Das ausgebremste Otto-Nagel-Jahr

Schülerinnen des ONG mit Harald Metzkes, Foto: ONG

Mit viel Begeisterung und Dynamik startete unser Verein „Freunde Schloss Biesdorf“ am Beginn des Jahres 2019 das Projekt „Otto Nagel 125“. Anlass dafür waren der 125. Geburtstag des großen Berliner Malers am 27. September 2019 und die Berliner Ehrenbürgerschaft seit 1970. Sein künstlerisches Erbe, sein kulturpolitisches Wirken und sein publizistisches Vermächtnis harren noch immer auf eine Wertschätzung, die sein Werk verdient. Das gilt besonders für die Hauptstadt Berlin, seine „Vaterstadt“, der er viele Gemälde und Pastelle mit dokumentarischem Charakter und bleibendem künstlerischen Wert hinterließ.
Für uns war es eine Pflicht, aus bürgerschaftlicher Sicht Verantwortung zu übernehmen und die Dinge für Nagel, der die letzten 15 Jahre seines Lebens in Biesdorf verbrachte, voran zu treiben. Innerhalb weniger Wochen hatten wir Zuspruch aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen und diversen Orten erlangt. Der daraufhin gebildete „Initiativkreis Otto Nagel 125“ entwickelte ein vielfältiges Programm, das den Jubilar in einer Einheit als Künstler, Organisator und Politiker zeigt. Hilfe für dieses Vorhaben erhielten wir sowohl vom Kultursenator Klaus Lederer als auch von der bezirklichen Kulturverwaltung. Mit letzterer vereinbarten wir ein langes Otto-Nagel-Jahr, das bis September 2020 reichen sollte.

Der Geburtstag am 27. September 2019 begann mit einer großartigen Performance in der Aula des Otto-Nagel-Gymnasiums. Die Schülerinnen und Schüler hatten ein exzellentes Programm einstudiert, das per Livestream in alle Klassenräume übertragen wurde. Besonders berührend waren die Auftritte von drei Schülerinnen der Abiturstufe, die Auszüge aus Walli Nagels Buch „Das darfst du nicht!“ vortrugen. Meisterschüler Harald Metzkes war erschienen, um an seinen Professor zu erinnern und zugleich einen selbstgestifteten Preis an eine Schülerin zu überreichen. Zur gleichen Zeit ehrten die Vizepräsidentin des Berliner Abgeordnetenhauses Dr. Manuela Schmidt (Die Linke) gemeinsam mit Bezirksstadträtin Juliane Witt (Die Linke), Salka Schallenberg, der Enkelin Nagels, Schülerinnen des Otto-Nagel-Gymnasium und unserem Verein den Künstler an seinem Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof in Friedrichsfelde. Nachmittags schloss sich die Enthüllung der zusätzlichen Informationstafeln an Schildern der Otto-Nagel-Straße, wenige Schritte entfernt von seinem damaligen Biesdorfer Wohnhaus, an. Die abendliche „Begegnung mit Otto Nagel“ im vollbesetzten Heino-Schmieden-Saal des Schlosses Biesdorf gestaltete sich im wahrsten Sinne zu einer offenen, sehr persönlichen Annäherung an den Künstler. Der Saal war ausgestattet mit dem Nagel-Porträt von Bert Heller, das das Abgeordnetenhaus von Berlin aus seiner Ehrenbürgergalerie zur Verfügung gestellt hatte. Salka Schallenberg schilderte ihren Zugang zu Leben und Werk ihres Großvaters und wies auch auf noch zu klärende kritische Umstände im Umgang mit dem Erbe Otto Nagels nach seinem Tod hin. Jürgen Weber erlebte Otto und Walli Nagel als Junge in ihrer häuslichen Umgebung und erzählte erlebte Begebenheiten. Die Kulturwissenschaftler Ralf Forster und Dr. Jens Thiel formulierten eine  Reihe von zu untersuchenden Fragen und Themen der kulturpolitischen und publizistischen Arbeit Nagels, sowohl in der Weimarer Republik, jedoch besonders auch für die Zeit nach 1945 und in der DDR, zumal gerade dafür eine sehr gute Aktenlage in den Archiven bestünde. In abschließenden Bemerkungen hob der Autor dieser Zeilen, der zugleich Vorstandsmitglied im Verein „Freunde Schloss Biesdorf“ ist, hervor, dass eine prononcierte Neubewertung des Werkes und des kulturpolitischen Wirkens Otto Nagels möglich sei, und erinnerte: „In unserem Bezirk lebten und leben Menschen mit einem bedeutenden Werk: neben Otto Nagel und Kurt Schwaen – Jurek Becker, ­Willy Moese, Karl Möpert, Karl Hartwig, Renate Geißler, ­Dieter Mann, Gerhard Behrendt, Peter Gotthardt, Arndt Bause, Johanna Jura, Inge von Wangenheim, Ludwig Renn …“. Marzahn-Hellersdorf sollte diese Namen, um die uns viele Großstädte beneiden würden, als sein kulturelles Erbe erkennen, pflegen und nutzen.“

An diese gelungene Feier schlossen sich bald darauf eine ausgebuchte Busfahrt zu wichtigen Orten des Lebens Otto Nagels zwischen dem Wedding, der Fischerinsel – seiner „alten Stadt“ – und Biesdorf an, sachkundig geführt durch Wolfgang Brauer, Vorsitzender des Heimatvereins Marzahn-Hellersdorf. Dann im Januar, exakt neunzig Jahre nach der Uraufführung am Kurfürstendamm, organisierte der Weddinger Verleger Walter Frey im Weddinger City Kino die Aufführung einer restaurierten Fassung des Filmwerkes „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“, dessen Produktion Nagel wesentlich protegiert hatte. Auch hier war die Anteilnahme außerordentlich. Im Februar hielt dann Nicole Bröhan im Schloss Biesdorf einen Vortrag über Heinrich Zille und sein „Milljöh“. Zille war nichts weniger als der väterliche Freund Nagels. Auch der von Frau Dr. Schmidt ­versprochene Besuch von Schülern des Nagel-Gymnasiums im Berliner Abgeordnetenhaus fand noch statt. Weitere Veranstaltungen waren geplant. Das Herzstück sollte die Ausstellung mit Porträts des Jubilars vom Mai bis August dieses Jahres bilden. Dann erreichte uns die Corona-Krise. Jedoch schon kurz davor, im Februar, wurde der Vorstandsvorsitzende der „Freunde Schloss Biesdorf“ informell durch den zuständigen Kulturamtsleiter Marzahn-Hellersdorfs in Kenntnis gesetzt, „dass die geplante Ausstellung ‚Otto Nagel: Menschenbilder – Menschenbild‘ in diesem Jahr nicht im Schloss Biesdorf zu sehen sein wird“. Vorangegangen war dem eine „Sitzung mit den Kollegen von FM Bau“, die sich außer Stande gesehen hatten, den „komplexen klimatechnischen Vorgaben der verschiedenen institutionellen Leihgeber zu entsprechen“. Welche Leihgeber dies konkret wären, wurde nicht mitgeteilt.

Nun muss man wissen, dass seit Wiedereröffnung des Schlosses Biesdorf als Galerie im September 2016 noch keine Ausstellung aus klimatechnischen Vorgaben abgesagt werden musste. Exemplarisch sei an die Ausstellung „KLASSE DAMEN!“ aus dem Sommer 2019 erinnert, in der Werke von zwölf Künstlerinnen der klassischen Moderne aus der Zeit zwischen 1900 und 1930 präsentiert wurden. Kein Wort von klimatechnischen Bedenken. Und: eine Ausstellung mit fünfzehn Ölgemälden und sechs Pastellen gab es bekanntlich im Frühsommer 2012 im alten Schloss Biesdorf. Die Akademie der Künste hatte damals mit dem Stadtteilzentrum klimatische Rahmenbedingungen vereinbart, die penibel überwacht und eingehalten wurden. Um 20 °C Lufttemperatur und 50 % Luftfeuchtigkeit zu garantieren, lüftete man regelmäßig und schloss bei hoher Sonneneinstrahlung die Jalousien. Leider wurde auch nicht öffentlich informiert, dass die Otto-Nagel-Ausstellung ausfallen muss! Scheint wieder kein Platz in Berlin da zu sein für einen der großen Berliner Realisten des 20. Jahrhunderts? Beruhigend wirkt da nur die Information, dass die geplante Ausstellung mit Werken des Nagel-Schülers Ronald Paris nun vom Herbst auf den Sommer vorgezogen wurde. Die Kuratorin erkannte keine klimatechnischen Bedenken. Das lange Otto-Nagel-Jahr hingegen bleibt ausgebremst. Der Vorstand unseres Vereins hat nun dringend um ein baldiges Gespräch mit der Kulturstadträtin Juliane Witt und den zuständigen Mitarbeiterinnen gebeten, damit eine Lösung für die Klimatisierung gefunden wird und Nagels Menschenbilder bald im Schloss Biesdorf zu sehen sind.

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