Weltumspannende Krisen – mit Herrn L. unterwegs

Ich habe mit ihm noch kein einziges Wort über die Ouvertüre und den ersten Akt der augenblicklich weltumspannenden Krise gewechselt. Das ist wirklich sehr entspannend. Es liegt vermutlich nur daran, dass Herr L. schon ein paar mehraktige, weltumspannende Krisen in sein Leben eingemeinden musste. Über die hat er schon gesprochen, sein Bedarf, Krisen zu erörtern, ist also vorerst gedeckt. Er hätte lieber, man würde Krisen sowohl materiell, wie auch rechtzeitig begegnen. Auch braucht er in seinem Alter keine praktischen Tipps mehr, wie man sich zweckmäßig verhält. Er wahrt zum Beispiel auch ohne Pandemie weiterhin den alten Berliner Höflichkeitsabstand von 1,5 Metern. Er kocht noch für sich selbst. Er isst wenig, wie ein Vöglein, was die Nachbarin für ihn einkauft.

Wir fangen immer in irgendeinem vorhergehenden Entreact der Weltgeschichte an, da weiß er die Namen von Leuten aus meiner frühesten Schulzeit, die ich schon längst vergessen habe, beschreibt mir pausbackige Gesichter, die inzwischen verwelkt sein werden. Wir lachen ganz viel auf dem Spaziergang durch den erblühenden Stadtpark. Neulich, in einem dieser Gespräche, die sich darum drehten, wie verkehrt oder richtig dieser oder jener oder man selbst doch mit der Einschätzung einer Sache in der Vergangenheit gelegen habe, kam so ein konstatierender, kurzer Lacher. Einer, an dem man sich auch leicht verschlucken kann, danach eine kleine Pause. Herr L. blieb stehen, drehte sich kurz zu einem gelb blühenden Strauch um und erzählte mir en passant von seinem Onkel, dessen Lunge nach dem Chlornebel im 1. Weltkrieg beim Ausatmen öfter eine Quinte pfiff. Sein Leben ließ der Onkel in der 1. Welle der spanischen Grippe.

Da war nun dieser eingestreute Bericht in zwei Sätzen, der mich plötzlich so dermaßen schockiert hat, obwohl ich mich noch gut an die Stalingrad-Erzählungen von meinem Onkel Seppel erinnere. Während ich noch daran kaute, kam der alte Mann schon wieder auf Apollinaire, den französischen Dichter und Schriftsteller italienisch-polnischer Abstammung, zu sprechen, den er sehr verehrt, der an „derselben Sache“ gestorben ist wie sein Onkel. Und dann zitierte Herr L. laut und ungeniert Apollinaire auf Französisch, in der Sprache des Erzfeindes, etwas aus dem „Bestiarium“. An der Saar, sagt L., gibt es wohl momentan wieder Bestrebungen, die alten Befindlichkeiten zu restaurieren. Da ich kein Französisch verstehe, übersetzte er für mich ins leisere Deutsch.

Da erinnere ich mich an Minik, ein anderes Opfer der spanischen Grippe. Ein Inuit-­Junge, der mit seinem Vater von dem US-amerikanischen Polarforscher Peary in Grönland gekidnapped und zu anthropologischen Forschungen als lebendes Exponat in den Keller des American Museum of Natural History verschleppt wurde. Minik starb in den USA 1918 als Jugendlicher, ebenfalls an der spanischen Grippe. Vorher durfte er allerdings noch erfahren, wie der soziale Aufstieg im Land der Tellerwäscher und Millionäre funktioniert. Trotz der gelobten Verfassung nämlich nicht anders als bei den europäischen Kolonialmächten. Das präparierte Skelett von Miniks in Amerika an Tuberkulose verstorbenem Vater stieg als nunmehr gewöhnliches Exponat vom Keller des Museums in das zweite Obergeschoss auf.

Mein Seel ihr Herrn, die Sache scheint mir ernsthaft. Man hat viel beißend abgefaßte Schriften, die, daß ein Gott sei, nicht gestehen wollen; jedoch den Teufel hat soviel ich weiß, kein Atheist noch bündig wegbewiesen.

(Dorfrichter Adam in Heinrich v. Kleist: „Der zerbrochene Krug“)

Ich schilderte Herrn L. Szenen aus einem Film über dieses Kolonialverbrechen, den ich 2005 oder 2006 gesehen hatte; er war mir stellenweise zu larmoyant. Der alte L. konstatierte schließlich, dass sich nichts geändert habe seit der Sintflut, und dass wir (die Menschheit) wohl von Zeit zu Zeit einen kräftigen Dämpfer bräuchten. Dass auf dem Mist solcher Meinungen nur weitere Ressentiments gedeihen können, ist hinlänglich bekannt.

Ich widersprach also heftig, bis wir in der Sophie-Charlotten-Straße vor L.’s Hauseingang standen; im Hinterkopf summte mir außerdem die Meldung des Vortags über die unbefristete Ermächtigung, die das ungarische Parlament der Regierung Orban in Folge des Seuchennotstands gewähren wollte. Ich finde wirklich, wir brauchen nicht schon wieder unbefristete Ermächtigungen, und nationale oder fatalistische Trunkenheit schon gar nicht. „Die Menschheit“ hätte Strafe verdient, gefährlicher Unsinn. Warum regt sich keiner darüber auf? Lasst uns alle leicht zu wiederholenden Fehler der Vergangenheit (wo wir jetzt doch Zeit zum Nachdenken haben) rational auflösen und dann unmissverständlich auf demokratische Änderung pochen!

Als ich wieder daheim ankomme, ruft mich ein junger Dirigent und Chorleiter aus Berlin an. Letztes Jahr haben wir in kleiner Besetzung mit ihm und dem Chor ein grandioses Konzert mit Werken von Fauré, Gounod, und Lully in der Grunewaldkirche gegeben. Das ist dort, wo Karajan und die Berliner Philharmoniker ein paar Platten aufgenommen haben. Immer noch phantastisch, die ­Akustik. S. schlägt ein neues Projekt noch in diesem Jahr im Oktober vor. Dieses Jahr? Ja, die Oper – Dido und Aeneas – von Henry Purcell, großartige Musik, großartige Herausforderung für unser Orchester Concerto Brandenburg. Wollen wir das wider alle Weisheit planen? Werden die Chöre bis dahin überhaupt wieder auftreten können? Man steht eng beieinander im Chor. Viele Ältere sind darunter. Bis Endes des Jahres wird es kaum einen Impfstoff geben. Gibt die verdammte Marktwirtschaft, wo Angebot und Nachfrage den Preis solange „regulieren“, bis der Krug bricht, vielleicht genügend funktionstüchtige, flächendeckende Tests her, um die Risiken einer Ansteckung in Klangkörpern auf ein akzeptables Niveau zu minimieren? Was wäre akzeptabel?

Wird schon, wir planen erst mal. Im Dezember gibt es hoffentlich ein Weihnachtsoratorium in der Auenkirche. Da ist auch ein großer Chor. Hoffentlich fallen unsere Silvester-Festkonzerte in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche nicht aus. Das wäre das erste Mal seit 20 Jahren. Wieviele Tickets können bei 1,5 bis 2 Meter Abstand nach allen Seiten im Publikum eigentlich verkauft werden? Kann das die Kosten überhaupt decken? Nicht mal bei den ersten exklusiven Privatkonzerten Mitte des 18. Jahrhunderts in Londons reichen Bürgersalons hatte man soviel Platz, sich hinzulümmeln. Eigentlich bleibt bis schätzungsweise Ende Juli alles völlig ungewiss. Aber spätestens jetzt müsste dafür geworben werden. Unser großes Orchesterkonzert mit Beethovens 6. Sinfonie im Juni 2020 in Mecklenburg – abgesagt. Unsere Johannespassion am Karfreitag in Lüneburgs Johanniskirche, abgesagt – alles abgesagt bis Oktober. Die Älteren unter uns wünschen sich das Sozialstaatsmodell lange vor den Arbeitsmarktreformen der Schröder-Regierung zurück. Doch: „Vorwärts immer, rückwärts nimmer!“

Für freie Musikerinnen und Musiker, die den Hauptteil ihres Einkommens in der Karwoche und zu Weihnachten erzielen, ist die augenblickliche Situation eine ausgesprochene Katastrophe. Die Soforthilfen, die für Soloselbstständige von den Bundesländern und dem Bund ausgeschüttet werden, sind ein Tropfen auf den heißen Stein. Für MusikerInnen passen die Voraussetzungen, die an weiteren Hilfen des Bundes hängen, überhaupt nicht. Dazu kommen technische Hürden bei der Beantragung, die für Ältere, nicht netzaffine KollegInnen schwer zu nehmen sind. Hier mal eine der Mails, wie sie dieser Tage das Orchesterbüro erreichen:

Wie lasse ich alle Cookies im Browser zu? Könnten wir heute Abend vielleicht noch per teamviewer kurz etwas machen? Aber wenn ich dann rankomme, muss ich innerhalb von 35 Minuten das Formular bearbeiten, was erst zu dem Zeitpunkt im Fenster erscheinen wird … dazu muss ich Cookies zulassen, sagt man mir.

Wer darf und kann, unterrichtet natürlich weiter Schüler mittels ruckelndem Videochat und um zwei Sekunden verzögerten Flötentönen. Gewiss: Eigentlich klappt das alles ganz gut für die kurze Anlaufzeit und den derzeitigen Stand des digitalen Netzausbaus in der Bundesrepublik. Unsere administrativen Videokonferenzen in den Gremien laufen, weil es so einfach ist, vorwiegend über den umstrittenen US-Cloud-Dienstleister Zoom. Die New York Times widmete dem Marktführer für Konferenzsoftware wegen der groben Fehler in der „Ende-zu-Ende-Verschlüsselung“ seiner Software schon ei­nen dicken Artikel. Aber wen interessieren in diesen Zeiten schon Datensicherheit und Privatsphäre im Internet? Sonst wollen wir aber nicht weiter klagen. Je weniger gelacht wird, desto mehr Zuversicht kommt eines Tages auf. Oder war es umgekehrt?

All the world's a stage,
And all the men and women merely players;
They have their exits and their entrances,
And one man in his time plays many parts,
His acts being seven ages. At first, the infant,
Mewling and puking in the nurse's arms.
Then the whining schoolboy, with his satchel
And shining morning face, creeping like snail
Unwillingly to school …

Die ganze Welt ist Bühne
Und alle Fraun und Männer bloße Spieler.
Sie treten auf und gehen wieder ab,
Sein Leben lang spielt einer manche Rollen
Durch sieben Akte hin. Zuerst das Kind,
Das in der Wärtrin Armen greint und sprudelt;
Der weinerliche Bube, der mit Bündel
Und glattem Morgenantlitz wie die Schnecke
Ungern zur Schule kriecht …

Monolog Jacques, aus William Shakespeare: „As You Like It“ – „Wie es euch gefällt”

Dieser Tage, wo die Sonne wieder scheint, begegne ich wiederholt dem 88jährigen ­Witwer L., Vater eines inzwischen auch 62jährigen Mitschülers aus meiner Grundschulzeit, zu dem ich keinen Kontakt mehr habe, weil er mit seiner Familie inzwischen im Weserbergland lebt. Uns verbindet manches, aber nicht das Etikett Risikogruppe.
Herr L. vertritt sich gerade um die Mittagszeit ebenso häufig die Beine wie ich, wenn ich vom Homeoffice aufstehe und mit dem kaputten Fuß zum Schlosspark oder Lietzensee schlurfe. Auf dem Weg dorthin ist jeweils auch noch ein großer Discounter. So begegnen wir uns. Wir unterhalten uns wie selbstverständlich über Dinge, die Jahrzehnte zurückliegen, als seien sie gerade passiert. Herr L. liest noch immer regelmäßig die Printausgabe der Westberliner Tageszeitung, von der man bis in die 70er des vergangenen Jahrhunderts noch „gutes Deutsch“ lernen konnte. Er hatte bis vor kurzem einen Festnetzanschluss. Als die Telekom ihm den analogen Anschluss abstellt und zu einem neuen Vertrag nötigt, beschließt er zu kündigen. Da hat er eben kein Telefon mehr. Das Abonnement der Zeitung teilt er sich mit der jungen Nachbarin (59) unter sich, inzwischen (ein bisschen mit meiner Hilfe) auch ihren Telefonanschluss. Sie hat den Quatsch mit der Umstellung ja mitgemacht. Einen Fernsehapparat besitzt er seit der Jahrtausendwende nicht mehr. Brauchte er bis jetzt auch nie, er hat vor zwei Jahren noch ein Dutzend Seniorensportabzeichen abgeräumt. Den relativ neuen Radioapparat, den der Sohn ihm angeschafft hat, schaltet er nicht an, weil ihm die Programme nicht gefallen und ihn der überflüssige Schnickschnack technischer Handhabung bei dem Gerät maßlos ärgert.

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