Kulturnews

Kulissenwechsel: Von der Showbühne ins Klassenzimmer

Kennengelernt haben wir uns Anfang 2016. Die Schauspielerin und Sängerin Doris Löschin absolvierte gerade ihren Bundesfreiwilligendienst im Berliner deutsch-russischen Tschechow-Theater, einer Einrichtung vom Kulturring in Berlin e.V.. Die Zeit als Bundesfreiwillige wollte sie bewusst nutzen, um sich beruflich neu zu orientieren: Ein eigenes Bühnenprogramm, Singnachmittage und -abende zu ausgewählten Themen, Kinderworkshops zu Rhythmus, Singen und Bewegung und vieles mehr gehörte während dieser Zeit zu ihren Aufgaben. Ihr Wunsch nach einer beruflichen Veränderung war damals der Grund unseres Zusammentreffens. Sie hatte bei mir Interesse an einem Jobcoaching kundgetan, und in diesem Rahmen sollte sich in der kommenden Zeit ein nachhaltiger Kulissenwechsel für sie abspielen.

Für dieses Porträt wollten wir uns trotz unserer vorheriger Treffen nochmal zusätzlich Zeit nehmen und haben uns in einem Café zu einem gemütlichen Plausch verabredet. Vorhang auf:Aufgewachsen ist unsere Protagonistin unter Zillebedingungen in Berlin-Schöneberg: Zu viert lebt sie mit Vater, Mutter und Bruder in einer Ein-Zimmer-Wohnung mit Außenklo. Sie beschreibt ihr Elternhaus als „bildungsfern“ und weist ein bisschen wehmütig darauf hin, dass sie aus einer Arbeiterfamilie kommt. Die Mutter war Hausfrau, die mit einer schönen Singstimme ausgestattet war und „gerne vor sich hin trällerte“. Der Vater war Maurer. Für das kleine Mädchen ist sehr früh klar, dass ihr Leben „ein Gegenkonzept zum Leben ihrer Mutter werden soll: Bloß keine Hausfrau werden!“. „Große Träume nach Selbstverwirklichung, es zu dürfen“, haben ihr Leben geprägt.

Die Gesangsstimme und das darstellerische Talent unserer Protagonistin fallen schon früh positiv auf. Das kleine Mädchen tritt immer wieder in der Schule und im familiären Rahmen auf und präsentiert Lieder. Aber nicht nur das: Auch Gedichte lernt die fleißige Schülerin gerne auswendig, um sie dann gekonnt vor der Klasse zu präsentieren. Mit 11 Jahren nimmt sie an einem berlinweiten Lesewettbewerb im ehemaligen Stern‘schen Konservatorium in der Spichernstraße teil und gewinnt mit Das doppelte Lottchen für den Bezirk Schöneberg. Der renommierte Fritz Genschow, damals auch als Onkel Tobias beim amerikanischen RIAS bekannt, entdeckt dort das junge Talent für sein Kindertheater. Er besetzt sie als Annika in Pippi Langstrumpf. Diese Rolle spielt sie an den Bühnen der Akademie der Künste und des Titaniapalastes. Die junge Karriere beginnt und setzt sich in der beliebten Sonntag-Kindersendung des RIAS Onkel Tobias fort. Dort ist sie dann regelmäßig sonntags als „Singekind“ mit vielen solistischen Einsätzen zu hören. Aus dem einstigen Traum ist schon früh Wirklichkeit geworden.

Die junge Frau traut sich auch nach ihrem Abitur lange nicht, ihre Leidenschaft zum Beruf zu machen: „Es fehlen die Förderer und der Zugang zum Sängermilieu.“ Sie beginnt, Germanistik, Biologie und Theaterwissenschaften zu studieren. Nur in ihrer Freizeit zieht es sie in die verrauchten Berliner Kneipen, um ihre Stimme zum Besten zu geben. Der Zigarettenrauch lässt mit seinen Auswirkungen jedoch leider nicht auf sich warten und führt zu Stimmbandproblemen, die erst langsam wieder in den Griff zu bekommen sind. Nichtdestotrotz ist ihr Talent nicht zu verbergen, und es werden der jungen Frau Schlagerproduktionen angeboten. Diese lehnt sie aber dankend ab, denn sich als der linken Szene zugehörig fühlende Frau will sie sich nicht auf diese „Kommerzkacke“ einlassen. Ihrer Leidenschaft will sie dann aber doch noch einen offiziellen Status verleihen und entscheidet sich, das Sängerdiplom an der heutigen Universität der Künste zu absolvieren. Ihre Stimme professionell auszubilden, ist ihr insbesondere deshalb wichtig, weil sie damit die eigenen Ausdrucksmöglichkeiten erweitern kann. Dies führt dazu, dass sie daraufhin beruflich diverse Berliner Bühnen im Bereich Musical und Operette erfolgreich und mit Leidenschaft bespielen darf.

Die Aufträge reihen sich nun aneinander, und nichts scheint dieses gefundene Glück zerstören zu können. Bis zu ihrem 45. Lebensjahr. Das weiß sie noch ganz genau. Da fangen die Aufträge an, weniger zu werden und die gewohnte Kontinuität lässt peu à peu nach und fehlt irgendwann gänzlich. Das ist natürlich eine bittere Erfahrung, insbesondere als unserer Protagonistin irgendwann ins Gesicht gesagt wird, dass sie für eine bestimmte Rolle zu alt sei. Die mangelnde Kontinuität der Aufträge ist frustrierend. Trotzdem lässt sie sich nicht entmutigen und bleibt am Ball: Sie entwickelt Soloprogramme und Konzerte, kann davon aber nur noch von der Hand in den Mund leben.
Einige Jahre später wird sie in einem ernüchternden Gespräch mit ihrem Musical-Vermittler ermutigt, sich neu zu orientieren. Dies ist sehr kränkend, dennoch entscheidet sie, sich seinen Rat zu Herzen zu nehmen. Texte, Sprache, Musik, Psychologie, das sind die Themen, mit denen sich unsere Protagonistin schon immer gerne auseinandergesetzt hat. Was sie bewegt und wo ihre Interessen liegen, wird während unserer Coaching-Gespräche recht schnell klar. Aber wo sollte die Reise denn nun hingehen? Ein Soufflage-Auftrag führt sie Ende 2016 erst einmal an das Theater Gera. Und dann? Irgendwann im Laufe unserer weiteren Gespräche entsteht langsam die Idee, Deutschlehrerin zu werden. Der Gedanke, Deutsch als Fremdsprache zu unterrichten, wird immer konkreter, und das neue Ziel steht dann fest. Gesagt - getan: Im Sommer 2017 absolviert sie eine Intensivausbildung im GLS Sprachenzentrum, um das neu gesteckte Ziel zu erreichen.

Sich von der Bühne zu verabschieden, wenn auch nicht endgültig, ist nicht einfach gewesen, und eigentlich wäre Doris Löschin „eine umgekehrte Entwicklung lieber“. Jedoch ist sie überrascht, wie identitätsstiftend ihr neues Arbeitsfeld ist. Sie dachte, dass sie „am Sängerin-Dasein kleben würde“. Ihre „kleinen Bühnenfluchten“ gönnt sie sich heute nicht mehr nur bei gelegentlichen Auftritten, sondern hin und wieder auch im Klassenzimmer „zur Feier des Tages“. Wenn es thematisch passt, können ihre Schüler sie singen hören und sind ganz erstaunt und fasziniert, wozu ihre Deutschlehrerin fähig ist. Es ist auch schon mal vorgekommen, dass eine Kollegin an der Tür klopft, um zu fragen, ob es nicht auch etwas leiser ginge. Ihre Antwort war „Nein!“ und kam spontan aus dem Bauch. Aber da war das Lied O mio babbino caro von Puccini auch schon zu Ende, und unsere Protagonistin hatte alle mit ihrem feurigen Temperament in den Bann gezogen.

Eine neue Bühne hat Doris Löschin nun im Klassenzimmer gefunden: Ein Kulissenwechsel inklusive interaktivem Publikum. Der Vorhang fällt noch lange nicht...

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