Der Traum vom Frieden | Pankower Frauen erinnerten sich

Berlin wurde nun immer öfter bombardiert. Es war schrecklich. Ein normaler Keller des Hauses, in welchem wir wohnten, wurde zum Luftschutzkeller umgebaut. Die Kellerdecke wurde stabilisiert, so gut es ging, Stützbalken eingezogen und die obligatorische Luftschutztür eingebaut. Der Luftschutzwart kontrollierte nun, ob bei den Luftangriffen alle Hausbewohner im Keller waren, die Verdunkelung eingehalten wurde und genug Löschmittel auf dem Boden bereit standen. Auch wurden die Trennwände im Keller zwischen den Häusern und die auf dem Hof abgetragen. Diese Maßnahmen sollten die Fluchtmöglichkeiten der Bewohner erhöhen.An der Stelle des „Kaufland“ in Pankow heute befand sich damals das Kino „Palasttheater“. Ich weiß noch, dass ich den Film „Frau meiner Träume“ mit Marika Rökk erst beim dritten Kinobesuch zu Ende sehen konnte. Die Bomber haben uns immer wieder in die Luftschutzkeller getrieben.

In dieser Zeit schrieb ich folgende Zeilen:

Ein Traum

Mir war heut Nacht
ein großes Glück beschieden.
Ich hab geträumt wir hatten Frieden,
und alle Leute rannten nun wie toll.
Beim Fleischer war der ganze Laden voll
auch in den Bäckereien
war ein Leben und Treiben.
Der ganze Markenkram war aufgehoben
man sah die Leute mit gefüllten Taschen
schon auf der Straße
fingen viele an zu naschen.
Und in der Kneipe erst, da war ein Leben,
was man sich wünschte hat es gegeben
man hatte Würstchen, Schnaps,
Zigaretten und viel Bier,
auch Wein und guten Kuchen,
Bohnenkaffee gab es hier.
Es wurde getrunken, gegessen,
geraucht und gezahlt.
Ein jeder war glücklich
und hat meistens gestrahlt.
Auch ich goss einige Bier herunter
auf einmal wurde ich ganz munter,
es zog mich einer stürmisch am Arm und sagte:
„Steh uff, et is Fliegeralarm!“

Bei uns im Haus wohnte auch ein fanatischer Nazi, der zwei Söhne hatte. Diese wollten beim Einmarsch der Russen heißes Öl oder heißes Wasser aus dem Fenster schütten. Zum Glück konnte das unterbunden werden. Man hätte uns alle erschossen.

Als die Russen dann über die Höfe zogen, versteckte ich mich im Keller hinter großen Säcken. Der Mann, der bei uns im Haus seine Fleischerei hatte, war ein guter Mensch. Bei ihm arbeitete eine junge dienstverpflich­tete Polin. Sie hieß Claudia. Wahrscheinlich war sie auch in dem Gefangenenlager in der Schönholzer Heide interniert. Das weiß ich nicht genau. Als die Russen vor unserem Haus standen, ging sie vor die Tür und sprach lange mit ihnen. Niemandem von uns ist etwas passiert. Ich denke schon, dass wir das dieser jungen Frau zu verdanken haben. In den ersten Tagen nach Kriegsende half dieser Fleischermeister uns allen im Haus zu überleben. Er trennte große Fleischstücke von den frisch getöteten Pferdeleibern auf der Straße und kochte viele Tage für alle Hausbewohner Möhreneintopf mit Pferdefleisch.

Nach Kriegsende wurden sofort die russischen Lebensmittelkarten eingeführt. Ich besitze noch einige aus dieser Zeit. Der Hunger lief immer mit. Eine meiner Tanten bereitete aus Kartoffelschalen und Zwiebeln Bouletten. Die Kartoffelschalen wurden durch den Wolf gedreht und die Zwiebeln kleingeschnitten daruntergegeben. Dazu kam noch etwas Mehl. Das wurde dann gebraten und schmeckte auch fast wie Bouletten. Aber es war ohne Fleisch.

Die vollständigen Erinnerungen beider Frauen können Sie unter www.kulturring.berlin/erinnerungen ­lesen.

Vera G. mit Vater und Mann wärend des Krieges, Fotos: privat

Es ist mittlerweile schon fast 10 Jahre her, dass sich der Kulturring in einem seiner zahlreichen Projekte mit Frauenbiografien aus Berlin-Pankow beschäftigte. In vielen Interviews befragten Mitarbeiter*innen ältere Mitbewohner über ihr Leben. Daraus entstanden Geschichten – zuerst als eine Broschüre konzipiert – dann aber doch auf unterschiedliche Weise veröffentlicht. Der 75. Jahrestag der Befreiung vom nationalsozialistischen Terrorregime und gleichzeitig der Beendigung des Krieges sind ein Anlass, zwei der damals interwiewten Pankowerinnen auszugsweise erneut zu Wort kommen zu lassen.

Vera G., geboren 1924 in Pankow, erzählte uns 2010 über die letzten Kriegstage:

Seit Beendigung des Zweiten Weltkrieges sind über sechzig Jahre vergangen. Denjenigen, die diese Zeit miterlebten, wird sie wohl immer im Gedächtnis bleiben. Jeder hat das Kriegsende anders erlebt, ob in Berlin, außerhalb Berlins oder sogar als Flüchtling aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien oder dem Sudetenland. Viele Berichte darüber hat man durch das Fernsehen erfahren, war erschüttert und möchte Krieg nie wieder erleben.

Als ich am Morgen des 21. April 1945 auf Umwegen in meiner Dienststelle, dem Reichsarbeitsministerium am Anhalter Bahnhof, eintraf, um meinen Dienst anzutreten, waren von Hunderten Kollegen nur ein paar erschienen, die beim Pförtner standen und debattierten. Berlin war schon von der Roten Armee eingeschlossen. Alle Bahnverbindungen nach und in Berlin waren inzwischen gesperrt und so machte ich mich zu Fuß vom Anhalter Bahnhof auf den Heimweg. Nach Stunden Fußmarsch kam ich in Niederschönhausen an und ging zuerst zur Feuerwache in die Blankenburger Straße, wo mein Vater seit 1939 beim Sicherheits- und Hilfsdienst eingezogen war. Als ich dort ankam, stand er mit seiner Hilfsdienst-Gruppe abmarschbereit. Sie wollten noch versuchen, aus Berlin herauszukommen, was ihnen auch gelang. Wie gern wäre ich mitgezogen. Wir nahmen Abschied, und ich versprach meinem Vater zur Feuerwache zu gehen und dort den Einmarsch der Russen abzuwarten. Ich war damals 20 Jahre alt und das einzige Kind meiner Eltern. Meine Mutter war am 20. Dezember 1944 in einer Nervenheilanstalt in Obrawalde/Polen verstorben. Wie wir 1946 erfuhren, war diese Anstalt einem KZ angeschlossen und alle Kranken wurden mit einer Todesspritze von den Nazis getötet.

Niederschönhausen hatte die weiße Fahne gehisst, wir hatten uns ergeben. Hinter einem Bretterverschlag lag ich mit meiner Freundin, die auch noch zu mir kam und dem 16-jährigen Mädchen von der Feuerwache versteckt auf alten Matratzen in unserem Luftschutzkeller. Davor saßen die alten Leute und die Mutter mit ihren 3 kleinen Kindern. Man fand uns nicht, als die Russen unseren Keller betraten und nach deutschen Soldaten suchten. Den Behinderten wollten sie erschießen. Sie hielten die Krücken für Gewehre. Dann sahen sie die weinenden Kinder und die verängstigte Mutter und die alten Leute. Der eine Russe ging weinend aus unserem Keller. Wir waren vorerst gerettet und blieben auch weiterhin verschont. Allmählich zogen wir 12 Personen vom Keller in unsere 2 1/2-Zimmerwohnung.

Am 2. Mai 1945 wurde ich frühmorgens durch eine Unruhe in unserem Garten geweckt. Hinter der Gardine am Fenster sah ich russische Soldaten durch unseren Garten eilen, Richtung Waldstraße. Dort begegneten sie deutschen Soldaten, die vom Gesundbrunnen kamen und glaubten, dass hier noch Kämpfe stattfanden und sich mit einer anderen Armee vereinen sollten. Es gab ein großes Blutbad in der Waldstraße, Ecke Altenberger Weg, das mit vielen Toten endete. Durch diese Umstände am 2. Mai 1945 wollten die Russen Niederschönhausen dem Erdboden gleich machen, weil man hier ein Widerstandsnest vermutete. Nur dem Einsatz unseres damaligen Dr. Kupke, der schon mit der russischen Kommandantur in Verbindung stand, war es zu verdanken, dass Niederschönhausen bestehen blieb.

Inzwischen ging das harte Nachkriegsleben weiter. Die totale Niederlage des National­sozialismus bedeutete für Deutschland einen Zusammenbruch, wie er in der Geschichte ohnegleichen ist. Jedes Wirtschaftsleben war erloschen, das absolute Chaos war da. Es gab kein Wasser aus der Leitung, kein Gas, kein Licht, keine Verkehrsmittel und keine geordnete Lebensmittelversorgung, alles blieb der Selbsthilfe des einzelnen überlassen.

Ruth K., geboren 1929 in Pankow, erinnert sich:

Das Schlimmste während des Krieges war, wenn ich bei den Fliegerangriffen auf Berlin allein in den Keller unseres Hauses musste. Wurden die Bomberwellen auf Berlin angekündigt, rief meine Mutter bei der Malerfirma auf unserem Hof an. Die hatten ein Telefon. Ich ging dann mit den Koffern in den Keller und hoffte und wartete, dass meine Eltern am Leben bleiben und gesund nach Hause kommen. Mein Vater arbeitete bei der BVG im Schichtdienst und meine Mutter bei der Post in der Dorotheenstraße in Mitte. Nach einem der vielen nächtlichen Bombenangriffe musste meine Mutter einmal von Mitte bis zu uns nach Pankow durch die zerbombte Stadt laufen. Sie kam völlig rußgeschwärzt und mit vertränten Augen an. Aber sie lebte.

Juli 2021 (10 Artikel)
Mai 2021 (12 Artikel)
März 2021 (13 Artikel)
Januar 2021 (10 Artikel)

November 2020 (10 Artikel)
September 2020 (11 Artikel)
Juli 2020 (8 Artikel)
Mai 2020 (12 Artikel)
März 2020 (10 Artikel)
Januar 2020 (8 Artikel)

Dezember 2019 (7 Artikel)
November 2019 (9 Artikel)
Oktober 2019 (11 Artikel)
September 2019 (12 Artikel)
Juli 2019 (7 Artikel)
Juni 2019 (7 Artikel)
Mai 2019 (8 Artikel)
April 2019 (10 Artikel)
März 2019 (9 Artikel)
Februar 2019 (7 Artikel)
Januar 2019 (9 Artikel)

Dezember 2018 (8 Artikel)
November 2018 (10 Artikel)
Oktober 2018 (8 Artikel)
September 2018 (8 Artikel)
Juli 2018 (12 Artikel)
Juni 2018 (7 Artikel)
Mai 2018 (11 Artikel)
April 2018 (9 Artikel)
März 2018 (7 Artikel)
Februar 2018 (9 Artikel)
Januar 2018 (10 Artikel)

Dezember 2017 (6 Artikel)
November 2017 (9 Artikel)
Oktober 2017 (6 Artikel)
September 2017 (10 Artikel)
Juli 2017 (11 Artikel)
Juni 2017 (7 Artikel)
Mai 2017 (8 Artikel)
April 2017 (7 Artikel)
März 2017 (7 Artikel)
Februar 2017 (7 Artikel)
Januar 2017 (8 Artikel)

Dezember 2016 (8 Artikel)
November 2016 (8 Artikel)
Oktober 2016 (9 Artikel)
September 2016 (9 Artikel)
Juli 2016 (10 Artikel)
Juni 2016 (7 Artikel)
Mai 2016 (9 Artikel)
April 2016 (8 Artikel)
März 2016 (8 Artikel)
Februar 2016 (9 Artikel)
Januar 2016 (10 Artikel)

Dezember 2015 (9 Artikel)
November 2015 (7 Artikel)
Oktober 2015 (6 Artikel)
September 2015 (6 Artikel)
Juli 2015 (8 Artikel)
Juni 2015 (7 Artikel)
Mai 2015 (8 Artikel)
April 2015 (8 Artikel)
März 2015 (7 Artikel)
Februar 2015 (6 Artikel)
Januar 2015 (7 Artikel)

Dezember 2014 (6 Artikel)
November 2014 (6 Artikel)
Oktober 2014 (8 Artikel)
September 2014 (6 Artikel)
Juli 2014 (7 Artikel)
Juni 2014 (8 Artikel)
Mai 2014 (9 Artikel)
April 2014 (6 Artikel)
März 2014 (7 Artikel)
Februar 2014 (8 Artikel)
Januar 2014 (9 Artikel)

Dezember 2013 (8 Artikel)
November 2013 (7 Artikel)
Oktober 2013 (5 Artikel)
September 2013 (6 Artikel)
Juli 2013 (8 Artikel)
Juni 2013 (10 Artikel)
Mai 2013 (7 Artikel)
April 2013 (8 Artikel)
März 2013 (8 Artikel)
Februar 2013 (6 Artikel)
Januar 2013 (7 Artikel)

Dezember 2012 (8 Artikel)
November 2012 (8 Artikel)
Oktober 2012 (6 Artikel)
September 2012 (7 Artikel)
Juli 2012 (10 Artikel)
Juni 2012 (7 Artikel)
Mai 2012 (8 Artikel)
April 2012 (9 Artikel)
März 2012 (7 Artikel)
Februar 2012 (9 Artikel)
Januar 2012 (9 Artikel)

Dezember 2011 (8 Artikel)
November 2011 (6 Artikel)
Oktober 2011 (8 Artikel)
September 2011 (6 Artikel)
Juli 2011 (8 Artikel)
Juni 2011 (9 Artikel)
Mai 2011 (8 Artikel)
April 2011 (7 Artikel)
März 2011 (7 Artikel)
Februar 2011 (8 Artikel)
Januar 2011 (8 Artikel)

Dezember 2010 (6 Artikel)
November 2010 (8 Artikel)
Oktober 2010 (8 Artikel)
September 2010 (9 Artikel)
August 2010 (6 Artikel)
Juli 2010 (6 Artikel)
Juni 2010 (7 Artikel)
Mai 2010 (6 Artikel)
April 2010 (7 Artikel)
März 2010 (6 Artikel)
Februar 2010 (8 Artikel)
Januar 2010 (8 Artikel)

Dezember 2009 (8 Artikel)
November 2009 (7 Artikel)
Oktober 2009 (7 Artikel)
September 2009 (6 Artikel)
August 2009 (7 Artikel)
Juli 2009 (8 Artikel)
Juni 2009 (8 Artikel)
Mai 2009 (9 Artikel)
April 2009 (7 Artikel)
März 2009 (7 Artikel)
Februar 2009 (7 Artikel)
Januar 2009 (10 Artikel)

Dezember 2008 (7 Artikel)
November 2008 (7 Artikel)
Oktober 2008 (9 Artikel)
August 2008 (8 Artikel)
Juli 2008 (7 Artikel)
Juni 2008 (7 Artikel)
Mai 2008 (8 Artikel)
April 2008 (7 Artikel)
März 2008 (7 Artikel)
Februar 2008 (6 Artikel)
Januar 2008 (7 Artikel)

Dezember 2007 (7 Artikel)
November 2007 (7 Artikel)
Oktober 2007 (6 Artikel)
September 2007 (6 Artikel)
August 2007 (6 Artikel)
Juli 2007 (5 Artikel)
Juni 2007 (6 Artikel)
Mai 2007 (5 Artikel)
April 2007 (5 Artikel)
März 2007 (6 Artikel)
Februar 2007 (6 Artikel)
Januar 2007 (5 Artikel)

Dezember 2006 (5 Artikel)
November 2006 (6 Artikel)
Oktober 2006 (5 Artikel)
September 2006 (4 Artikel)
Juli 2006 (7 Artikel)
Juni 2006 (7 Artikel)
Mai 2006 (4 Artikel)
April 2006 (7 Artikel)
März 2006 (6 Artikel)
Februar 2006 (5 Artikel)
Januar 2006 (7 Artikel)