Kulturnews

100 Jahre Groß-Berlin - Mein Wohnen in dieser Stadt

Foto: Bundesarchiv Bild 183-1984-0926-303, ADN-ZB, Horst Sturm, CC BY 3.0

Zugegeben, 100 Jahre sind’s noch nicht, die ich in Berlin wohne, aber doch fast sechzig. Drei Häuser, in denen ich allein oder in Familie lebte, stehen allerdings weitaus länger als hundert Jahre an ihrem Platz und haben viel Berliner Geschichte erlebt.

Ende der 1950er Jahre zogen meine Eltern mit mir von Dresden nach Berlin – in einen Neubau. Wir wohnten modern. Zwar noch mit Ofenheizung, aber viel Licht und Sonne kamen in die zweieinhalb Zimmer. Ein Gasherd mit Backröhre in der Küche, ein Bad mit großer Wanne, ein kleiner Korridor und draußen ein großer, grüner Hof. Unser Wohnglück war perfekt – zunächst. Denn nach der Ausbildung zum Schriftsetzer und der Arbeit in einer Druckerei im Schichtsystem lernte ich die Tücke des Hauses kennen. Decken und Wände waren so sparsam gebaut, es war so hellhörig, dass, wenn ich morgens ausschlafen wollte, jeder Schritt über, unter und neben meinem Zimmer zu hören war. Über uns eine Familie mit zwei kleinen Kindern... Das martert auch eine knapp Zwanzigjährige. Auszug und Umzug in den Prenzlauer Berg, Schönhauser Allee – eine Stube, zweiter Hof, vier Treppen hoch, Toilette neben der Waschküche darüber, die Waschgelegenheit ebenfalls. Die Ruhe war perfekt.

Studium und Arbeitsaufnahme – der Betrieb verhalf zu einer Wohnungszuweisung. Das war wie ein Lottogewinn! Umzug in die Nähe der Bornholmer Straße: Hochparterre, Hinterhof, ein Zimmer und Küche, Toilette auf dem Hausflur. Ofenheizung – versteht sich. Der Verdienst reichte für die Miete, die Möbel wurden von hier und dort zusammengesucht, das Bett stand auf Ziegelsteinen. „Eigener Herd ist Goldes wert“, den Spruch verstand ich spätestens jetzt.

Wie das so ist im Leben, man will mit einem geliebten Menschen gemeinsam wohnen. Dieser lebte ebenfalls in einer Ein-Zimmer-Wohnung. Wieder Umzug. Zurück in die Schönhauser Allee – diesmal 3. Hof, drei Teppen, „Klo auf halber Treppe“ (Außentoilette). Die Wohnung unter uns stand leer, der Bewohner saß ein, wie man sagt. Nach seiner Entlassung unser Angebot, in meine ehemalige Wohnung zu ziehen, um mehr Platz für uns zu gewinnen – wenn auch übereinander. Hat funktioniert. In der zweiten Etage wurden das „Bad“ (besser: eine bequeme Waschgelegenheit) und das Schlafzimmer eingerichtet, darüber Küche und Wohnzimmer. (War oben das Weißbrot zu lange im Toaster, roch es unten und ich wusste, das Frühstück ist fertig.)

Die Mittelwohnungen im gleichen Haus hatten Innentoiletten. Beneidenswert! Als die Nachbarn in der dritten Etage dort auszogen, bekniete mein Mann die Wohnungsverwaltung, diese gegen die „Unten-Wohnung“ tauschen zu können und einen Mauerdurchbruch zu erlauben. Das klappte. Aber unmöglich, einen Maurer dafür zu finden. Also: Help yourself. Das Rausschlagen der Vier-Ziegel-Wand war „nur“ ein Kraftakt. Das Verputzen aber rund um den neuen Türrahmen … Wurde der Mörtel mit der Kelle aufgebracht, fiel er wieder ab. Schließlich wie „backe, backe Kuchen“ alles mit den Händen rangeklebt und glatt gestrichen. Die Wohnung wurde wunderbar groß, die Hände waren kaputt.

Das nächste Wohnabenteuer: Ein sogenannter Ringtausch, um das endgültige Zuhause zu finden – nahe der Prenzlauer Allee. Da gab es noch die Wohnung meiner Eltern in Karlshorst, die eigenhändig vergrößerte und unsere heutige. Die Wohnungsinhaber hier wollten nicht mehr mit der Tochter gemeinsam wohnen. Alles Amtliche musste mit „Wohnungskommissionen“ geregelt werden, Ehrenamtliche, die über den Tausch entschieden. Warum der Herr aus dieser Wohnung meinen Mann immer auf dem Flur stehen ließ, sich auf die linke Brustseite schlug und sagte: „Ich regle das!“, bevor er sich dem Gremium stellte, haben wir erst verstanden, nachdem alles geregelt war. Weder wären wir auf so eine Idee gekommen, noch hätten wir uns das leisten können. Hat aber funktioniert – auch in der DDR. Wir sollten heute noch dankbar sein für den (Geld)einsatz. Leben wir doch seit achtundvierzig Jahren
in dieser Wohnung.

Archiv