Kulturnews

Das empfehlenswerte historische Buch zum 400. Gedenkjahr:

Herfried Münkler „Der Dreißigjährige Krieg, Europäische Katastrophe, Deutsches Trauma 1618-1648“

Gerade einmal zwanzig Jahre ist es her (1998), da wurde nach 350 Jahren in Deutschland an den Abschluss des Westfälischen Friedens 1648 mit einem auch medial stark unterstützten Gedenkjahr erinnert. Das Ende dieses für die europäische und deutsche Geschichte so wichtigen historischen Schlüsselereignisses spiegelte sich auch in den zahlreichen Buchveröffentlichungen wider, die damals die Regale der noch zahlreichen Buchläden in unserem Lande füllten. Dagegen fällt das Angebot von Neuveröffentlichungen zum deutschen Trauma in diesem Gedenkjahr eher bescheiden und überschaubar aus. Umso bemerkenswerter fällt eine Neuveröffentlichung des bekannten Berliner Politikwissenschaftlers Herfried Münkler aus dem Rahmen, und dies nicht nur wegen seines voluminösen Umfanges von 974 Seiten. Der Autor beantwortet die Frage zur Berechtigung, sich mit diesem so breit erforschten Thema erneut zu beschäftigen, auch aus der Perspektive des Politikwissenschaftlers und Konfliktforschers, der aus Berufung schon verpflichtet ist, in zeitgeschichtlichen Kategorien zu denken.

In sieben abgeschlossenen Kapiteln versteht es der Autor meisterhaft, die historische Erzählung mit der politischen Analyse zu verbinden und Brücken von geschichtlichen Ereignissen des Dreißigjährigen Krieges bis zu gegenwärtigen politischen Konflikten zu bauen.
In seiner Einleitung beweist der Autor, dass dieses Schlüsselereignis der deutschen Geschichte vom Anfang der Neuzeit bis zu den Brüchen im letzten Jahrhundert ein fester Bestandteil der kollektiven Erinnerungskultur in Deutschland gewesen ist. Die Langzeitwirkungen von Zerstörung, Elend und der „endgültigen“ Konstituierung von Kleinstaaterei sowie der bis heute nachwirkenden konfessionellen Spaltung waren einer der Hauptgründe für die spätere Umschreibung eines deutschen Sonderweges und der Metapher von der „verspäteten Nation“ im Herzen Europas.

H. Münkler zeigt an seiner Darstellung der Ereignisse jenes Krieges die ganze Bannbreite der komplexen Ursachen auf, die verhinderten, dass der Krieg nicht schon früher mit einem machtpolitischen Kompromiss der an ihm beteiligten Krieg führenden Mächte beendet werden konnte und damit zu einem generationsübergreifenden deutschen Trauma wurde. Darüber hinaus gelingt es ihm, bei der historischen Erzählung hier beispielhaft immer wieder aufzuzeigen, dass Anlass und Ursache eines Konfliktes meist zwei verschiedene Dinge sind und Kriegsursachen meist komplexe Vorgänge und Zusammenhänge zur Grundlage haben. Auch mit dem Missbrauch von Religion für machtpolitische Zwecke, die vor dem Hintergrund weltweiter Konflikte um den einzig wahren Glauben so aktuell erscheint wie schon vor 400 Jahren, gibt uns der Autor einen wichtigen Fingerzeig für die Lehren der Geschichte, aus denen die politischen Entscheidungsträger bis zum heutigen Tage meist so wenig lernen wollen.

Münkler dekonstruiert das Narrativ von der deutschen Libertät und dem föderativen Prinzip als der einzig „wahren“ politischen Verfassung für die Deutschen, wie er noch im Gedenkjahr 1998 geschichtspolitisch in Deutschland instrumentalisiert wurde, und zeigt, dass der Kompromiss des Westfälischen Friedens (1648) eher eine zweckgebundene Notlösung vor dem Hintergrund des sich „totlaufenden Krieges“ gewesen ist und eben keine visionäre Tat der an ihm beteiligten europäischen Großmächte. Wie schon nach dem Versailler Frieden (1919), dessen wir im kommenden Jahr zum 100. Male gedenken, tauchten auch nach den Westfälischen Friedensschlüssen 1648 schon die Schatten neuer weltpolitischer Großmächte auf, die in folgenden Jahrhunderten das Schicksal des alten Kontinents und der Neuen Welt maßgeblich bestimmen sollten.

Neben der analytischen Beschreibung der Kriegsereignisse, die Münkler auch als Motivanalyse der Krieg führenden Parteien versteht, gelingt es dem Autor auch, die kulturellen Wirkungen dieses Krieges als innovativen Prozess für die bildende Kunst in Deutschland und Europa sowie in der deutschen Literatur im 6. Kapitel seines Werkes exemplarisch darzustellen.„Die große Klage, Unglücksbewältigung in bildender Kunst und Literatur“ nennt der Autor die Beschreibung des Ereignisses in unserem kulturellen Gedächtnis, wohl auch verstanden aus einer Zeit, die wie heute auch von der Macht der (medialen) Bilder geprägt wurde.
Dass Bild und Wort (Flugblatt) im ersten Propagandakrieg der Neuzeit nichts von ihrer aktuellen Wirkung im Zeitalter von „Lügenpresse“ und „Fake News“ eingebüßt haben und wir es mit alten, sich stets wiederholenden Mustern zu tun haben, dafür gebührt dem Autor ein besonderer Dank derjenigen, die die Dinge stets hinterfragen und bei Diskursen zur Zeitgeschichte nicht in Schwarz-Weiß-Kategorien argumentieren wollen.

Münklers Arbeit ist also nicht nur eine Arbeit für historisch Interessierte, sondern wirklich ein großer Wurf für einen interdisziplinär ausgerichteten Leserkreis von Pädagogen, Soziologen, Politologen, Kulturwissenschaftlern sowie anderen Interessierten. Das wirklich spannend und flüssig geschriebene Buch wird ergänzt durch die Beschreibung des „vergessenen Krieges“ in der europäischen bildenden Kunst über die Jahrhunderte bis 1914 hinweg sowie zahlreichen Karten zum Kriegsverlauf. Für alle Interessierten werden die Textpassagen mit Quellnachweisen ergänzt, und ein umfangreiches Literaturverzeichnis zum Thema lädt alle Leser zur Vertiefung des Stoffes ein.
Auch für den Kulturring in Berlin e.V. soll das 400. Gedenkjahr Anlass sein, die Wirkungen dieses Ereignisses auf unser kulturelles Gedächtnis bis zum heutigen Tage bei einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung im Oktober 2018 im Studio Bildende Kunst näher zu beleuchten. Alle an den kulturellen Wirkungen des deutschen Traumas Interessierte sind dazu herzlich eingeladen.

Buchvorstellung zum 400. Gedenkjahr den Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges 1618–2018.

Das Buch ist erschienen im Rowohlt Verlag Berlin / November 2017, gebunden, 974 Seiten 39,95 €.

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