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Keine überholte Aufgabe

Fotos: Reno Döring

Am Vorabend des diesjährigen Internationalen Holocaust-Gedenktages am 27. Januar lud der Verein frag doch! Verein für Begegnung und Erinnerung e. V. gemeinsam mit dem Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg und dem evangelischen Kirchenkreis Tempelhof-Schöneberg zu einer Gedenkveranstaltung in die Apostel-Paulus-Kirche ein. Zur Erinnerung an den Tag der Befreiung von Ausschwitz wurde 2005 der 27. Januar von den Vereinten Nationen zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust erklärt. Seither führen das Ausstellungsprojekt „WIR WAREN NACHBARN“, an dem der Kulturring beteiligt ist, das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg, die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Berlin e. V. (GCJZ) und die Deutsch-Israelische Gesellschaft Berlin und Brandenburg e. V.(DIG Berlin und Brandenburg) alljährlich eine gemeinsame Gedenkveranstaltung an unterschiedlichen Orten des Stadtbezirks Tempelhof-Schöneberg durch.

Musikalisch begleitet wurde die diesjährige Gedenkveranstaltung von Nur Ben ­Shalom, Klarinette, und Michael Cohen Weissert am Klavier. Nur Ben Shalom ­wurde am Konservatorium in Tel Aviv sowie an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in Berlin ausgebildet und tritt weltweit als Solist und in verschiedenen Orchestern und Ensembles auf. Es ist ihm ein dringendes Anliegen, Werke vergessener jüdischer Komponisten aus der Zeit der Verfolgung zu entdecken und wieder aufzuführen. Das Duo spielte Kompositionen und Bearbeitungen von Arno Nadel, dessen Biografie Dr. Simone Ladwig-Winters, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Projektleiterin der Ausstellung „WIR WAREN NACHBARN“, vorstellte und dessen biografisches Album nun die Ausstellungsinstallation im Rathaus Schöneberg ergänzen wird.

Arno Nadel, am 3. Oktober 1879 in Wilna (damals russisch) geboren, wurde als Kind zur Ausbildung nach Königsberg geschickt, wo er an einer nichtkonfessionellen ­Schule, dort aber auch in synagogalem Gesang, unterrichtet wurde. Hier lernte er, der bis dahin nur jiddisch gesprochen hatte, Deutsch und entwickelte eine enge Verbundenheit zur deutschen Sprache. Mit 17 Jahren zog er 1895 nach Berlin und besuchte dort die Jüdische Lehrerbildungsanstalt. Nach dem Abschluss arbeitete er als Lehrer und Musiker, aber auch als Schriftsteller und Übersetzer. Neben der Leitung des Chors der Synagoge am Kottbusser Ufer befasste er sich im Auftrag der Jüdischen Gemeinde zu Berlin mit der Sammlung von jüdischen Volksliedern und synagogaler Musiküberlieferung. Dieses sehr komplexe Werk, das aus sieben Bänden bestand, ist von besonderer Bedeutung, weil die meisten Stücke bis dahin nicht schriftlich niedergelegt waren. Es ist zum größten Teil verloren gegangen. Nadel publizierte viel, fand nach 1928 aber auch als Maler Anerkennung. Als die Nationalsozialisten an die Macht gelangt waren, konzentrierte sich Nadel auf die Arbeit in der Jüdischen Gemeinde und im Jüdischen Kulturbund. Hier engagierte er sich voller Leidenschaft. Nach den ­Pogromen im November 1938 wurde er verhaftet und ins KZ Sachsenhausen verschleppt. Er kam nach einigen Wochen frei, doch das Lager hatte seine Spuren hinterlassen. Ab 1942 wurde er zur Zwangsarbeit verpflichtet. Er musste im Reichssicherheitshauptamt in der Eisenacher Straße Bücher schleppen und sortieren. Die Nationalsozialisten wollten eine Bibliothek mit der Literatur „der Gegner“ aufbauen, dafür hatten sie jüdische Bibliotheken und Sammlungen geplündert. Nadel war für die jiddische Literatur zuständig. Die beiden Töchter Nadels konnten noch ins Ausland gelangen, doch Nadel und seine Frau Anna geb. Guhrauer (geb. 13.08.1879 Berlin – Deportation 12.03.1943 nach Auschwitz) schafften es nicht mehr, Deutschland zu verlassen. Sie wurden am 12. März 1943 nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort wahrscheinlich umgehend nach der Ankunft ermordet.

Alle Rednerinnen und Redner an diesem würdigen Gedenktag betonten eindringlich die Notwendigkeit, nicht aufzuhören, an die sechs Millionen ermordeten Juden zu erinnern, jeglicher Leugnung der Shoa entgegenzutreten und ihre Verfolgungsgeschichte für die Nachwelt aufzuarbeiten, denn es ist keine „überholte“ Aufgabe, wie Angelika Schöttler, Bezirksbürgmeisterin von Tempelhof-Schöneberg, in ihrer Ansprache betonte.

(unter Verwendung folgender Quelle:
Dr. Simone Ladwig-Winters, Leben in Stücken – die Biografie Arno Nadels – Auszug)

 

Wir waren Nachbarn
Die seit 2005 im Rathaus Schöneberg gezeigte Ausstellung wird auch 2020 wieder einen Jahresschwerpunkt haben. Unter dem Titel „Nicht kampflos – die vielfältigen Formen jüdischen Widerstands“ soll eine Vorstellung von der Breite des Widerstands gegen die NS-Diktatur vermittelt werden. Schon vorliegende biografische Alben, z. B. über Ernst Fraenkel, Kurt Hiller, Luise Kautsky, Eva Kemlein und Inge Lammel, sollen ergänzt werden. Sie hatten sich auf ganz unterschiedliche Weise der nationalsozialistischen Politik ­widersetzt. Mit neuen Alben, Hörstationen und Vorträgen im Rahmenprogramm soll der Thematik intensiver nachgegangen werden. Ein Besuch der Ausstellung lohnt sich also auch in diesem Jahr. Aktuelle Informationen sind zu finden auf der Webseite:
www.wirwarennachbarn.de

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