Peter Knie

NARVA – Von der Glühlampe zur Oberbaumcity

1995. In der Personalabteilung von ­NARVA herrschte Endzeitstimmung. Doch das Berliner Glühlampenwerk hieß nicht mehr ­NARVA, sondern seit drei Jahren PRIAMOS. Ein geschichtlicher Bezug dieses Namens ließ für die Zukunft wenig Gutes erahnen: Priamos war der letzte König von Troja, bevor der antike Ort unterging. Die PRIAMOS Licht, Industrie & Dienstleistungs GmbH übernahm von den einst 5.000 Mitarbeitern 1.080 Beschäftigte mit einer dreijährigen Arbeitsplatzgarantie und Umschulungsangeboten. Doch beides scheiterte, das Privatisierungsmodell der Treuhand machte eine weitere Nutzung des NARVA-Geländes für eine Lampenproduktion nahezu unmöglich. Von den zugesicherten 1.080 Arbeitsplätzen blieben nur 250 übrig – trotz besagter Beschäftigungsgarantie. Durch einen Passus in meinem damaligen Arbeitsvertrag, den ich gerichtlich durchsetzen musste, durfte ich nach der Abwicklung der Betriebsberufsschule, an der ich als Lehrmeister tätig war, noch einige Monate bei der ­PRIAMOS GmbH arbeiten. Ich saß also 1995 in der Personalabteilung, auf meinem neuen Schreibtisch türmte sich ein Stapel Personalakten. Meine Aufgabe war das Verfassen von Arbeitszeugnissen. Doch es waren keine üblichen Arbeitszeugnisse – es waren Zeugnisse als Bestandteil der Entlassungspapiere. Vor mir lagen die Unterlagen von Mitarbeitern, die teilweise ihr gesamtes Berufsleben im Berliner Glühlampenwerk gearbeitet hatten. Ich kannte keinen von ihnen persönlich, aus den Einschätzungen der Meister und Abteilungsleiter hatte ich aber einen kleinen Zugang zu den jeweiligen Menschen. In ­diesen wenigen Monaten meiner Tätigkeit in der Personalabteilung bekam ich einen einzigartigen Einblick in das Leben des Berliner Glühlampenwerkes und seiner Mitarbeiter, in eine über 80-jährige Glühlampenproduktion an der Warschauer Brücke, die nun ihr Ende fand.

Ihren Anfang hatte die Geschichte der Glühlampe in Berlin 1884. Als erstes öffentliches Gebäude erstrahlte auf dem Boule­vard Unter den Linden im Café Bauer Glühlampenlicht. Glühlampen, die nach Edison-Patenten gefertigt wurden. Auf dem Gelände des stillgelegten ersten Berliner Wasserwerkes an der Warschauer Brücke errichtete 1906 die Deutsche Gasglühlicht AG ein Glühlampenwerk mit dem markanten, damals elfgeschossigen Turmgebäude. Es gilt als das erste Berliner Hochhaus. Durch eine Fusion der deutschen Glühlampenhersteller entstand 1919 die Firma Osram. Nach dem Zweiten Weltkrieg lagen das Werk und auch die umliegenden Wohngebiete in großen Teilen in Trümmern. Das Osram-Werk wurde 1946 beschlagnahmt, die Sowjetische Militäradministration erteilte die Genehmigung zur Organisation eines Berliner Glühlampenwerkes – der 14. August 1946 war Gründungstag des BGW. 1969 schlossen sich die Glühlampenwerke der DDR zum Kombinat NARVA zusammen. Das Berliner Glühlampenwerk wurde mit 5.000 Beschäftigten Stammbetrieb und eines der Lebenszentren des Bezirkes Friedrichshain. Ein Großbetrieb war zu DDR-Zeiten nicht nur Arbeitsplatz, er bildete auch das Zentrum für Soziales und Kulturelles. Ein Großteil des Zusammenlebens war an den Betrieb gekoppelt. Das bedeutete auch, einen beständigen Spannungsbogen auszubalancieren zwischen den Möglichkeiten, in Zirkeln persönlichen Interessen nachzugehen und andererseits einer staatlichen Aufsicht zu unterliegen. Zu NARVA gehörte eine Poliklinik für die medizinische Betreuung, Kinderkrippe und Kita, Betriebsferienlager, Urlaubsheime, Sportstätten, eine Wohnungsbaugenossenschaft und diverse Kultureinrichtungen. In der werkseigenen Kneipe „Glühlampe“ saß man nach Feierabend zusammen, und manchmal soll man hier auch auf fehlendes Material für die Produktion gewartet haben.

Das Leben und Arbeiten in der „Lampenstadt“ fand in unmittelbarer Nähe zur Oberbaumbrücke statt. Diese war nur wenige Hundert Meter entfernt und doch unerreichbar. Die Brücke überspannte zwar die Spree, verband Friedrichshain mit Kreuzberg, war in ihrer historischen Fassade aber ein Sinnbild für die Trennlinie zwischen Ost- und Westberlin. Ihr Wahrzeichen, die beiden noch immer kriegsgeschädigten Backsteintürme, ragten seit Jahrzehnten wie abgebrochene Stümpfe in den Himmel. Zu beiden Seiten der Grenze schien man sich mit der geteilten Stadt abgefunden zu haben. Doch 1989 änderte sich alles. Angefangen von der Grenzöffnung in Ungarn und den Botschaftsbesetzungen in Prag und Warschau, zu den Massendemonstrationen in Leipzig und auf dem Alexanderplatz – alles schien in Veränderung. Die Fluchtbewegungen trafen auch NARVA: Mitarbeiter fehlten. Und dann kam der 9. November. Die Mauer wurde geöffnet. Auch die Grenzposten an der Oberbaumbrücke beendeten die scheinbare Endgültigkeit der Teilung der Stadt. Am kommenden Tag herrschte im Glühlampenwerk Abwesenheit. Viele Mitarbeiter waren jenseits der Oberbaumbrücke. Doch bereits einen Tag später surrten die Fließketten wieder, die Belegschaft produzierte trotz offener Grenze weiter Glühlampen. Die Oberbaumbrücke erhielt ihre ursprüngliche, verbin­dende Funktion zwischen Friedrichshain und Kreuzberg zurück. Das Berliner Glühlampenwerk lag nun nicht mehr am Rand der Tabuzone der Mauer, sondern mitten in der Stadt. Aus der Forderung „Wir sind das Volk!“ wurde schließlich „Wir sind ein Volk!“. Es war eine Zeit, in der alles möglich schien, eine Zeit, in der Geschichte galoppierte und eine Steuerung kaum möglich war.

Wie viele Betriebe war das Glühlampenwerk nach der Währungsunion der unmittelbaren Konfrontation mit den freien Märkten nicht gewachsen. 1992 stellte man die Glühlampenproduktion ein. Die Gebäude mit ihren unter Denkmalschutz stehenden Gründerzeit-Fassaden wurden entkernt, restauriert und zum Dienstleistungszentrum Oberbaum-City ausgebaut. In der ehemaligen „Lampenstadt“ entstanden hinter den historischen Mauern moderne Büro- und Geschäftsflächen, in denen etwa 80 Firmen mit ca. 3.500 Beschäftigten arbeiteten. Ein Spaziergang durch die Straßen, Arkaden mit Geschäften, Gaststätten und Ausstellungsräumen und vor allem zu den frei zugänglichen, klinkerverputzten Innenhöfen mit urbanen Tuffsteinbrunnen konfrontiert mit Überraschendem und Unerwartetem. Der ehemalige NARVA-Turm wurde um fünf weitere Etagen aufgestockt und gibt der Oberbaum-City ein neues und zeitgemäßes Wahrzeichen.

Ein Relikt aus der NARVA-Zeit ist die Kneipe „Zur Glühlampe”. Nach einer Renovierung eröffnete sie im August 2017 in einer neuen, aber vertrauten Atmosphäre. Einzig der kleine, denkmalgeschützte Treppenturm, der auch „Mäuseturm“ genannt wird und den Höhenunterschied zwischen Warschauer Platz und dem U-Bahnhof Warschauer Straße ausgleicht, steht wie ein geschichtlicher Stachel unverändert, als weigere er sich, sich den gesellschaftlichen und architektonischen Veränderungen anzupassen.

Mittlerweile blicken wir auf über dreißig Jahre Wandel seit der Öffnung der Berliner Mauer zurück. Noch immer, wenn ich auf der Warschauer Brücke bin, erinnert mich mein Blick auf das gläserne BASF-Hochhaus, dass dieses einmal der NARVA-Turm war, in dem Glühlampen im Dauerbetrieb getestet wurden und deren weithin sichtbares mattes Licht auch in der Dunkelheit den Turm zu einem Orientierungspunkt in Friedrichshain machte. Die Warschauer Brücke, heute im Zentrum von Friedrichshain-Kreuzberg, lebt wie einst durch den Strom von Personen, deren Ziele die beiden Bahnhöfe oder Arbeitsplätze in der Oberbaumcity sind. Und manchmal erinnere ich mich auch an die Akten auf meinem Schreibtisch, als in der Personalabteilung für die Mitarbeiter von NARVA der Übergang zu einem neuen Lebensabschnitt in einer für sie neuen Gesellschaft eingeleitet wurde.

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