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Geschichte(n) im Studio

Nach einem Erlass vom 15. Juni 1770 hatte Friedrich II. rund um den Weg nach Boxhagen (seit 1874 Gürtelstraße) sieben ausgewählte Familien aus Böhmen und der Pfalz ansiedeln lassen, um den Boden für Garten- und Landbau urbar zu machen. Damit war der Grundstein für die Colonie Friedrichsberg gelegt, von der heute nur noch die Apotheke ihren Namen hat.

Ein Plan von 1872 weist das Gelände in der Nähe der heutigen Buchberger Straße noch als „Der Upstall“ aus. Das heißt, hier befand sich die Nachtkoppel des Dorfes Lichtenberg, ein umfriedetes Feldstück, das als gemeinsame Weide für das Zugvieh diente, welches den ganzen Sommer über nicht in die Dorfställe kam.

Mit der Wandlung Berlins zur Industrie- und Großstadt ab Mitte des 19. Jahrhunderts vollzog sich auch ein Bedeutungswandel des Gebietes östlich der Ringbahn. Die Industrie verlagerte sich aufgrund der billigeren Bodenpreise und der Ausdehnungsmöglichkeiten zunehmend hinaus aus der Stadt in die Randbezirke. Lichtenberg wurde zum Industriestandort.

Am 17. Juli 1871 war die „äußere Ringbahn“ für den Güterverkehr mittels Dampflokomotiven eröffnet worden. Ihr folgte bald die Bahn für den Personenverkehr. Die Station Friedrichsberg (ab 1. Oktober 1897 Frankfurter Allee) bildete einen wichtigen Verkehrsknoten von Berlin nach Lichtenberg. Arbeiter und Angestellte siedelten sich in der Nähe ihrer Arbeitsstätten an. Mitte der 1920er Jahre lebten an der Tasdorfer, Wartenberg- und Pfarrstraße in oft widrigen Wohnverhältnissen Proletarier Lichtenberger Betriebe. Aber auch kleinere Gewerbebetriebe, Fuhrunternehmen, Tischlereien, Holzlagerstätten, Handelsbetriebe fanden sich in dem gemischten Gebiet. So siedelte sich auch der Fleischermeister Paul Skupin ca. 1925 mit seiner Fleischwarenfabrik in der Tasdorfer Straße 9 an. Sein Wohnhaus, die Villa Skupin, wurde direkt neben der Fabrik errichtet.

Die erste Veranstaltung der neuen Reihe „Geschichte(n) im Studio“ am 16. Mai 2011 unter dem Titel „Die Villa Skupin und das Drumherum“ stellte sich das Ziel, anhand von Dokumenten, Bildern und Zeitzeugnissen die Geschichte des Hauses lebendig zu machen. Neu entdeckte Archivmaterialien konnten belegen, dass die Entwürfe für das Haus von dem am 28. Dezember 1890 geborenen Architekten Franz Alcer stammten. Er wohnte damals in der Boxhagener Straße 18 und war mit der Familie des Bauherrn Skupin gut bekannt.

Alte Familienfotos vermitteln einen Eindruck von der reichhaltigen Ausstattung der Villa als Wohnhaus der Familie. Der Bauherr Paul Skupin wurde am 21. September 1888 geboren und war ab 8. Oktober 1914 als Fleischer tätig. In seiner eigenen „Fleisch- und Konservenfabrik“ in Berlin-Lichtenberg, Tasdorfer Straße 9, waren im Jahr 1941 insgesamt 24 gewerbliche und 7 kaufmännische Personen beschäftigt. Nach dem Krieg wagte Paul Skupin einen Neuanfang als „Großküche für Schulspeisung und Schweinemästerei“. Mit Kaufvertrag vom 22. Oktober 1958 gelangte die Fabrik schließlich samt dazugehörigem Grundstück in Besitz des VEB Fleisch- und Fettverarbeitung Berlin-Weißensee. Die Villa wurde zeitweise zum Büro der VVB (Vereinigung Volkseigener Betriebe) Fleisch- und Fettverarbeitung, von 1963 bis 1972 beherbergte sie sogar drei Betriebswohnungen für Mitarbeiter des VEB Fleischkombinat Berlin. Wer in welcher Etage wohnen durfte, wurde ausgelost.

Um Baufreiheit zu schaffen für das Wohngebiet Frankfurter Allee Süd, wurden Anfang der 1970er Jahre die meisten alten Gebäude, wie auch die Fabrik, abgerissen. Als Kleinod blieb die Villa stehen. Sie steht seit 1998 unter Denkmalsschutz und beherbergt seit 1976 das Studio Bildende Kunst.

Am 6. Juni 2011 um 15.30 Uhr sind Sie eingeladen zur nächsten Veranstaltung im Rahmen unserer neuen Reihe „Als Lichtenberg noch jwd war“.

Heute ein dicht besiedelter Großstadtbezirk, hatte Lichtenberg vor 200 Jahren nicht viel mehr als 300 Einwohner. Ende des 18. Jahrhunderts erwarben hier einige hohe preußische Beamte Landsitze. Der Gouverneur von Berlin, General von Möllendorff, ließ sich ein Schlösschen mit großem Park und „einigen Treib-, Sonnen- und Lusthäusern und einem Orangeriegebäude, in dem sich viele seltene ausländische Pflanzen, darunter vier hochstämmige Pomeranzenbäume befanden“, errichten.

Die Berliner entdeckten Lichtenberg um 1800. Am Sonntag zogen sie, die Handwerksmeister und kleinen Beamten per Kremser, die einfachen Leute meist zu Fuß, durch Kornfelder über die Frankfurter oder Landsberger Chaussee nach dem kleinen Dorf, wo die Bauern plattdeutsch sprachen und man „eine halbe Meile von Berlin sich schon mitten in die Altmark, die Prignitz versetzt glaubte“, wie der Schriftsteller Karl Gutzkow in seinen Jugenderinnerungen schrieb. Dort wurde im Garten eines Bauernhauses das mitgebrachte Picknick verzehrt. Einmal im Jahr, wenn die Berliner Tuchmacherinnung ihr „Mottenfest“ feierte, verwandelte sich der Lichtenberger Dorfanger, der heutige Loeperplatz, in eine Festwiese. Bierzelte und Schaubuden säumten den Platz, bis in die Nacht gab es Musik und Tanz im Freien, und der Volkssänger „Vater Heinsius mit der Zauberflöte“ amüsierte das Publikum mit satirischen Couplets. Adolf Glassbrenner, der Altberliner Humorist des Vormärz, hat das Fest beschrieben, und auch seine Geschichte von der „Kümmelspekulation“ der beiden Eckensteher spielt hier. Etwa 80 Jahre lang gehörte das Mottenfest, ähnlich wie der Stralauer Fischzug, zu den großen Berliner Volksfesten.

Landsitze in Lichtenberg galten um 1850 nicht mehr als vornehm – ein feiner Mann wohnte jetzt in Tiergarten. Teils wurden sie zu echten Landwirtschaftsbetrieben, teils umgewandelt in Gartenlokale. Denn nun konnten die Berliner Lichtenberg mit dem Pferdeomnibus erreichen und die zahlreichen Ausflugsgaststätten besuchen, wo es auch Konzerte und sogar Theatervorstellungen gab.

Um 1871 hatte Lichtenberg etwa 3000 Einwohner. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts wurden es zehnmal so viel, und Lichtenberg wurde zur Stadt. Auf den früheren Feldern entstanden Fabriken und Mietskasernen; das baufällige Möllendorff-Schlösschen wurde abgerissen, der Schlosspark wurde zum Stadtpark. Einige der traditionellen Lokale überlebten noch jahrzehntelang, aber die Gäste kamen jetzt aus der unmittelbaren Umgebung.

Mit Hilfe von zeitgenössischen Zeugnissen und Bildern laden wir zu einer unterhaltsamen kleinen Entdeckungsreise in dieses wenig bekannte Stück Geschichte des Stadtbezirks ein.

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