Torsten Preußing

Rappen in der Nebelwand

Tschechow-Theater mausert sich zum Talenteschuppen

Um permanenten Missverstehern gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen: schwarze Pferde galoppierten natürlich nicht über den eingenebelten „kleinen, aber feinen“ Theater-Parcours. Prinzipalin Alena Gawron, die dauerhafte Freude an diesem Wortspiel hat, zeigt sich aber trotzdem den rassigen Vierbeinern zugetan, allerdings in der Bedeutung „Zugpferde“. Die suchte sie nämlich für das neue „Klein- und Feinod“ auf dem Spielplan des Hauses. „Kiez-Bühne-Talente“, heißt es, Unterzeile: „Mein erster Auftritt“. Was hier ein bisschen nach „Herzklopfen kostenlos“ klingt, ist durchaus gewollt. Geht es doch darum, aufstrebende junge Talente aus dem Stadtbezirk freundlich zu ermuntern, den Sprung aus dem Verborgenen ins Rampenlicht zu wagen. Damit die Bühnen-Fohlen vom Herzklopfen aber nicht „erschlagen“ werden, stehen ihnen auch routinierte Klepper gestriegelt und gesattelt zur Seite. So jedenfalls bei der Premiere, die Mitte Januar stattfand.

Chiller, Naike und die Nobodys

Von wegen „Klepper“? Das Duo Chiller & Naike kann man getrost als Vollblüter bezeichnen, wenn es um Hip Hop und dgl. geht. Und darum geht es! Hip Hop ist eine Musikrichtung, die laut Wikipedia ihre Wurzeln u.a. in der Soul-Musik, in den schwarzen Ghettos der USA hat. Zu ihr gehört auch der Rap – der Sprechgesang – der aus der jamaikanischen Tradition des Toasting entstand. Chiller & Naike waren vor gut sieben Jahren als russisch-deutsches Rapper-Paar berlinweit aufgefallen. Für ein Schülertheaterprojekt schufen die Jungs den markigen Titelsong „Time out“, der durch seine Suggestionskraft ohne Übersetzung jedem deutlich machte: „Bis hierher und nicht weiter! Keine Gewalt!“

Das Duo hat unterdessen eine ganze Rapper-Connection um sich geschart, die sich im Marzahner Tschechow-Theater prächtig in Schuss zeigte. Noch prächtiger war der „Nebelwerfer“ in Schuss, der den Sprech-Songs förmlich Flankenfeuer gab und den Zuschauern vor lauter Hören fast das Sehen vergehen ließ. Dem Nebel wäre aber auch eine gewisse Symbolik zuzuschreiben. Nebelschwaden über Lebensumstände, Situationen, Versprechungen, die die jungen Leute mit ihrer intensiven Musik zu zerreißen trachten.

In diesem Feuerwerk der Sinne und der Sinnlichkeit fieberte nun ein 25-jähriger Mann seinem ersten öffentlichen Auftritt entgegen. Ferdinand aus Kaulsdorf, ausgebildete Fachkraft für Glas- und Gebäudereinigung. Jedenfalls hat er sein Lampenfieber selber so beschrieben. Doch mit dem ersten Schlag aus dem Background, mit seinem perfekt gelungenen Einsatz, tanzte, sprang und skandierte er seine Verse und Botschaften wie ein Profi. Keine weichen Knie, kein Zittern der Stimme, kein flatterndes Mikrofon. Er war von Kopf bis Fuß auf Rappen eingestellt und ließ ahnen, wie intensiv er trainiert hat, damit der Auftritt sitzt. Und er hat gesessen. „Mann bin ich froh, dass das so wunderbar geklappt hat“, freut sich Ferdinand nach der Vorstellung, „Ich bin richtig glücklich.“ Selbst seine Mutter, die sonst eher etwas mit U- und E-Musik anzufangen weiß, als mit diesen scheinbar stampfenden Sprecharien, die den Nebel zerschnitten und die Geräusche aus der Nachbarkneipe verstummen ließen, war entzückt, ja verzaubert.

Geht denn das, wird mancher fragen, von einem Wort-Stakkato, das wie Hammerschläge im Parkett ankommt, verzaubert zu werden? Das geht, denn die Hammerschläge sind die kraftvollen Herztöne der Jugend, Sie fordern, flehen, fluchen: „Weil ich ein gottverdammter Spieler bin“, „Kultur ist so schön“ usw.

Ferdinand, dessen Künstlername Sefem lautet, gehört erst seit 2012 zur Chiller & Naike-Rap-Connection. Zuvor hat er sich in der Graffiti-Szene umgetan, und zwar in dem Bestreben, künstlerische Spuren zu hinterlassen. Daher stammt auch sein Pseudonym. Es musste aus fünf Buchstaben bestehen und sich gut sprayen lassen.Arbeit an Rapper-Zukunft

Das Sprayen war gut und schön, aber Hip Hop und Rap erwiesen sich für Sefem als anziehender und prickelnder, so dass er, nach Zukunftsplänen befragt, ohne Umschweife bekannte: „Es soll schon auf Profi hinauslaufen, auch wenn die Konkurrenz ganz schön groß ist.“ Für dieses Ziel arbeiten er und die Gruppe nun emsig und aufopferungsvoll. Sie produzieren Video-Clips, Demonstrations-DVD, erweitern stets das Repertoire und sind im Internet-Netzwerk You Tube eine feste Adresse. Und schon heute komponieren die Jungs ihre Musikstücke und schreiben ihre Texte selber.

Auch während der gut einstündigen Darbietungen auf der Premierenbühne des Tschechow-Theaters kurvte fortwährend ein fleißiger Kameramann durch die Szene. Klappern gehört zum Handwerk und Klingeln zum Geschäft. Eine Kostprobe dessen kann man bei Youtube im Netz finden - wenn man nach „Chiller und Naike“ sucht.

Und die Mädchen?

„Meine erste Aufführung“ im Berliner Tschechow-Theater wird für Chiller & Naike und die Connection hoffentlich nicht die letzte Aufführung gewesen sein. Nach dem offiziellen Bühnenprogramm in sieben Bildern sind übrigens noch weitere Rap-Talente auf die Bühne gegangen. Ein kleines Rapper-Fest mit gut 40 Leuten nahm seinen Lauf, das erst um 22 Uhr – der Disziplin gehorchend, nicht dem eigenen Triebe – zu Ende ging. Doch eins war nicht zu übersehen: An den Darbietungen hat nur ein Mädchen teilgenommen, und das in einer „tragenden Nebenrolle“. Meine Frage an „Sefem-Ferdinand“: Ist Hip Hop ein Männersport? – Antwort: „Hip Hop ist schon mehr eine Männerdomäne. Aber in den letzten Jahren haben sich auch Frauen herangewagt, z.B. die Senegalesin Sister Fa, die in Berlin wohnt und guten Hip Hop macht.“ In Marzahn NordWest ist man so weit noch nicht. Hier spielen die Mädchen im Parkett lieber mit dem Teddybär.

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