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Das Mädchen, das auf dem Dach tanzt | Eine Weihnachtsgeschichte

Kino Babylon 1929 (Bundesarchiv, Bild 183-1985-0816-500, CC-BY-SA 3.0)

Die Geschichte handelt von meinem ersten Weihnachten in Berlin, im Arbeiterwohnheim in der Wilhelm-Pieck-Straße, der heutigen Torstraße.

Von allen Einwohnern Thalias vermisste Billy das Kino am meisten. […] Jeden Abend nahm er seinen Besen und ging zum Kino hinüber, in der Hoffnung, es habe offen. Wenn das nicht der Fall war, setzte er sich vor dem Gericht auf die Bordsteinkante, sah zum Kino hinüber und hoffte, es werde vielleicht etwas später aufmachen[…]“ (aus „Die letzte Vorstellung“ von Larry McMurtry)

Es begab sich also vor langer, langer Zeit – Quatsch, es ist erst 35 Jahre her, dass jemand am 24. Dezember frohgemut morgens am Alex aus der U-Bahn stieg. Dieser Jemand war ich. Ich kam nicht gerade von einer durchfeierten Nacht, sondern von einer Nachtschicht im Backwarenkombinat Marzahn, Abteilung Zwieback. Meine gute Laune rührte daher, dass ich neun freie Tage vor mir hatte –  und außerdem im Arbeiterwohnheim in der Wilhelm-Pieck-Straße eine sturmfreie Bude. Sogar die Hausmeisterin war im Weihnachtsurlaub.

Nun wollte ich erstmal in der Kaufhalle unten im Centrum-Warenhaus einkaufen, die schon um 7 Uhr offen ist. Aber Schreck, großer Schreck, sie war zu. Es stellte sich heraus, dass die nächsten drei Tage in Ostberlin alles geschlossen hatte, und es gab noch keine Türken, die kein Weihnachten feiern und deshalb immer aufhaben. Auch die Imbisse und Restaurants waren zu. Das einzige Essbare, was ich hatte, war ein taufrisches, duftendes Bauernbrot, das ich in der Bäckerei vom Band genommen hatte, gerade als es aus dem Ofen kam. Da bekam nun das Weihnachtsgeschenk von einem Arbeitskollegen eine ganz andere Bedeutung. Er hatte mir nämlich ein paar Tage zuvor feierlich eine Schachtel Eierlikörpralinen überreicht. Er war ein Lichtblick unter den anderen, die mich alle nicht leiden konnten (auf gut Deutsch, ich wurde gründlich gehasst), und hatte wohl ein Auge auf mich geworfen. Weil ich diese Pralinen nicht mochte, lagen sie glücklicherweise noch immer im Schrank im Arbeiterwohnheim. Ich überlegte mir, dass sie zwar nicht schmeckten, aber dermaßen übersüßt waren, dass ich kalorienmäßig an Weihnachten so über die Runden kommen müsste. Außerdem war noch schwarzer Tee da, aber kein Zucker, und aufgetaute Sauerkirschen, die ich stolz (war in der DDR Mangelware) einen Tag zuvor erworben hatte.

Nach Hause zu fahren, wäre keine Option für mich gewesen, ich wollte endlich mal mein erstes Weihnachten in Berlin feiern. Früher im Studentenwohnheim in der Storkower Straße mussten wir zu meinem Leidwesen an Weihnachten immer raus. Im Arbeiterwohnheim in der Wilhelm-Pieck-Straße, wohin ich gezogen war, nachdem sich das mit meinem Studium erledigt hatte, interessierte das Niemanden. Außerdem freute ich mich, dass ich der unvermeidlichen falschen Sentimentalität glücklich entronnen war. Lieber mit knurrendem Magen allein in Berlin als zu Hause mit den „Die Thomaner singen Weihnachtslieder“ sowie Stolle und gestickten Deckchen. Im Arbeiterwohnheim angekommen, ließ ich mir erstmal ein heißes Bad mit viel Badusan ein. Ich brauchte ja nicht zu befürchten, dass es ärgerlich an der Badezimmertür klopfte. Ich hatte mir aber für den 24. Dezember abends auch schon ein besonderes Highlight überlegt.

Im Kino Babylon (Übrigens: Ins Kino bin ich früher immer gegangen, wenn ich „kein“ Geld hatte. Eine Vorstellung kostete immer so 1,20 bis 1,50 DDR-Mark.), nicht weit entfernt von meinem Arbeiterwohnheim (bloß über die Straße rüber), wurde abends Akrobat schö-ö-ön gegeben, ein alter Film aus den Vierzigern. Seit ich mit 12, 13 Jahren mal einen Ausschnitt aus diesem Film bei Willi Schwabes Rumpelkammer gesehen hatte, träumte ich davon, mal den vollständigen Film zu sehen. Und ausgerechnet am 24. Dezember um 20 Uhr wurde er im Kino Babylon am Rosenthaler Platz gezeigt. Für mich war das ein erfüllter Weihnachtswunsch. So saß ich an diesem 24. Gott sei Dank nicht unter dem Weihnachtsbaum oder vor einer hässlichen Pyramide, die ständig drohte, in Flammen aufzugehen, sondern im Kinosessel dieses Altberliner Kinos im Scheunenviertel, wo vor der Nazizeit die Ostjuden lebten und das wohl schon hundert Jahre alt war. Lustigerweise versuchte ich, mir am Imbissstand etwas zu essen zu kaufen, und es gab – nur Pralinen, nichts anderes. Was sollte es, ich nahm noch drei Beutel mit (wurden im Kino immer eingetütet verkauft) und betrat frohgemut und erwartungsfroh den Kinosaal. Er war gut gefüllt, aber die Stimmung, die mir entgegenschlug, war eigenartig. Die Leute wirkten alle deprimiert, der Kinobesuch am Weihnachtsabend war bestimmt nur eine Notlösung. Die Flucht vor der Weihnachtssentimentalität schien mir misslungen zu sein. Auch der Film war eine Enttäuschung. Es zeigte sich, dass Willi Schwabe, der alte Fuchs mit der silbernen Tolle, der selber früher Ufa-Schauspieler war, sich die beste Szene rausgepickt hatte. Es ist die Szene, wo das Mädchen auf dem Dach tanzt. Wenn Wolfgang Staudte in diesem Stil weitergemacht hätte, wäre das ein guter Film geworden. Es handelte sich um die ungarische Schauspielerin Clara Tabody (1915–1986), die einen wilden Freiluftstep hinlegte und ihre langen Haare flattern ließ. Als Teenie hatte ich mir gewünscht, mal genauso auszusehen. Na ja, lange Haare hatte ich ja schon. In dem Film geht es um arme Künstler in Berlin, die sich gegenseitig helfen. Man sieht auch sehr geniale Aufnahmen vom alten Berlin, vor der Bombardierung. Ich glaube, der Film ist von 1943. Das muss ja für die Schauspieler wie ein Tanz auf dem Vulkan gewesen sein. Ich denke da an Stalingrad und vor allem an das Schicksal ihrer jüdischen Kollegen. Wie kann man, die Eingangsszene mal ausgenommen, in diesen Zeiten so einen süßlichen Quatsch drehen? Es ist auch ein merkwürdiges Gefühl, wenn man sich überlegt, dass bei solchen alten Filmen schon alle Schauspieler tot sein müssen (was aber nicht gestimmt hat, denn zum Beispiel Karl Schönbock ist erst 2001 verstorben), und auf der Leinwand agieren sie noch jung und frisch vor sich hin.

Neben mir im Kinosessel saß ein gutaussehender junger Mann, Typ Etwas intellektuell angehaucht. Leider würdigte er mich keines Blicks, sondern sah traurig auf die Leinwand. Es ging mir ja nicht um das, was man denken könnte. Ich dachte bloß, vielleicht hat er ja noch ein Salamibrot zu Hause. Als Nachtisch hätte ich ja die Pralinen beisteuern können, und er könnte mir von seiner Ex erzählen. Schwarzer Tee ohne Zucker und aufgetaute Sauerkirschen wären im Arbeiterwohnheim auch noch da gewesen. Aber so was gibt es wohl bloß in Hollywoodfilmen und Kitsch­romanen, wie „Zauber einer Winternacht“ und wie sie alle heißen. Wenn es nach einem Hollywood-Drehbuch gegangen wäre, säßen wir jetzt 35 Jahre später schon mit einem Schock Enkelkinder unterm Tannenbaum. Dessen mal ungeachtet: Wenn jemand an diesem Weihnachten mal einen wunschlos glücklichen Menschen sehen wollte, hätte er bloß mal zu mir ins Arbeiterwohnheim von Bako in der Wilhelm-Pieck-Straße kommen müssen. Ich habe jetzt die DVD mal bei Amazon entdeckt. Seitdem schaue ich mir diesen Film jedes Weihnachten am 24. Dezember an. Aber ob ich dazu eine Erinnerungsbowle aus kaltem Tee und Sauerkirschen trinke, so wie damals an meinem ersten Berliner Weihnachten im Arbeiterwohnheim, wie die Juden, die ungesäuertes Brot essen, um sich an ihren Marsch durch die Wüste zu erinnern, behalte ich mir mal vor.

PS: Der Film „Akrobat schö-ö-ön“ wurde auf dem Gelände der Tobis Filmgesellschaft (später Defa), Am Flughafen 6 in Johannis­thal gedreht.

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