Martina Pfeiffer:

Kunst kann eigene Welten erschaffen

Zehn Fragen an den Maler Mathias Roloff

Herr Roloff, wir treffen uns heute in Ihrem Atelier, wo Sie mit Ihrer Kunst auch dieses Jahr wieder anlässlich der Langen Nacht der Bilder Lichtenberg anzutreffen sind. Ihr Arbeitsplatz weist – und das ist für einen Maler nicht untypisch – Kunstwerke auf, die noch im Prozess ihres Entstehens sind. Das bringt mich gleich zur ersten Frage an Sie: Von Max Ernst beispielsweise wissen wir, dass der Meister nach eigenem Bekunden jedesmal, wenn es losgehen sollte, ganz besonderen Respekt vor dem ersten Pinselstrich hatte. Der Katalane Antoni Tàpies wiederum bekannte sich zu seinen Schwierigkeiten mit dem letzten, „ultimativen“ Pinselstrich, dem Augenblick, wo man aufhören und sagen muss: „Das ist es!“ Können Sie bei sich selbst von Ähnlichem berichten?

M. R.: Meine Art der Maltechnik bringt es mit sich, dass die weiße Leinwand zu Beginn mit lockerem Pinselstrich mit einer Farbe eingefärbt wird, die sogenannte Imprimitur. Dieses vermeintliche Problem wird also schon einmal umschifft. Der Herausforderung des finalen Pinselstrichs muss auch ich mich von Zeit zu Zeit stellen. Hierbei hilft mir meine Arbeitsweise insofern, als ich meist an mehreren Werken aufgrund der jeweiligen Trocknungszeiten parallel arbeite. Dadurch können sie etwas „reifen“, man bekommt Abstand und sie werden zwischendurch immer mal wieder aus dem Augenwinkel betrachtet. So manches Mal zeigt sich dann, dass bereits alles gesagt ist.

Um überhaupt das sagen zu können, was Sie sagen wollen, wie schaffen Sie es eigentlich, dass Sie etwas Schöpferisches befällt? Beispielsweise dreht Rainer Fetting zu diesem Zweck die Rockmusik laut auf, Karel Appel tanzte Boogie-Woogie, Emil Nolde widmete sich seinem Garten. Was löst bei Ihnen den kreativen Schub aus oder befördert ihn zumindest?

M. R.: Musik im Atelier muss auch bei mir sein. Es gibt zwar Tage, an denen ich die Ruhe bevorzuge und nur die von außen hereindringenden städtischen Geräusche eine akustische Kulisse bilden. Meist läuft bei mir aber Musik – gern laut, so dass sie den ganzen Raum erfüllt. Die Art der Musik variiert hierbei stark – energiegeladen bis beruhigend – und hängt neben dem aktuellen persönlichen Befinden auch von der jeweiligen Arbeitsphase am Bild ab.

Von der Tätigkeit des Malens zum reinen Schauen auf das, was „Kolleg*innen“ geschaffen haben: Für welche Ausstellung würden Sie stundenlanges Schlangestehen in Kauf nehmen?

M. R.: Michelangelo, Anselm Kiefer, Alfred Hrdlicka, Auguste Rodin, Paul Klee.

Stichwort Paul Klee: 1914 unternahm Paul Klee zusammen mit zwei Malerfreunden die Tunisreise, deren „Ausbeute“ die Kunstwelt in der Folge aufmischen sollte. Welche geografischen Orte wären für Sie Inspirationsgeber?

M. R.: Ich bin da mehr bei Caspar David Friedrich, der sich eher in einem begrenzten Radius bewegte. Meine Vorliebe ist ein Ort der Ruhe und Abgeschiedenheit, um mich auf meine inneren Bilder zu fokussieren. So reizvoll die Aufnahme neuer Impulse in die Arbeit ist, so reichhaltig erscheint mir das, was ich bereits in mir trage und von dessen Übertragung in die sichtbare Welt ich nicht abgelenkt werden möchte.

Von Paul Cézanne gibt es zahlreiche gemalte Ansichten „seines“ Berges in Südfrankreich, der Montagne Sainte-Victoire. Wie gehen Sie selber mit der Idee um, ein bestimmtes Malmotiv immer wieder neu einzufangen?

M. R.: Meine Bildmotive beruhen auf Erinnerungen und Eindrücken. Durch die Verinnerlichung werden sie mit der Zeit modifiziert, wie es unseren Erinnerungen im Allgemeinen eigen ist. Sie sind Ausgangspunkt des kreativen Schaffensprozesses und entwickeln sich dann weiter durch die Arbeit mit dem Material, das Zeichnen, den Farbauftrag. Ich arbeite in meinen Serien mit wiederkehrenden Motiven und Bildobjekten. Variationen in Komposition, Farbe und Form heben verschiedene Aspekte hervor und erzeugen unterschiedliche Stimmungen. Die Variationsmöglichkeiten – auch in einem sehr reduzierten Rahmen – sind zumeist so unerschöpflich, dass man sich problemlos mit nur einem Objekt sein ganzes Leben beschäftigen kann.

Um vom Motiv zur Farbe überzuleiten: Über František Kupkas Gemälde „Großer Akt“ hat ein Kritiker seinerzeit geurteilt, die abgebildete Nackte müsse an einer abstoßenden Hautkrankheit leiden, da die Farbe ihres Körpers ins Grünliche spiele, was nicht einer „natürlichen“ Hautfarbe entspräche. Können Sie etwas zum Thema Farben erzählen?

M. R.: Abgesehen davon, dass Kunst nicht etwas „wirklich“ Gesehenes abbilden muss, sondern eine ganz andere Dimension hat und eigene Welten erschaffen kann, würde ich diesem Kritiker unterstellen, dass er nicht mit offenen Augen durch die Welt geht. Viele Menschen glauben auch, ein Baum wäre unten braun und oben grün. Diesen Menschen möchte ich gern sagen: Schauen Sie einmal genau hin, in welcher Farbenvielfalt sich uns Bäume zeigen.

Joseph Beuys hatte in den 1980er Jahren in Kassel 7.000 Eichen als „Landschaftskunstwerk“ gepflanzt. Er hätte 2021 seinen 100. Geburtstag gefeiert. Seine programmatische und wohl auch diskussionswürdige Meinung, „Jeder ist ein Künstler“, richtet sich bekanntermaßen gegen eine elitäre Kunstauffassung. Demokratischer Bonus oder unzulässige Verflachung?  

M. R.: Für mich habe ich diese Aussage immer so heruntergebrochen, dass wir alle unsere Gesellschaft mitgestalten. Jeder kann etwas beitragen. Sowohl die Lösung von Problemen als auch die Umsetzung von Visionen verlangen kreatives Denken. Zugleich stellt sich die Frage, wo Kultur und Kunst beginnen: Ist es nicht schon das Gespräch, der Austausch miteinander?

Ihren Gedanken von Gespräch und Austausch aufgreifend: Wie stehen Sie zum Dialog zwischen den Künsten? Der mehrfach begabte Schauspieler, Maler und Violinist Armin Mueller-Stahl sagte über seine Malerei: „Das zweite Gesicht, die Musik, muss spürbar werden.“ Sehen auch Sie sich von anderen Künsten beeinflusst?

M. R.: Es fällt mir schwer, die Künste klar voneinander zu trennen – aus mehreren Gründen. Einer beruht auf meinem Arbeitsansatz, der zum Ziel hat, eine bestimmte Atmosphäre zu kreieren, welche die Betrachtenden emotional berührt. Hierbei verwende ich stilistische Mittel, die sich ebenso im Film wiederfinden oder in anderen Kunstgattungen zum Einsatz kommen. Was ich damit meine, ist: es muss nicht zwingend ein konkretes Bildobjekt abgebildet, keine Handlung dargestellt sein, um Stimmungen oder Atmosphäre zu erzeugen. Ein weiterer Grund ist meine durch die Kunst stark beeinflusste Rezeption. Lese ich ein Buch, entstehen im Kopf sofort Bilder. Diese wiederum werden umgehend geordnet zu einer Serie mit einer gewissen ästhetischen Dramaturgie. Eine Situation im Alltag, ein Charakter in der Literatur, eine energiegeladene oder eine melancholische Musik erzeugen unmittelbare Emotionen, die in ein Bild übersetzt werden wollen.

Augenzwinkernd vielleicht nochmals die Verwandtschaft zwischen den Künsten: Könner gibt es am Viereck der Leinwand wie auch am runden Leder: „In der Kunst ist es anders als beim Fußballspiel: In der Abseitsstellung erzielt man die meisten Treffer“, meinte Salvador Dali, der sich bekanntlich nach besten Kräften selbst inszenierte. Wie ist das in der Malerei mit dem Zielen, Wirken und Treffen?

M. R.: Hier muss man sicher unterscheiden zwischen der Inszenierung für einen Markt und der Kunst für sich genommen. Da jede/r von uns die Welt unterschiedlich wahrnimmt und sich auch entsprechend unterschiedlich künstlerisch artikulieren könnte, stimme ich ihm voll zu – bezogen auf die Kunst und auf Einzigartigkeit. Aufmerksamkeit erhält man jedoch oftmals durch Inszenierungen, die damit nicht zwingend etwas zu tun haben müssen. Diese mögen auf den ersten Blick ebenso einzigartig erscheinen, stellen sich auf den zweiten Blick jedoch zumeist als das Einmaleins des Marketing dar.

Gibt es ein kunstbezogenes Vorhaben, das Sie für die nahe Zukunft ins Auge gefasst haben?

M. R.: 2019 habe ich mein Kunstprojekt „Was wäre wenn...? – Der Baum als Kulturgut im Stadtraum“ in Berlin-Hohenschönhausen mit großer positiver Resonanz realisiert. Das Projekt wurde vom Bezirkskulturfonds gefördert. Den künstlerischen Ansatz möchte ich noch einmal aufgreifen und eine Serie großformatiger Arbeiten mit Motiven im gesamten Berliner Stadtraum erarbeiten. Daneben warten schon einige Bücher, darunter diesmal auch Lyrik, auf eine grafische Begleitung und innere Bilder auf ihre malerische Umsetzung.

Der gebürtige Lichtenberger Mathias Roloff studierte von 2000 bis 2005 Bildende Kunst an der Universität der Künste Berlin (UdK), 2006 wurde er dort Meisterschüler. Die in Bilder gebannten Selbstbefragungen bergen den Kern seiner Erfahrungen als Mensch und als Künstler. Sein Werk ist geprägt durch die Verwendung von ungeläufigen Echostrukturen und durch das Bemühen um stilistisch unverbrauchte Positionen. In der Kulturbundgalerie in Treptow zeigte er 2015 seine Kunst unter dem Obertitel: „Alles muss in der Luft stehen“. Mehrere Monographien sind über Mathias Roloff erschienen, darunter: „Weinkonstellationen“ (2016) und „Schwebezustand“ (2017). Der Künstler illustrierte u. a. Buchausgaben der Autoren James Joyce, Franz Kafka und Thomas Mann. 2017 erfolgte der Ruf in den Kulturbeirat des Bezirksamts Lichtenberg. 2021 nimmt Mathias Roloff zum wiederholten Mal an der Langen Nacht der Bilder Lichtenberg teil, am 3. September 2021, Haus Y, Studio 608, Genslerstraße 13.

Website: www. mathiasroloff.de, E-Mail: art@mathiasroloff.de