Ein Abend an der East Side Gallery

Diesem Ort fühle ich mich persönlich tief verbunden. Zu Beginn der 1990er Jahre wohnte ich hier mit Sohn und Freundin auf der Wagenburg. Die Monate, die wir in unserem 2-Achser verlebten, gehören zu den intensivsten meines Lebens. Deswegen fahre ich oft hierher, besonders an Tagen, an denen die Dämonen der verpassten Chancen in mir streiten. Hier finde ich Frieden. Am besten gelingt mir das nachts oder sehr früh am Morgen, wenn das Meer von Touristen das Areal an der East Side Gallery noch nicht überschwemmt hat.

Kürzlich lernte ich hier eines Abends Christian kennen. Er hatte mir ein „Hallo!“ zugerufen, während ich gerade gegenüber vom „Wall Museum“ die East Side Gallery fotografierte, und schwups waren wir mitten in einem Gespräch… Er kam aus Schleswig-Holstein und sah genau so aus, wie ich mir die jungen Männer von der Küste so vorstelle – blondes lockiges Haar, braun gebranntes Gesicht, lustige Augen, breite Schultern. „Und du? Bist du aus Berlin,“ fragte er mich. „Nicht direkt“, war meine Antwort, „aber ich lebe hier seit 1976. Ich bin ein Kind der ehemaligen DDR.“ „Oh Mann“, platzte es aus ihm heraus, „hast du vielleicht Bock, mir zu erzählen, wie du das erlebt hast, damals? Ich lad‘ dich auch ein auf ein echtes norddeutsches Getränk.“ Wenig später saßen wir jenseits der Mauer an der Spree, auf einer der hohen Wegbegrenzungen, schwatzten und tranken Küstenbrause…

Christian hatte sooo viele Fragen. Er wollte alles ganz genau wissen: Welche Häuser damals hier schon standen, ob die Grenze bis ans jenseitige Ufer reichte, wie die Oberbaumbrücke früher aussah, wie nahe wir damals an die Mauer heran durften. Brennend interessierte ihn, wie das denn so war mit der Staatssicherheit und dem Leben im Allgemeinen damals in der DDR. Ich erzählte ihm von einem Land mit hohem Bildungsstandard ohne Arbeitslose, ohne Obdachlose, vom Haushaltstag, vom Ehekredit und gleichem Lohn für Mann und Frau, aber auch von grauer Tristesse und dem Verfall von Wohnhäusern und Fabriken, von permanent unterdrückter Kritik und Bespitzelungen am Arbeitsplatz, von alten, in Dauerstarre verharrenden Männern, die meine Heimat an die Wand gefahren haben…

Unser Gespräch ähnelte einem Interview. Er fragte, ich antwortete, so gut ich konnte. Aus jeder Antwort ergab sich eine neue Frage. Und dieser junge Mensch neben mir sog alles auf wie ein Schwamm. Wir merkten nicht, wie schnell die Zeit verging. „Versteh mich nicht falsch“, sagte Christian, als es bereits kurz vor Mitternacht war, „aber ich find’s echt schade, dass ich die Mauer nicht von früher kenne. Ich wurde erst drei Jahre nach der Wende geboren. Mein Vater hat mir zwar viel von damals erzählt, er fuhr oft über die Transitstrecke nach West-Berlin, aber ich hätte gern einmal nur dieses Lebensgefühl von damals kennengelernt, wie das so war, mit der Mauer zu leben.“ „Naja“, antwortete ich, „die Westberliner hatten bestimmt ein anderes Gefühl beim Anblick der Mauer als wir im Osten der Stadt. Und wie das für mich war? Die Mauer war eben da, und sie schien für immer da zu sein. Sie galt als unüberwindbar und fertig. Also verdrängte man jeden abwegigen Gedanken und liierte sich mit ihr. Wenn auch hässlich und furchteinflößend, gehörte sie, seit ich in Berlin lebte, einfach zum Alltag, war gefühlt fast ein Teil unserer Architektur wie ein Haus oder eine Straße. Ich glaube, keiner hat selbst in seinen kühnsten Träumen daran gedacht, dass es diese Mauer irgendwann nicht mehr geben würde – bis zum Herbst 89…“

Wir schwiegen eine Weile, sahen auf’s Wasser. Jeder hing seinen Gedanken nach. Ich tauchte noch einmal ein in die Zeit auf der Wagenburg. Eines Tages hatte ich bei einem Spaziergang unweit von hier, wo wir jetzt saßen, ein „Aha-Erlebnis“. Zum ersten Mal konnte ich damals erfassen, welche Wirkung diese Grenze tatsächlich all die Jahre auf mich gehabt hatte. Nun erinnerte ich mich daran, sah auf Christian und sagte zu ihm: „Wenn du das Lebensgefühl von uns im Osten vor und nach dem Fall der Mauer ein bisschen nachvollziehen möchtest, hätte ich da einen Tipp: Am besten, du kommst in den frühen Morgenstunden hier her. Dann ist der Bürgersteig fast menschenleer. Und dann gehst du in Richtung Ostbahnhof, so nah wie möglich an der Mauer entlang. Und so langsam, wie möglich. Je mehr Zeit du dir lässt, desto intensiver wirst du die Mauer spüren. Versuch, alle anderen Eindrücke auszublenden und nur in Fühlung mit der Betonwand neben dir zu bleiben. Nach ca. 250 Metern kommst du dann an eine Stelle, wo mehrere Mauerfragmente fehlen. Dort wende dich nach links. Urplötzlich hast du dann einen freien Blick auf das gegenüberliegende Ufer. Wenn du das irgendwann mal machst und dir wirklich Zeit dafür nimmst, wirst du wenigstens ansatzweise ein Gefühl bekommen, wie das damals im November ‘89 für uns war.“

Christian versprach, dieses Experiment nacherlebter Geschichte auf jeden Fall bei einem seiner nächsten Berlin-Besuche zu machen. Wir tauschten noch unsere E-Mail-Adressen, gingen vor zur Mühlenstraße und verabschiedeten uns herzlich. Auf dem Weg zu seinem Auto drehte sich Christian noch einmal um und rief mir zu: „Ich hoffe, dass dieses Stück Mauer stehen bleibt. Als Mahnung. Das hier ist so wichtig! Und sollten irgendwelche Bodenspekulanten sie abreißen wollen, dann schick mir eine Mail. Ich mobilisiere unsere Leute von der Küste, und dann kommen wir her und protestieren mit euch.“ „Gut zu wissen,“ rief ich zurück, stieg auf mein Rad und fuhr langsam heim.

Im August ist eine Lesung in der Fotogalerie angedacht, in der mehrere Lieblingsorte vorgestellt werden sollen. Termine & Infos: www.kulturring.berlin Lieblingsorte: www.lieblingsorte.berlin

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