Kulturnews

Zuhause!

Am Anfang war die Projektidee. Es sollte ein Buch über die Lebenswelten von Jugendlichen und ihre ganz eigene Sicht auf ihr Lebensumfeld im Heinrich-Heine-Viertel in Berlins Mitte werden. Ein Viertel, in dem nur langsam die Spuren der deutschen Teilung verwischen, die Lücken sich schließen im ehemaligen Grenzgebiet zwischen Kreuzberg und Mitte.

Als Kooperationspartner wurden der Kinder- und Jugendklub Ottokar und die Evangelische Schule Berlin-Zentrum gewonnen. Die Schülerinnen und Schüler dieser Schule stammen nicht aus dem Heine-Viertel, sie kommen morgens an und fahren am Nachmittag wieder weg. Für sie ist das Gebiet hauptsächlich ein Durchgangsbezirk. Obwohl sie den größten Teil des Tags hier verbringen, wissen sie wenig von den Menschen im Viertel. Warum auch? Trotzdem machen sich die Schülerinnen und Schüler auf. Sie fotografieren die umliegenden Gebäude, diskutieren die Ergebnisse. In der Rasterarchitektur der DDR-Bauten finden sie nach und nach Gestaltungselemente für ihr Buch, Experten unterstützen bei Satzspiegel und Gestaltung der Doppelseiten. Einige schreiben Horrormeldungen und fragen sich, wer hier eigentlich wohnt. Warum sich niemand kümmert, fragen andere. Sie sagen, sie wollen hier nicht leben.

Die Kinder und Jugendlichen aus dem Ottokar leben im Kiez, sie kennen hier jede Ecke, alles hier ist ihnen vertraut. Sicher können sie die Sicht der Schüler nicht immer verstehen.

So bringen beide Gruppen ihre verschiedenen Blickwinkel auf das Viertel in das Projekt ein. Da gab es schon mal in den Gesprächen intensive Auseinandersetzungen. Im Ergebnis ist ein Bilderbuch über das Heinrich-Heine-Viertel entstanden. Aber vor dem lohnens- und lobenswerten Ergebnis lag Mühe und Arbeit. Über einfaches handwerkliches Tun und komplexere Arbeitsvorgänge sollte an lösungsorientiertes Denken herangeführt werden, die Stärkung der Kreativität und des Selbstvertrauens bei den jungen Leuten waren als Ergebnis erwünscht.

Da war das angestrebte Projektziel, den Teilnehmer_innen einen Einblick in die Medienproduktion zu geben und ihnen zu ermöglichen, die eigene Kreativität im Bereich Druck umzusetzen. Da wurde gezeigt und berichtet, was grafische Gestaltung bedeutet, wie man fotografiert, die Bildmotive wurden ausgewählt und besprochen, danach erfolgte die Bildvorbereitung für den Siebdruck, d.h. es ging um den Druck von Bildmotiven als Postkarten im Siebdruck, die Einführung in die Grundsätze von Layout und Seiten-Gestaltung, Illustrationstag, die Erstellung des Layouts für das Buch. Zu guter Letzt wurde noch eine Druckerei besucht.

Nachhaltig sollte das Projektergebnis sein, wie stellt man so etwas fest?

Am besten man fragt die Beteiligten, und die haben die Arbeit an dem Buch als Bereicherung empfunden. Vor allem das Drucken der eigenen Fotografien hat den Teilnehmer_innen viel Spaß bereitet. Sie zeigten großes Interesse an Medien und ihrer Herstellung. Die Auseinandersetzung mit dem Thema „eigene Nachbarschaft” und den neuen Möglichkeiten sich auszudrücken, war ein spannender Prozess, der auf einfache Weise die Teilnehmer_innen an ergebnisorientiertes Denken und Arbeiten heranführte. Komplexe Vorgänge wurden in einzelne Schritte zerlegt und dadurch verständlicher. Da das Medium und die Technik bei den Kids so gut Anklang fanden, suchen beide Projektleiter gerade aktiv nach einer Möglichkeit, eine weitere Förderung für einen Plakatworkshop in Kooperation mit Einrichtungen im Kiez zu finden.Doch nun zum Buch und seinem Kontext, da heißt es im Vorwort: „Im Jahr 1958 beginnt die DDR mit dem Bau von mehr als 10.000 Standardwohnungen entlang der heutigen Heinrich-Heine-Straße in Berlin. Die Straße bekommt ihr typisches Gesicht, die anonyme Fassade eines Durchgangsbezirks. Mitten in der Stadt. Heute, über 50 Jahre später, sind die beiden Bezirke Mitte und Kreuzberg immer noch nicht zusammen gewachsen. Der Grenzbereich liegt weitgehend brach, der Grenzstreifen ist noch deutlich zu erkennen.“ Das Heinrich-Heine-Viertel ist im Stadtplan der meisten Berliner nicht vorhanden. Es liegt im toten Winkel. Ein blinder Fleck im Zentrum Berlins, geprägt durch Unterschiede: Anonyme Plattenbauten und Partyszene, günstiger Wohnraum, arme Familien, Botschaften und Agenturen. Kleine Gassen und Trampelpfade führen hinter die Fassaden. Und dort, hinter den Plattenbauten, zeigt sich eine andere Wirklichkeit: Das Wohngebiet ist weitgehend verkehrsfrei, es hat den Charakter einer Gartenstadt. Und hier, eingerahmt von Großblockbauten des Typs P2, liegt in der Schmidstraße 8 der Kinderverein Ottokar e.V. Die Kinder des Vereins wohnen in der Nachbarschaft. Oft kommen sie gleich nach der Schule hierher. Sie gehen selten über die Grenzen ihrer Nachbarschaft hinaus. Sie sind die Experten dieses Stadtteils. Ebenfalls im Gebiet, in der Wallstraße 32, liegt die Evangelische Schule Berlin Zentrum. Die meisten Schülerinnen und Schüler wohnen nicht im Stadtteil. Die Jugendlichen des Wahlpflichtkurses Kunst 10. Klasse kommen größtenteils aus Mitte und Prenzlauer Berg. Sie kennen das Gebiet rund um ihre Schule kaum, sie kommen mit der U-Bahn und fahren auch wieder weg. Sie fragen sich, warum niemand den Müll entfernt, weshalb sich niemand verantwortlich fühlt, weshalb die tote Taube seit Tagen auf der Wiese liegt. Die Architektur bereitet ihnen Unwohlsein. Während des Projekts beginnt die Klasse trotzdem damit, Menschen auf der Straße zu porträtieren, sie stellt Fragen, druckt Siebdruck-Postkarten.

Darüber hinaus bittet die Klasse die Kinder von Ottokar, die Grenzen ihres Gebiets mit Einwegkameras festzuhalten. Auf einmal sehen die Kinder von Ottokar überall Grenzen: Zwischen innen und außen, zwischen Familie und Freizeit, zwischen den unterschiedlichsten Lebenswelten, die im Heinrich-Heine-Viertel aufeinander treffen. Zwischen Armut, Drogenhandel und geschützten Räumen. Der ehemalige Mauerstreifen ist eine Grenze, das Engelbecken und der Schweineladen, in den sie nicht gehen, sind auch Grenzen. Im Kinderzimmer sind Grenzen zwischen der rechten und der linken Seite, sie unterscheiden zwischen räumlichen und geistigen Grenzen. Die Kamera ist immer dabei.

Diese Publikation zeigt die Fotos der Kinder vom Kinderzentrum Ottokar. Der Wahlpflichtkurs Kunst hat die Fotos in einen neuen Kontext gesetzt, durch eigene Fotos ergänzt, die Doppelseiten gestaltet und Texte geschrieben. Durch das Zusammenbringen der jeweiligen Perspektiven entstehen neue Differenzierungen. Und ein neuer blinder Fleck.

Dieses Buch entstand im Rahmen des Projekts „Wie kommt das Bild ins Buch?“, gefördert mit Mitteln des Programms LSK (Lokales Soziales Kapital) 2011.“

Als Ergebnis ist nicht nur das Buch entstanden, sondern zusätzlich noch zwei Postkartenserien, ein Plakat und ein Flyer. Das Buch kann man sich ansehen. Einfach eine Mail an an info(at)bureau11.de schicken und einen Termin mit den Initiatoren vereinbaren.

Archiv

November 2020 (10 Artikel)
September 2020 (11 Artikel)
Juli 2020 (8 Artikel)
Mai 2020 (12 Artikel)
März 2020 (10 Artikel)
Januar 2020 (8 Artikel)

Dezember 2019 (7 Artikel)
November 2019 (9 Artikel)
Oktober 2019 (11 Artikel)
September 2019 (12 Artikel)
Juli 2019 (7 Artikel)
Juni 2019 (7 Artikel)
Mai 2019 (8 Artikel)
April 2019 (10 Artikel)
März 2019 (9 Artikel)
Februar 2019 (7 Artikel)
Januar 2019 (9 Artikel)

Dezember 2018 (8 Artikel)
November 2018 (10 Artikel)
Oktober 2018 (8 Artikel)
September 2018 (8 Artikel)
Juli 2018 (12 Artikel)
Juni 2018 (7 Artikel)
Mai 2018 (11 Artikel)
April 2018 (9 Artikel)
März 2018 (7 Artikel)
Februar 2018 (9 Artikel)
Januar 2018 (10 Artikel)

Dezember 2017 (6 Artikel)
November 2017 (9 Artikel)
Oktober 2017 (6 Artikel)
September 2017 (10 Artikel)
Juli 2017 (11 Artikel)
Juni 2017 (7 Artikel)
Mai 2017 (8 Artikel)
April 2017 (7 Artikel)
März 2017 (7 Artikel)
Februar 2017 (7 Artikel)
Januar 2017 (8 Artikel)

Dezember 2016 (8 Artikel)
November 2016 (8 Artikel)
Oktober 2016 (9 Artikel)
September 2016 (9 Artikel)
Juli 2016 (10 Artikel)
Juni 2016 (7 Artikel)
Mai 2016 (9 Artikel)
April 2016 (8 Artikel)
März 2016 (8 Artikel)
Februar 2016 (9 Artikel)
Januar 2016 (10 Artikel)

Dezember 2015 (9 Artikel)
November 2015 (7 Artikel)
Oktober 2015 (6 Artikel)
September 2015 (6 Artikel)
Juli 2015 (8 Artikel)
Juni 2015 (7 Artikel)
Mai 2015 (8 Artikel)
April 2015 (8 Artikel)
März 2015 (7 Artikel)
Februar 2015 (6 Artikel)
Januar 2015 (7 Artikel)

Dezember 2014 (6 Artikel)
November 2014 (6 Artikel)
Oktober 2014 (8 Artikel)
September 2014 (6 Artikel)
Juli 2014 (7 Artikel)
Juni 2014 (8 Artikel)
Mai 2014 (9 Artikel)
April 2014 (6 Artikel)
März 2014 (7 Artikel)
Februar 2014 (8 Artikel)
Januar 2014 (9 Artikel)

Dezember 2013 (8 Artikel)
November 2013 (7 Artikel)
Oktober 2013 (5 Artikel)
September 2013 (6 Artikel)
Juli 2013 (8 Artikel)
Juni 2013 (10 Artikel)
Mai 2013 (7 Artikel)
April 2013 (8 Artikel)
März 2013 (8 Artikel)
Februar 2013 (6 Artikel)
Januar 2013 (7 Artikel)

Dezember 2012 (8 Artikel)
November 2012 (8 Artikel)
Oktober 2012 (6 Artikel)
September 2012 (7 Artikel)
Juli 2012 (10 Artikel)
Juni 2012 (7 Artikel)
Mai 2012 (8 Artikel)
April 2012 (9 Artikel)
März 2012 (7 Artikel)
Februar 2012 (9 Artikel)
Januar 2012 (9 Artikel)

Dezember 2011 (8 Artikel)
November 2011 (6 Artikel)
Oktober 2011 (8 Artikel)
September 2011 (6 Artikel)
Juli 2011 (8 Artikel)
Juni 2011 (9 Artikel)
Mai 2011 (8 Artikel)
April 2011 (7 Artikel)
März 2011 (7 Artikel)
Februar 2011 (8 Artikel)
Januar 2011 (8 Artikel)

Dezember 2010 (6 Artikel)
November 2010 (8 Artikel)
Oktober 2010 (8 Artikel)
September 2010 (9 Artikel)
August 2010 (6 Artikel)
Juli 2010 (6 Artikel)
Juni 2010 (7 Artikel)
Mai 2010 (6 Artikel)
April 2010 (7 Artikel)
März 2010 (6 Artikel)
Februar 2010 (8 Artikel)
Januar 2010 (8 Artikel)

Dezember 2009 (8 Artikel)
November 2009 (7 Artikel)
Oktober 2009 (7 Artikel)
September 2009 (6 Artikel)
August 2009 (7 Artikel)
Juli 2009 (8 Artikel)
Juni 2009 (8 Artikel)
Mai 2009 (9 Artikel)
April 2009 (7 Artikel)
März 2009 (7 Artikel)
Februar 2009 (7 Artikel)
Januar 2009 (10 Artikel)

Dezember 2008 (7 Artikel)
November 2008 (7 Artikel)
Oktober 2008 (9 Artikel)
August 2008 (8 Artikel)
Juli 2008 (7 Artikel)
Juni 2008 (7 Artikel)
Mai 2008 (8 Artikel)
April 2008 (7 Artikel)
März 2008 (7 Artikel)
Februar 2008 (6 Artikel)
Januar 2008 (7 Artikel)

Dezember 2007 (7 Artikel)
November 2007 (7 Artikel)
Oktober 2007 (6 Artikel)
September 2007 (6 Artikel)
August 2007 (6 Artikel)
Juli 2007 (5 Artikel)
Juni 2007 (6 Artikel)
Mai 2007 (5 Artikel)
April 2007 (5 Artikel)
März 2007 (6 Artikel)
Februar 2007 (6 Artikel)
Januar 2007 (5 Artikel)

Dezember 2006 (5 Artikel)
November 2006 (6 Artikel)
Oktober 2006 (5 Artikel)
September 2006 (4 Artikel)
Juli 2006 (7 Artikel)
Juni 2006 (7 Artikel)
Mai 2006 (4 Artikel)
April 2006 (7 Artikel)
März 2006 (6 Artikel)
Februar 2006 (5 Artikel)
Januar 2006 (7 Artikel)