Steffen Wagner

Filmstadt Weißensee – Von Joe May zu Caligari 2. Teil

In der letzten Ausgabe der KULTUR NEWS stellten wir den ersten Teil der Entdeckungsreise durch die Filmstadt Weißensee vor. Nachfolgend finden sie den zweiten Teil des Rundganges.

Wir setzen unsere Tour durch die Filmstadt Weißensee am Antonplatz fort und gehen links vom Kino Toni in die Langhansstraße. Benannt wurde die Straße nach dem Verwalter des Weißenseer Ritterguts Johann Eduard Langhans. Seit 1884 führte eine Pferdebahnstrecke durch die Straße, noch heute fährt die Straßenbahn dort entlang. An der zweiten Kreuzung biegen wir links in die Behaimstraße. Für den Straßennamen stand der Geograph Martin Behaim Pate, auf den der älteste erhaltene Globus zurückgeht (ca. 1492).

Wieder zwei Straßen weiter wenden wir uns nach rechts in die Lehderstraße und treffen auf ein ausgedehntes Areal mit einer eigentümlichen und eindrucksvollen Industriearchitektur. Dieses Gewerbegebiet, das heute unter dem Namen „Ruthenbergsche Höfe“ bekannt ist, zeugt ebenfalls von der bewegten Geschichte Weißensees.

Der Industrielle Carl Ruthenberg wurde 1898 durch einen innerstädtischen Bauboom und steigende Immobilienpreise von seinem ursprünglichen Standort in der Stralauer Vorstadt (heute Stadtteil Friedrichshain) verdrängt und ließ vor den Toren der Stadt zwei Fabrikgebäude (Lehderstraße 16-19) errichten. In Ruthenbergs Goldleistenfabrik fertigten um die Jahrhundertwende 180 Mitarbeiter Gold- und andere Schmuckleisten. Die Herstellung von Goldleisten umschreibt ein aufwändiges technisches Verfahren, das es ermöglichte, auf Holzleisten Gold aufzutragen. Diese Leisten fanden in erster Linie für Bilderrahmen und als Wandschmuck Verwendung.

Mit der Fabrikanlage in der Lehderstraße legte Carl Ruthenberg den Grundstein für einen Gewerbe- und Industriepark jenseits der Berliner Stadtgrenze. Mit tatkräftiger Unterstützung seines Sohnes Herbert ließ Ruthenberg bis 1908 zweiundzwanzig Höfe mit vielfältig nutzbaren Gewerbehallen rund um seine Fabrik errichten. Der Unternehmer gab dem Areal den Namen „Industrie-Werke Weissensee“ – ein alter Stich aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert beweist, dass die Anlage damals „auf der grünen Wiese“ gebaut wurde.

Ruthenbergs Geschäftskonzept funktionierte, ähnlich wie wenige Jahre später die Filmschaffenden zogen zahlreiche kleinere und mittlere Gewerbeunternehmen nach Weißensee, weil sie die Mieten in der Stadt nicht mehr bezahlen konnten. Die Idee, eine komplette Infrastruktur aufzubauen – die Gewerbehöfe enthielten auch Wohnbereiche – wurde begeistert aufgenommen. Weißensee entwickelte sich für kleine Gewerbeunternehmer zu einer attraktiven Adresse.

Die Wohnbebauung, welche heute die „Ruthenbergschen Höfe“ umgibt, entstand erst ab 1920, nachdem Weißensee zu einem Teil Berlins geworden war. Im Zweiten Weltkrieg zerstörten Bomben große Teile des Gebäudekomplexes. In Zeiten der DDR wurden die Höfe vornehmlich von Handwerkern und metallverarbeitenden Gewerken genutzt. Eine Sanierung fand nicht statt, so dass die meisten der verbliebenen Höfe nach 1990 in einem beklagenswerten Zustand waren. Carl Ruthenbergs Urenkel Wayne Camamile ist inzwischen Eigentümer der Höfe und will das Areal durch selbst sanierende Geschäftsleute behutsam wieder zu neuem Leben erwecken. Heute wecken die spannende Architektur, die recht günstigen Mieten und die citynahe Lage das Interesse von Handwerkern, Gewerbetreibenden, Künstlern und kreativen Köpfen. Allmählich beleben sich die Ruthenbergschen Höfe wieder.

Nach diesem Exkurs in die Geschichte der Industriearchitektur Weißensees wenden wir uns wieder dem zentralen Thema unserer Entdeckungstour zu – die Filmstadt Weißensee. Die Lehderstraße mündet nach einigen hundert Metern in die Gustav-Adolf-Straße; wir wenden uns nach links und treffen schnell auf eine belebte Kreuzung, die im Volksmund als Weißenseer Spitze bekannt ist. Die Stadtteile Pankow und Prenzlauer Berg treffen hier auf Weißensee.

An der Gustav-Adolf-Straße 2 zieht eine graue, fensterlose Fassade die Aufmerksamkeit auf sich. Hinter diesen Mauern verbarg sich einst eines der prachtvollsten Lichtspielhäuser Berlins. Das Kino Delphi wurde 1929 eröffnet und bot 900 Zuschauern Platz, der Orchestergraben fasste 13 Musiker, ein Vorhang aus Raupenseide zeugte vom Repräsentationswillen der Architekten Julius Krost und Heinrich Zindel. Im Krieg trug das Gebäude nur leichte Schäden davon, 1959 musste das Delphi allerdings geschlossen werden, nachdem Stuckteile in den Zuschauerraum gefallen waren. Eine geplante Sanierung kam nie zur Ausführung, bis zum Ende der DDR diente das Foyer des Kinos als Gemüselager, als Wäschereistützpunkt, als Briefmarkenladen und als Lagerhalle für die Zivilverteidigung der DDR. Nach dem Ende der DDR war das Gebäude ein Schauraum für Orgeln, diese Unternehmung endete im Konkurs. 2005 erwarb ein Geschäftsmann das Gebäude, künftig soll der Saal als Veranstaltungsort genutzt werden, auch Filmvorführungen sollen wieder möglich sein. Noch verharrt das Delphi weitgehend im Dornröschenschlaf, Besichtigungen sind bisher nicht möglich.

Wir nähern uns dem Endpunkt unserer Wanderung durch die Filmstadt Weißensee, indem wir die Gustav-Adolf-Straße überqueren. Unser Blick fällt auf die leuchtend orange Fassade des Kunst- und Kulturzentrums „Brotfabrik“. Seit zwanzig Jahren engagieren sich die Kulturenthusiasten der Brotfabrik getreu ihrem Leitsatz „Kunst ist Lebensmittel“. Es gibt ein Kino mit alternativem Programm, auf einer Bühne finden Lesungen und theatralische Erkundungen statt, eine Galerie präsentiert wechselnde Ausstellungen, die gemütliche Kneipe sorgt für leibliches und geistiges Wohl. Ein Besuch in der Brotfabrik ist in jedem Fall empfehlenswert.

Wir befinden uns auf dem Caligariplatz, das hell-dunkle „Schachbrettmuster“ verweist auf das wesentliche Gestaltungsprinzip eines Filmes, der maßgeblich zum Ruhm der Filmstadt Weißensee beigetragen hat. Der Film „Das Cabinett des Dr. Caligari“ (Regie: Robert Wiene) entstand 1919 in den inzwischen abgerissenen Studios an der Liebermannstraße, der lange Zeit namenlose Platz wurde auf Initiative des Glashaus e.V. (Träger der Brotfabrik) in Caligariplatz umbenannt.

„Das Cabinett des Dr. Caligari“ gilt heute weltweit als einer der bedeutendsten Stummfilme aus Deutschland, inhaltlich und stilistisch reicht die Wirkung bis in die Gegenwart hinein. Die Rockband „Red Hot Chili Peppers“ übernahm für ihr Video „Otherside“ (1999, Album: Californication) deutlich die Bildsprache aus Caligari. Der Film „Das Kabinett des Dr. Parnassus“ (2009, Regie: Terry Gilliam) bezieht sich sowohl inhaltlich als auch bildsprachlich auf das große Vorbild aus Weißensee.

Worauf gründet sich der Ruhm dieses Filmes? Warum gilt Caligari als Meilenstein der Filmgeschichte?

Zum einen war die Geschichte ungewöhnlich, sie spiegelte aber den Geist der Zeit: Der Film erzählt von Dr. Caligari, der auf einem Rummel den Schlafwandler Cesare vorführt und hellsehen lässt. Zwei Freunde, Franz und Alan, besuchen eine Vorstellung, Cesare prophezeit Alan den Tod. In der folgenden Nacht wird dieser tatsächlich ermordet. Nach mehreren Morden stellt sich heraus, dass Caligari Cesares Vorhersagen wahr werden lässt, um aus ihnen Profit zu schlagen. Cesare ist Caligaris willenloses (ferngesteuertes) Mordwerkzeug. Franz kommt Caligaris Geheimnis auf die Spur, nun schlägt der Film einen Haken. Die bisherige Filmhandlung ist plötzlich die Wahnvorstellung von Franz. Caligari, der Direktor einer Irrenanstalt ist, scheint nun vollkommen bei Verstand zu sein. Der Schluss des Films lässt verschiedene Auslegungen zu. Sowohl Franz als auch Caligari könnten die Wahrheit sagen bzw. verrückt sein.

Verstärkt wird die unheimliche Wirkung der Geschichte durch die Ausstattung der Szenen. Caligari gilt als filmisches Manifest des Expressionismus. Drei Maler sorgten für die Szenenbilder des Films. Hermann Warm verwirklichte mit seinen Kollegen das Anliegen: „Das Filmbild muss Graphik werden.“ In der Kritik war von einer „ornamentalen Gefühlslandschaft“ die Rede. In Frankreich sprach man mit Verweis auf diesen Film von einer Bewegung – „Le Caligarisme“ war geboren.

Die entrückte Präsenz der Darsteller Werner Krauß (Caligari) und Conrad Veidt (Cesare) trug ein Übriges zum Erfolg des Filmes bei. Ursprünglich war Fritz Lang als Regisseur für Caligari vorgesehen, seine Arbeit an „Die Spinnen“ verhinderte allerdings seinen Einsatz.

Der berühmte Filmsoziologe und Geschichtsphilosoph Siegfried Kracauer zog in seinem bedeutenden Werk „Von Caligari zu Hitler. Eine psychologische Geschichte des deutschen Films“ (1947) eine Parallele zwischen dem Filmstoff und dem Erstarken der Nationalsozialistischen Bewegung. Caligari galt Kracauer als Prototyp des Tyrannen, Cesare war ein Werkzeug für dessen aberwitzige Machtgelüste. Die Filmerzählung des Caligari verdeutliche eine „kollektive psychische Disposition“ der Deutschen, die die späteren Entwicklungen unbewusst vorwegnehmen und teilweise herbeiwünschen. Krakauer: „Selbstherrliche Caligaris schwangen sich zu Hexenmeistern über ungezählte Cesares auf und erteilten ihnen Mordbefehle....Alles war so, wie man es im Film erschaut hatte. Und auch die düsteren Vorahnungen des Endes und Untergangs sollten sich erfüllen.“ Eingedenk dieser Worte Kracauers, kann man darüber sinnieren, ob die Namenswahl für den Platz eine glückliche war.

Am Caligariplatz endet unsere Wanderung durch die Filmstadt Weißensee; mit der Straßenbahn M2 kehren wir zurück zu unserem Ausgangspunkt am S-Bahnhof Prenzlauer Allee.

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