Märchen: Alt wie der Wald und gleichbleibend bedeutsam

Gunter Schönes Assemblagen verweisen auf eine zeitlose Gattung

Jedesmal zur Winterzeit schüttelt Frau Holle die Betten aus und lässt die Flocken rieseln – im Märchen, wohlgemerkt. Frau Holle weiß nichts vom Klimawandel und von schneelosen Wintern. Und das muss sie auch gar nicht. Es ist eine eigene, stimmige Welt, die vom Märchen behauptet wird. Zumal die zeitweilig gestörte Ordnung zu guter Letzt immer wieder ins Lot kommt. Das Märchen besticht durch erzählerische Schlichtheit. Es weist gattungsgemäß den meist einsträngigen Handlungsaufbau auf. Die Sprache ist formelhaft, mit leitmotivischen Bildern, Rhythmisierungen und Reimen. Märchen sind Kultivierungen heimischer Erzählstoffe. Das, wovon erzählt wird, hat sich vor langer, langer Zeit zugetragen. Und in jener fernen Zeit geschahen noch Zeichen und Wunder. Einfach märchenhaft eben. Nahezu jede/r kennt aus der eigenen Kindheit das Ritual des Märchenerzählens vor dem Zubettgehen. Märchen bahnen sich einen Pfad ins Herz, der bis zum Erwachsenenalter zwar überwächst, im Innern aber frisch bleibt wie am ersten Tag.

Seit rund einem Vierteljahrhundert ist der Bildende Künstler Gunter Schöne von Märchen gefesselt. Ihnen nähert er sich über die von ihm verfertigten Assemblagen. Dies sind dreidimensionale Arrangements von Gegenständen in Objektkästen. Zu den Utensilien des Alltags, die er einbaut, kommt er durch Zufall. Auf den Pferdekopf zur „Gänsemagd“ stieß er in der Krimskramskiste der Oma. Solche Fundstücke lässt er zu Bedeutungsträgern innerhalb neuer Koordinaten aufrücken. Das Dornröschenschloss, so verwunschen es ist, begegnet uns wieder als rostiges Türschloss, mit einer blauen Rose bestückt. Assemblagen wie diese bergen den Appell, dass Groß und Klein das Märchenarsenal für sich wachruft und darüber ins Gespräch kommt. In der Grimm'schen Version der „Bremer Stadtmusikanten“ verjagen Esel, Hund, Katze und Hahn die bösen Räuber aus einem Haus und gründen die wohl erste Tier-Senior*innen-WG der Märchengeschichte. Das Märchen verhilft zur Erkenntnis, dass man in die ­Jahre gekommene Tiere nicht kurzerhand ausmustern darf, sondern ihnen Wertschätzung entgegenzubringen hat. Die Strategie Schönes, die bildliche Vorstellung des tierischen Quartetts über aussagestarke Dingsymbole aufzurufen, ist nicht nur spannend. Die Betrachtenden sehen sich obendrein dazu veranlasst, Objekte wie beispielsweise „Katzenauge“ oder „Wasserhahn“ in ihrer übertragenen Bedeutung zu entschlüsseln und damit aktiv am Nachvollzug des Geschehens beteiligt zu sein.

Die Niederschrift des mündlich Tradierten war vor allem eine Herzensangelegenheit der Romantik. Insbesondere die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm machten das systematische Sammeln der Kinder- und Hausmärchen zu ihrer Sache und schufen damit Weltliteratur. Die Waldeinsamkeit, der finstere und schaurige Wald, ein verborgener Ort hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen, das tiefe, blaue Meer – all dies ureigene, ein Geheimnis bergende Märchenschauplätze. Hier sind zauberkundige Geschöpfe anzutreffen, und dunkle Gestalten treiben ihr Unwesen. Unwillkürlich möchte man fragen: Können Kinder mit dem Geschilderten umgehen, es erfassen und verkraften? Und warum überhaupt im Kinderzimmer die Schilderung von Leid und Grausamkeit, wie bekanntermaßen bei Hänsel und Gretel, die sich im Wald verirren und der Hexe, die Übles vorhat, im Pfefferkuchenhaus in die Falle gehen?

Gunter Schöne: „Märchen sind von markanten Einzelheiten begleitet, durch die sich die Aussage der überlieferten Stoffe und Motive besser einprägt. Kinder verstehen intuitiv, dass sie das Geschehen nicht buchstäblich zu nehmen haben. Außerdem werden ihnen Märchen von einer Person erzählt, zu der sie besonderes Vertrauen haben. Diese nimmt sie gleichsam an die Hand und führt sie beschützend durchs Märchenland.“ Der Märchenenthusiast Gunter Schöne hat sich auch in orientalisches Volksgut eingelesen und erzählt, inwiefern sich dessen Einstieg vom Grimm'schen Erzählbeginn unterscheidet: Auf den ersten Satz „Es war einmal …“ folgt dort „und es war auch nicht“. Die erste Aussage werde wieder zurückgenommen und sei als Ausgleich zu inhaltlichen Grausamkeiten zu sehen. Unser geläufiger Märchenschluss – „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“ – sei ähnlich zu veranschlagen. Die Formel signalisiert, dass das Märchen in eine Welt entführt hat, die nicht mit der Realität zu verwechseln ist. Zugleich vermittelt die realitätsenthobene Sphäre des Zauberhaften eine Lebensklugheit von überzeitlicher Gültigkeit, mit archetypischen Erfahrungen, die sich bildhaft einsenken. Gewiss, so manche Märchen haben ein angestaubtes Tugendsystem, fragwürdige Gehorsamsideale, autoritäre Familienstrukturen und heikle Rollenzwänge. Zudem scheint es, dass der Held innerhalb des Märchenapparats wenig differenziert dargestellt ist, wie überhaupt die auftretenden Figuren entweder eindeutig gut oder böse angelegt sind und in der Regel entsprechend belohnt oder bestraft werden. Aber ist das ein Grund, weshalb das Märchen in der modernen Welt ausgedient haben ­sollte?

„Es handelt sich auch bei den Märchenhelden um eine Überhöhung, wie in der Kunst im Allgemeinen, um Themen herauszuarbeiten. Im deutschen Märchen sind die Helden geradlinig und berechenbar. In orientalischen Märchen taugt ein Held besonders dann zum Helden, wenn er schelmische bis schlitzohrige Eigenschaften aufweist“, so Gunter Schöne. In Erweiterung des Themas „Held“ flicht er Hans Christian Andersens Kunstmärchen „Des Kaisers neue Kleider“ ein. Hier ist das kleine Kind heldisch, weil es sich traut, eine unliebsame Wahrheit auszusprechen. Der Künstler erinnert sich an die von ihm im Berliner KaDeWe begleitend zur Filmpremiere konzipierte Ausstellung im Jahr 1994, als Harald Juhnke in seiner unnachahmlichen Weise den törichten Kaiser gab.

Und wo bleiben Heldinnen im Märchenwunderbaren? Solche, die ausnahmsweise mal nicht – wie Dornröschen, Schneewittchen und Aschenputtel – auf den rettenden Traumprinzen angewiesen sind? Natürlich wird man auch im Fall von identifikationsfähigen Heldinnen fündig, die das Heft des Handelns in die Hand nehmen. Man denke an die Schwester der „Sieben Raben“: Ein einziges weibliches Wesen hat das Gemüt, den Verstand und die Kraft, die Schicksale von sieben Männern zum Guten zu wenden.

Warum haben Märchen gerade im digitalen Zeitalter nach wie vor ihren Platz? Festzuhalten gilt allemal, dass die narrativen Mutmacher unter keinen Umständen zum kopflosen Davonlaufen raten. Durch die in ihnen verdichtete Weltweisheit befördern sie vielmehr eine lebensbejahende und damit einhergehend eine besonnene und couragierte Haltung. Gunter Schöne über die Botschaften der uralten Wundererzählungen: „Dass der Weg zum Erfolg über das Scheitern führt, müssen Kinder auf ihren Lebensweg mitbekommen. Und dass es wichtig ist, warten zu können. Dabei immer neugierig, wissbegierig zu bleiben. Für ihre Umwelt Mut und Mitgefühl aufzubringen. Zuversichtlich zu bleiben, indem man sich auf das Gute konzentriert. Hinter allem steht der Zuspruch, sich etwas zuzutrauen, für den eigenen Traum alles zu geben, damit er wahr wird. Und Märchen schenken Vertrauen, dass es auch aus der vertracktesten Situation einen glückhaften Ausweg geben kann.“

In Chemnitz 1947 geboren, absolvierte Gunter Schöne an der dortigen Universität sein Ingenieurstudium der Werkstofftechnik. Von 2005 bis 2007 durchlief er eine Steinbildhauerausbildung in Berlin. Der Preisträger der Spektrale Luckau/Brandenburg (2008) arbeitet vorrangig mit Kalk- und Sandstein unter Verwendung von Hammer und Meißel, denn er bevorzugt einen allmählichen Gestaltungsprozess. 1993/94 lässt er sich erstmals von Märchenstoffen anregen. Sein künstlerisches Vorgehen, das Wörtlichnehmen von Sprachmetaphern, kennzeichnet auch seine Assemblagen zu Themen der Gegenwart. Gunter Schöne arbeitet seit 2012 in Alt-Hohenschönhausen. Seine jährliche Teilnahme an der Langen Nacht der Bilder ist kalendarisch fest eingeplant.

www.gunter-schoene.de
www.art-radschlag.eu
Haus X, Studio 226, Genslerstraße 13A

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