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Eine Lokalrunde und mehr | Mein Wohnen in Berlin

Foto: Daniel S.

Mein Leben in Berlin begann im Juli 1962 im Deutschen Militärverlag mit der Stelle eines Redakteurs in der Abteilung Werbung/Presse. Gern wäre ich noch bei unserer „eingespielten Truppe“ geblieben – der Redaktion „armeekurier“, einer zweiwöchentlich erscheinenden Zeitung für den Militärbezirk III der Nationalen Volksarmee (NVA) in Leipzig. Dort hatte ich als Zivilangestellter die Aufgabe eines Redakteurs für Kultur, Sport und Leserbriefe. In der Folge struktureller Veränderungen in der Armee musste die Zeitung zum 30. Juni 1962 ihr Erscheinen einstellen. Für mich ergab sich der Wechsel zum Verlag und zur Fortsetzung des begonnenen Fernstudiums beim Journalistenverband als Redakteur. Nach der Tätigkeit „unter Militärs“ kam ich nun im Verlag in eine Gruppe von Mitarbeitern, Kolleginnen und Kollegen, wie ich sie aus meiner Arbeit als Bibliothekar kannte. Es war die Zeit meiner Junggesellenjahre; ich feierte das erste Vierteljahrhundert meines Lebens in Berlin. Die erste Berliner Adresse von mir lautete Fennstraße 31 in Niederschöneweide – ein Wohnheim, in der Zuständigkeit der Stadtkommandantur. Aus den Jahren des Einlebens, des Gewöhnens an Berlin und Berliner behalte ich Erlebnisse, Erinnerungen und Erfahrungen bis heute im Gedächtnis. Zum Kennenlernen meiner neuen Wohngegend gehörten zuerst die Gaststätten. Da war die „Eisenbahn“, eine Kneipe schräg gegenüber vom Bahnhof Schöneweide und in der Nähe vom RAW (Reichsbahn-Ausbesserungswerk). So mancher Arbeiter trank dort ein Helles auf dem Heimweg. Beim Wirt Erwin Rackow konnte man auch den Feierabend verbringen. Erwin, beleibt, etwas über fünfzig Jahre alt, stets hemdsärmelig und in Pantoffeln, bediente sicher den Ausschank. Hinter ihm stand ein Kochtopf auf einem Elektrokocher; Bockwurst oder Knacker wurden nur bestellt warm gemacht. Der Wirt kannte seine Gäste. Uns Heimbewohner grüßte er stets mit: „Nehmen Sie Platz, meine Herren, wie immer Pils, kommt sofort...“ Für sein preiswertes „Einfach Helles“ für 35 Pfennig ließ er sich manchmal bei einem Gast das abgezählte Geld auf der Hand zeigen.

Ein Speiselokal, in früherer Lesart „gutbürgerlich“, war am unteren Ende der Fennstraße und nannte sich „Zur Post“. Sonntags ließ ich mir gern ein Mittagessen schmecken. Einmal standen plötzlich zwei junge Frauen am Mittagstisch, fragten, ob ich Kummer habe – mir liefen Tränen über das Gesicht... Mit Kopfschütteln zeigte ich auf das wie immer wohlschmeckende Rumpsteak – der scharfe Meerrettich war mir in Nase und Augen gefahren. „Zur Post“ bot auch Platz für einen „Dämmerschoppen“; es konnte ein Bier sein. Zwei junge Männer zogen mich in ihr Gespräch, bekannten sich als Schüler der naheliegenden Schauspielschule und wollten wissen, was ich so vom Theater halte. Von meinen Erlebnissen im Leipziger Schauspielhaus der 1950er Jahre erwähnte ich auch eine Aufführung der „Judith“ von Friedrich Hebbel. Beeindruckt habe mich damals das Gastspiel der Schauspielerin Lieselotte Rollwagen vom Theater in Karl-Marx-Stadt in der Titelrolle. Lächelnd meinte einer der Jungen, die liebe, alte Lilo – das ist meine Mutter. Anfang der 1970er Jahre erkannte ich den Sohn dieser Mutter wieder im Fernsehfilm „Jule, Julia, Juliane“; seither kenne ich seinen Namen und habe ihn öfter in großen Rollen gesehen, wie „Clausewitz – Lebensbild eines preußischen Generals“ – den Schauspieler Jürgen Reuter.

Eine wirkliche Eckkneipe war die „­Stumpfe Ecke“ auf der gegenüberliegenden Straßenseite der „Post“. Darin saßen Leute, die ihr Bier nicht alleine trinken wollten, meist nach dem zweiten Bier jemanden zum Unterhalten suchten. Es fiel mir auf, die Gäste rauchten gern und nahmen zum Bier einen „Kurzen“. Sicher kannten sie den Mann, der in einer Kneipe zum Wirt sagte, haben Sie keinen Wodka da, dann muss ich das Bier trocken runter würgen. Für den kleinen Hunger gab es nur ein „Hühnerbein“ mit Brot. Ein Heimbewohner hatte mir diese Kneipe empfohlen, weil es das frischeste Bier gäbe, denn der Zapfhahn stehe nicht still. Einige Male wollte ich ein „frisch Gezapftes“, und ein Mann neben mir kam ins Erzählen. Er war Fernfahrer, viel unterwegs, kenne alle Straßen in der Republik, habe zwei Tage frei. Er hörte mir zu, ich wäre bei der Armee in Marienberg gewesen. Da ist die Abzweigung Heinzebank; auch hinüber ins Böhmische, erklärte er mir sofort. Es stimmte wirklich und der Mann wiederholte lächelnd, er habe doch gesagt, alle Straßen zu kennen...

Gegenüber vom Bahnhof Schöneweide lockte das Restaurant „Jägerheim“ nicht nur Reisende als Gäste an. Hier traf ich in der Abendstunde ab und zu einen Redakteur vom Rundfunk, zuständig für Sendungen aus und über das Erzgebirge. Mit meinen Erfahrungen aus dem Marienberger Regiment und der Gegend ringsum hatten wir ein Thema. Erinnerlich blieb mir, dass mein Tischnachbar vom Kellner nach einem Vorfall vom vorigen Tag gefragt wurde. Folgendes geschah auf dem Bahnhofsvorplatz: Jugendliche stritten sich untereinander, und gutmeinend wollte der Redakteur vermitteln. Als sie mich als Sachse erkannten, sagte er zu mir noch immer wütend, gingen sie alle auf mich. Erfahrenes zum Verhältnis zwischen Berlinern und Sachsen!

Eine Berlinische Kneipe, quasi um die Ecke vom „Jägerheim“, in der Brückenstraße hieß „Zur Haltestelle“. Auf der Theke stand der „Hungerturm“ – ein Glas mit Soleiern und unter einer Glashaube Buletten. In einem Kühlfach lagen belegte Brote mit Salami. Ein Gast nahm mich am Jackenärmel und zeigte auf die Brote. „Salami kriegste beim Schlächter nur mit Beziehung“. Seither merkte ich mir, für Berliner ist der Fleischer der Schlächter.

Im Café „Edelweiß“ neben dem „Jägerheim“ hatte ich mich als Lektor für die Reihe „Tatsachen“ mit einem Journalisten der „Wochenpost“ verabredet. Wir stellten unsere Vorliebe fest für Kaffee schwarz und dazu einen Weinbrand. Unser anregendes Gespräch über sein Manuskript dauerte wahrscheinlich weit über eine Stunde. Die Kellnerin vermutete, wir seien „versackt“ und brachte jedem eine Schachtel Weinbrandbohnen als „Mitbringsel“ für unsere Frauen.

Zum Einleben in der Hauptstadt gehörte für mich auch die Gegend „Berlin – Ecke Schönhauser“. Anfang der 1960er Jahre gab es noch die Lokale „Bräustübl“, „Gambrinus“ und „Zum ersten Schweinehirt“. Nach einem Text von Gisela Steineckert sang Jürgen Walter „Bei Erwin“ – ein Lokal in oder hinter der Schönhauser, in den 1970er Jahren hieß in der Kopenhagener Straße eine Kneipe „Bei Karl Schmalz“. Nach einem Seminar im Redakteurslehrgang ging ich auf der Schönhauser Allee an einem warmen Sommertag neben dem Kino „Skala“ in ein kleines Lokal, eine größere Wohnstube. Ein „Kleines Helles“ förderte mein „Abschalten vom Fernstudium“. Unvermittelt sagte neben mir ein Mann, geschätzt als „Mitvierziger“: „Bist wohl ein armer Student, was?“ Mit hochgerecktem Arm rief er – hierher noch ein Großes! Zu meiner Beruhigung erklärte er, kannste annehmen, wird bezahlt. Er holte aus der Jackentasche eine Handvoll Kleingeld. Er sei Kohlenträger und kenne hier im Kiez jeden Keller und jede Omi.

Der Deutsche Militärverlag zog aus seinem Quartier in Treptow im Januar 1965 in einen mehrgeschossigen Neubau an der Storkower Straße in Prenzlauer Berg. In diesem Umfeld lockten nach Feierabend zum „Kollegentreff“ einige Lokale wie „Steuerhaus“, „Lichtenberger Krug“ oder „Storkower Eck“ – letzteres war auch Betriebsgaststätte –, von denen nur die Namen blieben. Einzig in seiner Art war das „Eisbeineck“, zu erreichen über Berlins längste überdachte Bahnüberführung an der heutigen Storkower Straße, vormals S-Bahnstation Zentralviehhof. Der ideale Standort für ein Lokal mit dem Berliner „Lokalgericht“ Eisbein. Ein Mitarbeiter aus einem Lektorat, ebenso wie ich ein Neuzugang im Verlag, gab mir den Tipp, als „Zugezogener“ selbst auf den Geschmack dieser Spezialität zu kommen. Für ein besonders leckeres Exemplar habe dort ein Kellner den Begriff „Satchmo“ geprägt. Er wurde dazu angeregt vom Bericht einer Illustrierten, der populäre US-amerikanische Jazzmusiker Louis Armstrong, genannt „Satchmo“, habe bei einem Berliner Gastspiel stets ein großes Bier und ein Eisbein in dazu passender Größe bestellt.

Zum Ende dieser beschriebenen „Lokalrunde“ bleibt mein Einstand in der „Werbung/Presse“ im Sommer 1962. Gesagt wurde mir, nimm wat jutet, „Stralauer Koem“. Der Vorschlag kam von Herbert, einem „ollen Berliner“, geboren ein halbes Jahrzehnt nach der Jahrhundertwende 1900. Ein erfahrener Arbeiter in Zeitungsdruckereien, jetzt „Rotaprint-Drucker“ für kleine Werbesachen. Und beim „Prosit“ auf mein Wohl und gute Zusammenarbeit steuerte Herbert den Altberliner Spruch bei: „Wer diesen Schnaps nicht prima findt', is uff de Zunge farbenblind“. Danach habe ich in Berlin jahrelang keinen Kümmel mehr getrunken, aber den Spruch beherrsche ich immer noch.

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