Ulrike Dittmann

Kultur: bloße Unterhaltung?

2. November 2020: Corona Teil-Lockdown, alles, was der Unterhaltung dient, ist geschlossen. Schon wieder, denke ich mit Bedauern, als ich den Beschluss der Politik lese. Einige Tage später sträubt sich plötzlich etwas in mir. Moment einmal – Kultur dient der Unterhaltung und ist eine Freizeitbeschäftigung? Oh nein, das stimmt für mich nicht! Für die Kulturschaffenden erst recht nicht. So zu denken, erschüttert mich zutiefst, macht mich zornig und verkennt die Bedeutung ­aller Künste.

Ich erinnere mich an meine letzten Ausstellungsbesuche. Ein ganzer Tag, drei Ausstellungen mit meinem besten Freund. Der ­Urlaub war wegen des Beherbergungsverbots ausgefallen. Wenig corona-konform ist nun eigentlich ausgerechnet ein Ausstellungsbesuch. Doch mit Einlassfenster, Maske und Abstand vielleicht in Ordnung, denken wir. Eine gute Entscheidung: Was wir erleben, begeistert uns, macht uns glücklich. Wir tauschen uns darüber aus, weisen uns gegenseitig auf Blickwinkel und Interpretationsmöglichkeiten hin, teilen Assoziationen. Am Abend sind wir selig, geistig sehr gut genährt und uns wieder ein Stück näher. Selbst jetzt, Wochen später, löst die Erinnerung daran noch immer Glücksgefühle in mir aus. Ich erzähle Anderen von dem Gesehenen, von meinen Gefühlen, höre wiederum von ihnen, was sie erlebt und wahrgenommen haben. Durch Kunst bin ich mit meinen Mitmenschen in Verbindung. Und das ist nicht nur im Lockdown, wo alles enger und einsamer wird, wichtig. Da aber besonders! Wer kennt nicht das Gefühl, am Morgen nach einer Lesung, einem Kino- oder Theaterbesuch aufzuwachen, und das erste Gefühl, was sich einstellt, ist Freude, Glück! Noch vollkommen erfüllt zu sein vom Erlebten! Es bilden sich Gedanken, neue Ideen, Erkenntnisse, Zusammenhänge, vielleicht auch mit dem eigenen Sein.

Nach besonders eindrucksvollen kulturellen Erlebnissen kann ein Teil meiner Familie erst am nächsten Tag mit mir darüber reden, weil sie dann erst wieder ansprechbar sind. Und solch ein tiefes seelisch-geistiges Erleben soll nur der Unterhaltung dienen? Ist quasi als trivialer Zeitvertreib etikettiert? Da habe ich eine vollkommen andere Wahrnehmung oder etwas missverstanden!

Das nachkulturelle Glücksgefühl nehme ich mit in den Tag; wenn ich arbeite, mich Termine, Meetings und der Alltag fordern, stressen, langweilen. Je nach dem. De facto war es in meinem Leben schon oft so, dass die Künste (egal welcher Art) einiges relativiert haben. Kunst gibt mir Kraft, Freude, inspiriert mich, lädt mich zu neuen Perspektiven ein, anders und neu zu denken, verbindet mich mit dem/der Künstler*in, wenn ich mit seinem/ihrem „Produkt“ in Resonanz gehe. Kunst erzeugt immer ein Gefühl. Zumindest Antipathie oder Sympathie. Das dient nicht der „Unterhaltung“! Es spricht unmittelbar an. Geht direkt in die Seele. Hier funken Seelen miteinander. Kunsttherapien jeglicher Art werden nicht ohne Grund bei psychischen Problemen/Krankheiten genutzt. Spätestens der Nachklangeffekt, den die Kunst hat, stärkt meine Resilienz.

Ich treffe bei kulturellen Veranstaltungen Menschen, denen ich sonst nie begegnen würde, mit denen mich vielleicht nichts weiter verbindet. „Nur“ das gleiche Interesse, die Freude an der jeweiligen Kunst. Manchmal gibt es ein Lächeln, ein kleines Gespräch mit einer fremden Person und immer ein Gefühl von Gemeinschaft. Und genau das ist auch der Grund, warum Online-Kulturangebote nicht das Gleiche sind. Ich kann mich nicht einsam vor den Laptop setzen und dann zweidimensional Kultur wahrnehmen. Das ist wie abgehackt. Wo bleibt da der Austausch? Die Möglichkeiten, meinen Blick frei auf das zu lenken, was mich besonders anzieht? Nein, Kultur ist keine Aufwertung des eigenen „Ich“, an der ich mich abarbeite. Kultur hat für mich verbindenden Charakter. Das gilt nicht nur für meine Familie, Freunde und mich, sondern auch für unzählige Andere, die mir immer wieder mal mit leuchtenden Augen von kulturellen Erlebnissen berichten. Und ganz ehrlich, kennen Sie nicht die Vorfreude? Morgen gehe ich … Bin ich dann nicht voller Neugierde und Spannung? Es ist wie Brausepulver auf der Zunge. Die Seele ­pritzelt freudig. Der Alltag bekommt bunte Farbtupfer. Wann waren Sie zum letzten Mal begeistert? Oder haben gestaunt wie ein Kind? Diese Empfindungen habe ich zum Beispiel jedes Jahr bei der Berlinale und der Langen Nacht der Bilder, denen ich mit Vorfreude entgegensehe. Dort treffe ich die ganze Welt. Ich muss nur hingehen und alles auf mich wirken lassen. Ansehen, Lauschen, was gehört werden will, was gezeigt wird. Ich höre, was sich Künstler*innen, Filmemacher*innen dabei gedacht haben, wo sie seelisch-geistig, kulturell herkommen. Ich staune, wundere, freue mich. Es ist wie ein gelungenes Fest. Viele Eindrücke, alle Speicher sind voll – ich bin beschenkt! Die Zuordnung von Kultur und Kunst als bloße Unterhaltung und Freizeitgestaltung ignoriert dieses Gefühl des Beschenktseins und missachtet damit unser tiefes Bedürfnis nach kulturell-künstlerischem Erleben und Erfahren.

Wichtig ist mir auch noch folgende Per­spektive: Anders als für die meisten Studiengänge müssen künftige Künstler*innen eine Eignungsprüfung absolvieren. Das heißt, sie müssen nachweisen, ob sie für den Beruf begabt genug sind und werden aus einer Vielzahl von Bewerber*innen ausgewählt. An den Berliner Kunsthochschulen werden oft  nur zehn Prozent der Bewerber*innen immatrikuliert. Sollte das Ziel des Studiums tatsächlich die bloße, nette Unterhaltung der Mitmenschen sein? Uns bei Laune zu halten? Brot und Spiele wie im alten Rom? Wird man ­quasi zum Berufsnarr mit akademischem Grad ausgebildet? Diese Perspektive möchte ich schnell wieder ausradieren, weil die Wertung vermutlich nicht nur mich schmerzt. Über die prekäre Situation aller Kulturschaffenden haben wir schon einiges lesen oder hören können. Das ist nicht kleinzureden und braucht nicht nur schnelle Lösungen, sondern auch langfristig dauerhafte! Es ist ein Beruf, von dem jede*r leben können sollte! Wenn man den Beruf in einer Notlage nicht ausüben kann und dann Grundsicherung beantragen muss, ist das kaum vorstellbar. Staatliche Unterstützungen sind keine Almosen! Weder in Corona-Zeiten, noch sonst! Die Metapher „brotlose Kunst“ darf in einer kulturell entwickelten Gesellschaft nicht real sein!

Eines muss daher noch von meiner Seele: Der Einzelhandel hat weiterhin geöffnet. Das mag für einige Menschen sehr hilfreich sein, anderen hilft auch das leider nicht mehr.

Dem Konsum in Zeiten von massiver Ressourcenverschleuderung, Klima- und Verteilungskrise eine solche Bedeutung beizumessen und gleichzeitig Kultur als  Unterhaltung und Freizeitbeschäftigung zu klassifizieren, macht mich zuerst zornig, dann sehr traurig und  kraftlos!

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