Peter Knie

Hühner Gust’l, Eisbein Eck und keine Politik am Tresen

Ein weiterer Ausflug mit dem Projekt Kreuzberg.Mauer.Friedrichshain

Obwohl das Haus noch existiert, ist dies heute ein verschwundener Ort. Seitlich der Warschauer Straße, in der Grünberger Nr. 6, befand sich über viele Jahrzehnte nicht nur einfach eine Kneipe, sondern eine Friedrichshainer Institution: Hühner Gust’l. Sie galt als die erste Hähnchenbraterei im Osten Berlins. Der Wirt, August Kliebenstein, untermauerte die Bedeutung seines Unternehmens mit einem nicht zu übersehenden Schild über dem Tresen mit den Lettern: „Was die Sachertorte ist in Wien, ist Hühner Gust’l in Berlin“. Alteingesessene Friedrichshainer empfanden diesen Spruch nie als anmaßende Übertreibung eines selbstbewussten Wirtes. Hühner Gust’l spiegelte sozial und atmosphärisch die Seele des Kiezes an der Warschauer Straße.

Bereits in den 1930er Jahren hatte es hier in der Grünberger Straße die Gaststätte „Zum kühlen Trunk“ gegeben. August Kliebenstein übernahm das Familiengeschäft seiner Eltern und erweiterte die Bierstube zur Speisegaststätte. 1962 nannte er sie Hühner Gust’l – einer Legende nach aus der Bemerkung eines launigen Gastes: „Eigentlich müssten wir dich Hühner-Gust’l nennen.“ Kerngeschäft waren Eisbein, ­Riesenbratwurst und Brathähnchen, zu DDR-Zeiten also Broiler. Die rotierten, goldbraun unter freiem Blick, sowohl im Schaufenster wie auch neben dem Tresen. Die Wände zierten alte Bierkrüge, Glasmollen und Steingut-Mostrichspender. Bei Hühner Gust’l war es möglich, dass Arbeiter, Akademiker, Künstler und Trinker in einem Raum miteinander auskamen. August Kliebensteins Wahlspruch soll gewesen sein: „Sauf dich voll und friss dich dick, doch halt dein Maul zur Politik!“

Ein Raum war ein besonderer. Das „Alt-Berliner Zimmer“. Das war reserviert für besondere Anlässe und erlesene Gäste. Wenn die Tür mal geöffnet war, oder Kellner durchhuschten, konnte man einen Blick in die „Gute Stube“ im Stil der Jahrhundertwende werfen. Plüschsofa, Vertiko, Glasschrank, Spiegel, Leierkasten und, es heißt, auch ein Edison-Phonograph und ein Orchestrion aus dem 19. Jahrhundert seien dort neben 20 noblen Sitzplätzen aufgestellt gewesen.

August Kliebenstein war über Friedrichshain hinaus auch bekannt für eine weitere Leidenschaft, die zu DDR-Zeiten außergewöhnlich war – er sammelte Oldtimer. Mindestens 20 historische Fahrzeuge soll er besessen haben. Diese verlieh er ab und an für DEFA-Filmproduktionen, und er machte zur Bedingung, dass er bei den Dreharbeiten anwesend sein konnte. So war er in einigen Filmen als Komparse zu sehen. In Ost-Berlin soll August Kliebenstein einer der reichsten Männer gewesen sein. Einige behaupteten, er sei, was nicht gerade DDR-typisch gewesen wäre, Millionär.
1989 kam die Grenzöffnung. Guido Kliebenstein, Sohn des legendären Hühner Gust’l, sagte einst: „Mein Vater hatte während der Grenzöffnung im November 1989 viele neue Ideen, die sich mit der Wiedervereinigung ergeben könnten. Nur drei Tage nach dem Mauerfall starb mein Vater.“ Manche Stammgäste meinten damals, August Kliebenstein habe sich infolge der Grenzöffnung zu Tode gefreut. Beate Kliebenstein übernahm die Gaststätte ihres verstorbenen Mannes, führte sie einige Jahre weiter. Stammgäste kamen nach ersten Westerkundungen zurück – doch es wurde nie mehr wie früher. In den 1990er Jahren wurde Hühner Gust’l geschlossen. Diese Friedrichshainer Traditionskneipe überlebte die Wende nur wenige Jahre, sie wuchs mit der DDR, und sie löste sich gleichsam mit ihr auf.

Nach vielen Jahren stehe ich wieder vor dem Haus in der Grünberger Straße Nr. 6. Das Gebäude ist rekonstruiert, gelb getüncht. Dort, wo sich einst Broiler goldbraun hinter Glas drehten, sind neue Fenster und eine Glastür. Im Innenraum Büromöbel und Computer. An Hühner Gust’l erinnert nichts mehr – ein verschwundener Ort Friedrichshainer Kiezgeschichte.

Ich gehe zurück zur Warschauer Straße. Die quirlige Magistrale wird geprägt von Ladengeschäften, Gaststätten, Imbissen und der Straßenbahn auf dem begrünten Mittelstreifen. Seit der Wendezeit hat sich in den vergangenen 30 Jahren viel getan. Wo einst die Filiale der Sparkasse war, ist heute eine Drogeriekette. Der Outdoor- und der Fahrradladen hätten zu DDR-Zeiten bei mir Begeisterung ausgelöst. Heute ist das nichts Außergewöhnliches. Das Angebot der Gaststuben ist von Vielfalt geprägt. Döner, Burger, alles auch vegetarisch verfügbar, haben Broiler und Eisbein abgelöst. Nur der Buchladen und Zeitungskiosk an der Ecke Grünberger Straße sind Relikte der Vorwendezeit.

Mein Weg führt mich zu einer Gaststätte in Friedrichshain, die ihr Aussehen seit DDR-Zeiten nie änderte. Eine der letzten verbliebenen Berliner Eckkneipen, die noch bis 2019 den herben Charme einer Arbeiterkneipe hatte: Das Eisbein Eck an der Proskauer Straße / Ecke Dolziger gegenüber vom Forkenbeckplatz. Das Wohngebiet hat sich seit der Wende gewandelt zu einer Mischung aus Alteingesessenen, jungen Familien und internationalem Szenevolk. Hoch ist die Restaurant- und Bardichte, und entsprechend sind die Einrichtungen zeitgemäß und globalisiert ausgestattet. Es gab aber eine Ausnahme: das besagte Eisbeineck. Seit 1907 soll die Eckkneipe existiert haben – einst gegenüber vom Zentralvieh- und Schlachthof gelegen, war sie über Jahrzehnte Treff der Arbeiter und Kiezbewohner. Die Gaststube rustikal, schummrig, gemütlich, touristenfrei. Tapeten und Gardinen leicht gelb gefärbt vom Zigarettenrauch, an den Wänden alte Zeitungsartikel. Spielautomaten. Hinter einer Falttür ging es zum Klubraum mit ausdrücklicher Erlaubnis zum Rauchen bei Skattournieren und Vereinstreffen. Von Regalen, Vitrinen und Fenstern blickten unzählige Schweine aller Art und Größe auf die Gäste. Ohne ein schlechtes Gewissen zu erzeugen, erinnerten sie daran, wem die Haxen auf den Tellern zu verdanken waren. Eine Speisekarte war nicht nötig, da es meist nur ein Gericht gab – Eisbein! Aber dafür Eisbein erster Güte, zu einem Preis samt gezapftem Bier für knapp sieben Euro. Und die Kartoffeln wurden von der Köchin selbst geschält. Die Wirtin und auch der Wirt, Wolfgang Klös, könnten Berliner Originale sein mit ihrem herben, aber herzlichen Charme. Einen kleinen Anteil hatte auch Gurke, der freundliche Hund der Wirtsleute. Die Antwort auf die Frage, wo man in Friedrichshain das beste Eisbein bekam, wird wohl für immer zweigeteilt bleiben – bei Hühner Gust’l oder im Eisbein Eck. Eine Sternstunde erlebte die Kneipe 2014, als das Eisbein Eck als Kulisse für den ZDF-Thriller „Der Mann ohne Schatten“ diente und die Dolziger Straße einen gesamten Tag für Fahrzeuge der Filmcrew reserviert war.

Im Jahr 2019 wurde das Eisbein Eck geschlossen, und der Stadtbezirk verlor ein Stück seiner sozialen und historischen Kneipenkultur. So verblassen Erinnerungen an vergangene Epochen und gesellschaftliches Zusammenleben im unausweichlichen Wandel zu neuen städtischen Strukturen. Wo auf der gegenüberliegenden Straßenseite der ehemalige Schlachthof lag, finden sich heute Supermärkte, ein riesiges Fahrradzentrum und zahlreiche neue Einfamilienhäuser. Nun stehe ich am Eisbein Eck vor dem halb hochgezogenen Rollladen und habe einen Blick in den leeren, verstummten Gastraum. Auf einem Schild am Fenster wird das Objekt zur Miete angeboten. Hauswände und Rollläden sind zeittypisch übersprüht. Was immer die Zukunft bringen wird: Das Eisbein Eck hat zumindest verdient, dass – ähnlich der Karl-Marx-Buchhandlung – sein beeindruckend geschwungener Schriftzug an der Hausfassade erhalten bleibt.

Nachtrag
„lekker“ – das ist der neue Schriftzug an der Stelle, an der einst in dicken roten Lettern „Eisbein Eck“ stand. Die ehemalige Gaststube wurde bis auf die Grundmauern entkernt, mit großflächigen neuen Fenstern versehen und im Oktober 2020 als Eiskaffee neu eröffnet. So hell wie der neue Schriftzug, so lichterfüllt sind auch die Innenräume. Glastheke auf gefliestem Sockel und zeitgemäße, moderne Sitzmöglichkeiten. Jedoch kaum Unverwechselbares zu anderen neuen Einrichtungen – das eigenständige Flair vom Eisbein Eck ist verloren gegangen. Hoffnungsvoll ist: Speisen und Getränke kommen bei den meisten Kunden gut an, es gibt für Kinder eine Spielecke und im „lekker“ können die Kiezbewohner nach den Corona-Einschränkungen wieder zusammenkommen bei Eis, Kaffee und Kuchen. Hoffentlich!

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