Das ­Erasmus+ Projekt shifting walls, das der Kultur­ring federführend seit 2019 mit Griechenland, Spanien, Litauen und Bulgarien durchführt, widmet sich genau diesen Themen. Sie sind heute noch aktueller, ja brennender geworden. In den europäischen Partnereinrichtungen erzählen Jugendliche aus verschiedenen Ländern ihre Geschichten und artikulieren Zukunftspläne. Armin Hottmann berichtet ab Seite 8 über shifting walls.

Immer hatte Kultur, ob es die Musik, das Theater, der Film, die Bildende Kunst oder andere Bereiche waren, einen über Grenzen hinausgehenden, ja verbindenden Charakter. In unzähligen Projekten brachte sie Menschen ver­schiedener Sprachen aus unterschiedlichen Ländern zusammen und ermöglichte Begegnungen, Austausch und gegenseitiges Kennenlernen. Es sei an den Deutschen Akademischen Austauschdienst erinnert, an ­Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra oder an das Goethe-Insti­tut. Auch der ­Kulturring leistet mit seinen Mitgliedern und über zweihundert Mitarbeitern einen Beitrag, der in dieser Hinsicht nicht nur wertvoll sondern unabdingbar ist. Aus dem Irrgarten findet man am besten gemeinsam, denn was hat man davon, den Ausweg gefunden zu haben und die anderen stecken noch drinnen?