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Medienpoint Pankow - Mehr als nur Bücher

Mitarbeiter beim Aufbau der Berlin-Datenbank; Fotos: Ingrid Landmesser

In 2021 kann der Medienpoint Pankow an der Ecke Senefelder-/Hiddenseer Straße in Prenzlauer Berg sein 20jähriges Jubiläum feiern. Die Idee, Bücher entgegenzunehmen und sie kostenfrei wieder abzugeben, hat sich als tragfähig erwiesen. Dieses Angebot wird besonders gern von jenen angenommen – und so war es von Beginn an konzipiert – denen ihr schmales Budget einen Buch- oder DVD-Neukauf kaum gestattet, die jeden Euro brauchen, um ihre Wohnung zu bezahlen und ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Mitbürger aller Altersgruppen kommen vorbei, vielfach Familien mit Kindern, Azubis, Umschüler und Studenten. Selbst in Lohn und Brot Stehende schauen gern rein, weil sie wissen, hier sind eventuell Bücher, Schallplatten oder Filme zu finden, nach denen man zum Beispiel im Internet lange suchen müsste.
Wann immer man in den Medienpoint Pankow kommt – stets sind Besucher im Raum. Mehr noch wird in den Kartons mit Büchern gesucht, die draußen vor den Fenstern aufgestellt sind. Denn so oft und so lange Büchern schon das Sterben vorausgesagt wurde, so einfach verleitet gerade ein solcher Karton, darin zu kramen und sich wie ein Kind zu freuen, wenn man fündig wurde. Dass jemand ohne ein Buch, eine DVD oder Schallplatte davon geht, passiert kaum, sagen die Pankower Mitarbeiter. Irgendetwas findet sich immer, was sich mitzunehmen lohnt. (Kann ja auch ein Puzzle sein, das abgegeben wurde.) Und falls nicht... – man spricht mit den „Suchern“, notiert die Wünsche, sucht gezielt weiter und legt das Fundstück zum Abholen bereit, wofür es es dann ein besonders nettes Dankeschön gibt.

Und weil sich die Mitarbeiter mit den Hereinkommenden auch unterhalten, erfahren sie manche Geschichte, warum gerade dies oder jenes gesucht wird. Deutschlehr- und Wörterbücher beispielsweise: Kaum sind sie als Neuzugang vermerkt, werden sie schon von Schülern der nahen Volkshochschule mitgenommen. Ratgeber sind Renner. DVDs mit Filmklassikern liegen ebenfalls nicht lange rum. Krimis „gehen immer“, besonders vor Urlaubszeiten. Und Kinderbücher... Davon kann es nicht genug geben, wenn zum Beispiel Kindergärtnerinnen vorbeikommen, um den Bestand in ihrer Kita aufzufüllen. Ingrid Landmesser, die sich als langjähriges Kulturring-Vereinsmitglied im St.-Elisabeth-Stift in Prenzlauer Berg engagiert, sucht und findet immer etwas, um es den betagten Bewohnern mitzunehmen. Sie kennt deren „Lesegeschmack“.

Der Medienbestand rekrutiert sich aus dem, was abgegeben wird. Wer sein Leben lang Bücher, Platten oder Filme gesammelt hat, weint allem Tränen nach, wenn aus Platz- oder anderen Gründen entsorgt werden muss. So gelangen ganze Sammlungen in die Einrichtung. Selbst nicht entpackte Medien kommen an. Manchmal hat mancher einfach ein Zuviel davon. Gut, wenn es dann einen Medienpoint wie diesen in der Nähe gibt. Bücher, Platten, DVDs (auch Spiele) entgegennehmen, sortieren, einordnen, ausgeben, kommunizieren, Wünsche erfüllen, gezielt nach diesem oder jenem suchen, beraten und empfehlen – eine sinnvolle Beschäftigung, eine soziale Aufgabe – und eine ökologisch wertvolle zugleich. Dessen sind sich die Mitarbeiter sehr bewusst. Diese Aufgabe macht ihnen Freude und erfüllt sie. Sie gestalten gern die Schaufensterauslagen zu speziellen oder aktuellen Themen und haben bereits eine von vielen Besuchern mit großer Aufmerksamkeit betrachtete Schau von Fundstücken aus Büchern gestaltet – Fahrkarten, Kassenzettel, Zeitungsausschnitte, Fotos...   (Darüber fand sich sogar eine Familie.)

Die Kollegen denken seit langem über eine breitere Werbung für ihre Einrichtung nach, wollen vor allem das Internet nutzen und mehr an Stadtteilfesten teilnehmen, um zu ermutigen, in ihre Ecke Senefelder-/Hiddenseer Straße hinein zu kommen, sich umzuschauen und nach den Schätzen zu greifen, die in den Regalen stehen. Alles soll kennengelernt werden, jedes Medium soll möglichst eine Entdeckung sein, und wer es mitnehmen möchte, soll sich freuen, dass nichts zu bezahlen ist. Ebenso kostet es keinen Cent, in der umfangreichen Sammlung von Berlin-Büchern des Medienpoints zu recherchieren. Man kann sich in einer Datenbank anschauen, was über das in diesem Jahr 100jährige Groß-Berlin alles gesammelt wurde.

Bücher zum Thema mit nach Hause nehmen... Der Kulturring hat bis dato entschieden: Besser nur vor Ort einsehen, Seiten kopieren, abfotografieren. So ist eine Mehrfachnutzung möglich. Ob es dabei bleibt, ist derzeit nicht zu sagen. In der über die Stadt entstandenen Medienflut ist schon lange nicht mehr jedes Werk originär – und wird vermutlich in 2020 nicht dokumentarischer. Man wird über den weiteren Umgang mit dieser Berlin-Sammlung nachdenken müssen. Bis dato ist sie aber ein wohl gehüteter Schatz. Mit dem Konzept „Medienpoint“ setzt der Kulturring in Berlin stadtweit auch in Zukunft darauf, dass Bücher, DVDs, Hörbücher, Schallplatten u. a. m. als „Lebensmittel“, als unveräußerlicher Schatz der Kulturbildung anerkannt sind und ihre Sammlung, Ordnung wie kostenfreie Weitergabe staatlich gefördert bleibt – auch der Umwelt ­zuliebe.

Herzlichen Dank an das Team im Medienpoint Pankow für die Mithilfe am Entstehen dieses Beitrages.

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