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Berlins heterogenes Weichbild | Wie Berlin durch Eingemeindung von Stadt und Städtchen das wurde, was es heute ist

Foto: Uwe Lauterkorn

Berlin feiert 2020 ein Jahrhundertereignis. Acht Städte, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirke wurden am 1.10.1920 zu „Groß-Berlin“ vereint. Quasi über Nacht wuchs die Stadt von 66 auf 878 Quadratkilometer Fläche an. Das damals frisch gegründete „Groß-Berlin“ hat dem heutigen Berlin seine Gestalt gegeben. Die Gründe dafür und die Fragestellungen, wie mit der neuen Großstadt umzugehen ist, weisen gewisse Ähnlichkeiten mit der heutigen Situation auf. Ein Obdach im wörtlichen Sinn gehört mit zu den basalen Voraussetzungen für ein normales Leben. Damals wurde Berlin zum Großberlin, heute scheint der Touristenmagnet Berlin nicht groß genug zu sein. Der Tagesspiegel weist am 12.11.19 unter dem Titel „Berlin ist voll – jetzt ziehen alle ins Umland“ auf ein ähnliches Phänomen wie damals hin, nur eben umgekehrt. Wohnungssuchende zieht es ins Umland, fernab der Großstadt, doch mit schneller Anbindung zu ihr. Spannend bleibt die Bewältigung des Problems, den Menschen bezahlbare und ausreichend große Wohnungen anzubieten, damals wie heute.Im Vergleich zu anderen europäischen Städten blieb Berlin lange unbedeutend. Erst mit der beginnenden Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts wurde es zur Weltstadt. Der Prozess verlief nicht für alle schmerzfrei. Die industriellen Erfordernisse hatten in den Jahren vor dem Zusammenschluss die Stadt unkontrolliert wachsen lassen. Hatte Berlin um 1800 noch etwa 200.000 Einwohner, wuchs die Bevölkerung im Jahr 1910 auf zwei Millionen an, bei einem nahezu unveränderten Stadtgebiet. Auch die umliegenden Städte und Gemeinden erlebten einen rasanten Zuzug. Freie Flächen, die an Nachbargemeinden grenzten und die bisher überwiegend landwirtschaftlich genutzt wurden, benötigte man zunehmend für Infrastruktur, Wohn- und Industriezwecke. Das kommt einem irgendwie bekannt vor, wenngleich es nicht deckungsgleich mit heutigen Zuständen ist. Auch hier und jetzt müssen viele Naturflächen Federn lassen.

Witzigerweise hatte die Vielzahl der Orte, Städte und Gemeinden um Berlin herum skurrile Ausprägungen. Bahnhof Zoo, der Kurfürstendamm, das heutige Olympiastadion lagen vor dem 1.10.1920 außerhalb Berlins. Ohne das Groß-Berlin-Gesetz hätten „Emil und die Detektive“ den Schurken durch vier verschiedene Städte verfolgen müssen. Ein Umstand, der bei jedem Übergang von einem Ort zu dem anderen einen neuen Fahrschein erforderlich gemacht hätte. Jede Stadt hatte ihr eigenes Tarifsystem. Allein am Nollendorfplatz kamen drei Städte aufeinander: Schöneberg, Charlottenburg und Berlin. Denn, obwohl die Groß-Stadt de facto organisch längst zusammengewachsen war, gab es eine Vielzahl nebeneinander existierender Elektrizitäts-, Gas-, und Wasserwerke. Von den verschiedenen Gewicht- und Münzwerten ganz zu schweigen. Trotz des Kuriosums wehrte sich, neben den bürgerlichen Vororten, vor allem das Königreich Preußen gegen die Expansion. Das sah es als feindliche Landnahme an. So war der Zusammenbruch des Kaiserreichs letztlich mit ein Grund, die Realisierung Groß-Berlins politisch durchzusetzen und das „Gesetz über die Bildung einer neuen Stadtgemeinde Berlin“ in Kraft zu setzen.

Mit zwei Personen wurde diese Aufgabe verbunden, deren Bewegründe nicht unterschiedlicher hätten sein können. Auf den Stadtplaner James Hobrecht geht das noch heute sichtbare Stadtbild Berlins zurück. Unter ihm entstanden 1862 Wohngebiete mit höchstmöglicher Dichte und sehr guten Chancen auf Maximalprofite. Die andere entscheidende Person war Oberbürger­meister Adolf Wermuth. Er nahm den sozialen Druck wahr. Preußen war nach dem Krieg am Boden. Die Menschen hungerten und lebten unter miserablen Umständen. Ein großer Teil der Bevölkerung wohnte feucht, dunkel, kalt, und fensterlos.

Bisweilen gab es eine Toilette für zwanzig Haushalte. Die auf Bakterien basierenden Erkrankungen Tuberkulose, Thyphus und Cholera waren Alltag. Wermuth führte Lebensmittelmarken ein, die im ganzen Umland gültig waren. Das war ein Schachzug, der es ihm erlaubte, am 28. November 1918 die Zwangsvereinigung des Umlands zu beschließen und vorzubereiten. Am Ende seiner Amtszeit gelang ihm das, was er sich ehrgeizig als Ziel gesetzt hatte: Die Vereinigung konnte im November 1920 vollzogen werden. Wermuth wollte schnell Fakten schaffen und noch am 28. November 1918 Groß-Berlin durch die Zwangseingemeindung des Umlands beschließen – per Notverordnung. Flankiert wurde der Zusammenschluss durch Schlagzeilen, die nichts mit der der Stadtentwicklung zu tun hatten. Kapp-Putsch, Spanische Grippe und Versailler Vertrag lenkten das Interesse der Öffentlichkeit zu anderen Themen.

Man sieht der Stadt an, dass sie nicht von innen heraus als ein Ganzes gewachsen ist. Vielmehr legte sie sich über das ringsum Vorhandene. Die Großstadt ist eine Metropole, versehen mit vielen kleinen Zentren. Diese sind meist mit allem ausgestattet, was eine Stadt ausmacht: Rathäuser, Märkte, Grünflächen. In Gesamtberlin ist die Zahl der Mittelpunkte hingegen auf zwei geschrumpft. Ein Berlinbesucher hat die Wahl zwischen Bahnhof Zoo oder Alexanderplatz.

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