Armin Hottmann:

shifting walls

für Demokratie und Frieden

„Aber Sie scheinen sich wieder hinter einer Mauer zu befinden. Ja, es ist nicht die ­Berliner Mauer, aber eine Mauer mitten in Europa, zwischen Freiheit und Unfreiheit. Und diese Mauer wird immer stärker, mit jeder Bombe, die auf unseren Boden, auf die Ukraine, fällt. Mit jeder Entscheidung, die nicht getroffen wird für den Frieden.“
(aus der Ansprache des Präsidenten der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj, im Deutschen Bundestag am 17. März 2022)

Wir sitzen sprachlos in der Galerie der Ernststraße. Es ist der Donnerstag, 24. Februar 2022. Zum ersten Mal können wir uns als shifting walls nach langer Zeit wieder in ­Berlin treffen. Und kurz nach der Abreise unseres europäischen Teams überquerten die Truppen Putins die Grenze der Ukraine. Vor allem unsere Kolleginnen aus Vilnius sind sehr betroffen, dort ist man wesentlich näher dran und hat schon seit vielen Monaten Konflikte mit weißrussischen Provokationen hinter sich. Was ist in Europa passiert?

Gehen wir zwei Jahre zurück. Eine Woche nach dem dreißigsten Jahrestag des Mauer­falls traf sich das shifting walls Team zum Projektauftakt in Berlin. Gemeinsam starteten wir damals, um in Zusammenarbeit mit jungen Menschen die Geschichte ­Europas durch Fotogeschichten aufzuarbeiten: vom Fall der Mauer bis zur Gegenwart. Die Umsetzung von shifting walls hatten wir uns damals anders vorgestellt. In der Antrags­phase im Frühjahr 2019 hatten wir noch von symbolischen Mauern in Europa gesprochen. Leider haben sich diese symbolischen Mauern in reale verwandelt. Schon in der Antrags­phase waren die drohenden Konsequenzen des Brexits zu spüren, auch durch die nicht mehr mögliche Projektteilnahme von Partnern aus Großbritannien. Weitere und noch größere Mauern waren dann die Einschränkungen im Zuge der Covid-19 Pandemie, die natürlich auch die Projektarbeit, vor allem in den einzelnen Schulprojekten, aber auch die länderübergreifende Austauscharbeit und Präsenztreffen, extrem einschränkte. Und jetzt stehen wir zwischen Russland und der Ukraine vor einer neuen europäischen ­Mauer, die es seit dem Kriegsende 1945 in Europa so nicht mehr gegeben hat.

shifting walls möchte Mauern diskutieren, mit Gedanken bewegen, als Ideengeber für ansprechende Konzepte in der Schulbildung. Als Team haben wir gemeinsam pädagogische Materialien für den Sekundarunterricht entwickelt. Dabei dreht es sich um inhaltliche Hintergründe mit konkreten Aufgabenblättern, die man im Unterricht einsetzen kann. Kern sind immer Geschichten, die die Jugendlichen selbst produzieren, entstanden aus Interviews mit der Familie oder in der Nachbarschaft. Persönliche Fotodokumente aus der Vergangenheit oder selbst erstellte Aufnahmen erweitern die Texte. Die Geschichten werden in der Schulklasse und einige davon auf Instagram geteilt.

Wie bei allen unseren medienpädagogischen Projekten werden die Ergebnisse und Prozesse diskutiert und gemeinsam reflektiert. shifting walls möchte die Medien- und Geschichtskompetenz junger Menschen stärken und helfen, einen Blick auch hinter die Medienmauern zu werfen. Genau das brauchen wir gerade jetzt in den Kriegszeiten. Nicht mit globalen Aussagen zu dem Krieg in der Ukraine, aber mit dem Handwerkszeug, einordnen zu können, wie politische Inhalte vermittelt oder eben nicht vermittelt werden (auch zum Beispiel in Deutschland selbst). Wie man Fakten im Netz überprüfen kann oder im Sinne von shifting walls zum Beispiel gemeinsam mit Kriegsflüchtlingen kurze Fotogeschichten über ihre Erlebnisse produzieren kann.

Inzwischen konnten wir uns als internationales Team Ende März in Athen treffen. Auf der shifting walls Bildungskonferenz im Rathaus des Vororts Peristeri wurde nicht nur das Projekt selbst, sondern auch die Arbeiten der letzten Monate von verschiedenen Schulklassen aus Athen vorgestellt. Es gab viele positive Rückmeldungen über die Relevanz des Projektes und wie junge Menschen mit großer Motivation dabei waren. Das hat uns natürlich gefreut, genauso wie die Erkenntnisse in den verschiedenen Diskussionsgruppen – länderübergreifend und doch so nah beieinander. Die gemeinsame Diskussion darüber, wie man in anderen Ländern die neuen schwierigen Krisenzeiten erlebt und damit persönlich umgeht, erweitert den Horizont. Und es wird deutlich, wie sehr wir in Europa zusammengehören.

Mehr über shifting walls auf: www.shiftingwalls.eu
Wolodymyr Selenskyjs Rede: www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2022/kw11-de-selenskyj- rede-deutsch-884872