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Blumen gießen gegen Corona

Foto: Ingrid Landmesser

Seit 2009 ist für unser Vereinsmitglied Ingrid Landmesser das St. Elisabeth-Stift in der Eberswalder Straße (Prenzlauer Berg) wie ein zweites Zuhause. Fast täglich ist sie dort und hat über die vielen Jahre mit ihrem „hausgemachten Kintopp“ den alten und kranken Menschen schon viele schöne und erlebnisreiche Stunden bereitet. Sie lässt sie aus ihrem Leben erzählen, filmt während der routinemäßigen Veranstaltungen, ist bei allen Höhepunkten im Haus mit der Kamera dabei und hat inzwischen eine umfangreiche Filmothek erarbeitet, die hoch emotional über das Leben in einer solchen Einrichtung Auskunft gibt. Aber nicht nur das: Sie organisiert Ausflüge in Kultureinrichtungen, war schon mit Gruppen in der Fotogalerie des Kulturrings in Friedrichshain und im Bode-Museum und scheut sich nicht, selbst zuzupacken, wenn mit den Rollstühlen Hindernisse zu überwinden sind. Sie weiß, dass manch ältere Heimbewohnerin sich an einem bunten Halstuch, einer schönen Halskette oder an einem auffälligen Ring erfreuen kann – also schmückt sie sich und kommt so mit ihnen ins Gespräch.

Rien ne va plus – nichts geht mehr in ­Corona-Zeiten. Wie alle Angehörigen der Stiftsbewohner durfte auch Ingrid Landmesser von einem zum anderen Tag nicht mehr ins Haus. Was also tun, um doch zu helfen? Das Hauspersonal ist täglich neuen Belastungen ausgesetzt. Die Hygienevorschriften in einer solchen Einrichtung einzuhalten, verlangt schon in normalen Zeiten Höchsteinsatz. Jetzt ist jede Türklinke nicht nur ein- sondern mehrmals täglich zu putzen, jedes Bett, alle Fußböden, Tische, Stühle und, und... Da bleibt für die Pflege des wunderschön angelegten großen Innenhofes im Gebäudekomplex nur äußerst wenig Zeit. Dabei ist er in allen Jahreszeiten der beliebteste Aufenthaltsort der zu Betreuenden. Wer es selbst mit dem Fahrstuhl nicht mehr schafft, dorthin zu gelangen, wird im Rollstuhl in den Garten gebracht und spazieren gefahren, um sich am Draußensein, an frischer Luft zu erfreuen. In normalen Zeiten können unter Anleitung Fitnessgeräte benutzt werden, wer möchte, kann sich am Freiluftschachspiel mit großen Spielfiguren beteiligen. Sogar Katzen, Kaninchen und Hühner gibt es auf dem Gelände, und „der Fuchs von nebenan“ (Gelände des Praters in der Kastanienallee) hat schon für manche Aufregung gesorgt, wenn er wieder einmal seinem Jagdtrieb gefolgt ist. Die im Garten angelegten Hochbeete sind für alle Betagten eine besondere Freude. Niemand muss sich nach den Pflanzen bücken, die Rollstühle können direkt herangefahren werden, um dieses und jenes Blümchen oder Kräutlein aus der Nähe zu betrachten. Diese Pflanzkästen brauchen allerdings besondere Aufmerksamkeit und sind regelmäßig zu wässern. Ingrid Landmesser sah in diesem Frühjahr manches darin dürsten, Aussaaten und Neuanpflanzungen vergehen. Hier musste Hand angelegt werden. Nach Absprache mit der Hausleitung und Beachtung aller pandemiebedingten Vorschriften – seit Ende März hat sie das Gießen dafür übernommen. Über große Abstände kann sie sich sogar mit Bewohnern unterhalten. Bis hinauf auf die Balkons kann sie von der Welt da draußen erzählen. Man winkt sich zu, freut sich aneinander und macht auf diese und jene gärtnerische Schönheit aufmerksam. Und wenn die Hausleitung wieder einmal den Soloauftritt eines Künstlers im Innenhof organisiert hat, alle Balkontüren und Fenster offen stehen, um zuhören zu können, legt sie die Gießkanne oder den Wasserschlauch beiseite, fotografiert oder filmt – selbstverständlich.

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