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100 Jahre Groß-Berlin | Fußnote zur Eingemeindung von Friedrichsfelde mit Karlshorst nach Lichtenberg

Am 9. September 1917 meldete der sozialdemokratische „Vorwärts“: „[…] in Verfolg einer Ende August d. J. vom Lichtenberger Magistrat an den Gemeindevorstand gerichteten Anfrage, worin Lichtenberg sich bereit erklärte, die Gemeinde Friedrichsfelde zu den gleichen Rechten und Pflichten, die den Lichtenberger Einwohnern zustehen, einzuverleiben, haben bereits Besprechungen zwischen den hierfür eingesetzten Ausschüssen beider Gemeinden stattgefunden, die Ende d. M. fortgesetzt werden sollen.“
Der erste Gedanke, als ich solche Zeitungsnotizen von Wolfgang Schneider erhielt, war, dass dies nur eine Fußnote in den langjährigen Diskussionen über die Bildung einer Einheitsgemeinde Groß-Berlin oder die Neugestaltung des bestehenden Zweckverbandes sein konnte. Überall ist zu lesen, dass sich Friedrichsfelde mit Karlshorst, die selbständige Stadt Lichtenberg sowie anliegende Gemeinden und Gutsbezirke 1920 zum 17. Berliner Verwaltungsbezirk vereinigten. Oder steckte doch mehr dahinter? Nun ­bohrte der Zweifel!

Immerhin hatte Lichtenberg gerade fünf Jahre zurück mit der Eingemeindung von Rummelsburg einen Coup gelandet, der seinen politischen und wirtschaftlichen Einfluss deutlich steigerte. Die Verhandlungen darüber dauerten lange. Es ging u. a. um die wichtigen Investitionen für zwei Krankenhäuser. Die Gemeinde Lichtenberg, im besonderen Oskar Ziethen, brauchte ein Krankenhaus, und zwar in Lichtenberg, um eine Rufschädigung zu vermeiden. Nur mit der festen Zusage, ein solches zu bauen und wirklich schon die ersten Schritte eingeleitet zu haben, war ja die Verleihung der Stadtrechte 1907/1908 erreicht worden. Im Umfeld der Diskussionen über Großgemeinden oder eine Einheitsgemeinde Berlin konnte eine neue Eingemeindung die Position von Lichtenberg nur stärken. Friedrichsfelde war ein geeigneter Partner dafür: Streckenweise gab es schon großstädtische Straßen mit zahlreichen Mietshäusern, eine rasch wachsende Wohnsiedlung im Süden und aufstrebende Handelsunternehmen im Norden. Überdies war es durch die unmittelbare Nachbarschaft und die große Fernhandelsstraße nach Frankfurt an der Oder mit Lichtenberg auch verkehrsmäßig verbunden.

Die Eingemeindungs-Ausschüsse begannen im August 1917 ihre Verhandlungen. In der Sitzung des gemeinsamen Eingemeinde-Ausschusses vom 20. November 1917 unterbreitete Gemeindebaumeister Goger zusammengestellte Unterlagen für die Beratung, den bisher beschlossenen Vertrag und einen neuen Entwurf für einen solchen und bezog sich hierbei auf einen dazu erteilten Auftrag vom 7. November 1917. Er machte aufmerksam, dass Zweifel entstehen könnten, ob der neue Vertragsentwurf dem Ministerial-Erlaß vom 4.10.1910 entspricht.

Der Eingemeindungsausschuss von Friedrichsfelde hatte in seinen Sitzungen viele Wünsche geäußert. In einem neu zu schaffenden einheitlichen Bebauungsplan für die Gemeinde Friedrichsfelde sollte für den Ortsteil Karlshorst der Villencharakter gewahrt bleiben, insbesondere für die Teile von Karlshorst östlich des Blockdammweges und südlich der verlängerten Auguste-Viktoria-Straße. Ab dem Tage der Eingemeindung sei die alte Straße auszubessern und die jährlich vorgesehenen 60.000 M je zur Hälfte für Friedrichsfelde und Karlshorst aufzuteilen. Östlich ihrer Gemarkung wünschte der Friedrichsfelder Gemeindevorstand von der Stadt Lichtenberg innerhalb von 10 Jahren eine Ausfallstraße. Gewünscht war eine Straßenbahnlinie durch die Rummelsburger Straße, ebenso der zweigleisige Ausbau der Ostbahn – Straßenbahngleise in der Treskowallee innerhalb von fünf Jahren. Lichtenberg sollte dafür Sorge tragen, dass eine Straßenbahnlinie aus der Cöpenicker Landstraße durch die verlängerte Auguste-Viktoria-Straße, über Blockdammweg, Fürstenbergallee, Hönower Straße bis zur Treskow-Allee im Anschluss an die bestehende elektrische Bahnlinie geführt wird. Die Breite der genannten Straßen macht diesen Wunsch noch in der Gegenwart nachvollziehbar. Schließlich findet sich auf der Wunschliste eine U-Bahn bis Karlshorst, ein Haltepunkt der Verbindungsbahn Rummelsburg-Kaulsdorf an der Kreuzung mit der Treskowallee und anderes. Letzterer läge dann in der Nachbarschaft der neuen höheren Schule.

In einem Übersichtsplan waren diese Wünsche eingezeichnet.

Die Verhandlungen selbst fanden große Aufmerksamkeit in der Presse. Im Oktober 1918 war vermutlich alles in „Sack und Tüten“. Jedenfalls berichtete die Vossische Zeitung (Morgenausgabe) am 1. Oktober 1918, dass die Friedrichsfelder Gemeindevertretung mit 14 zu 7 Stimmen dem Eingemeindungsvertrag mit Lichtenberg zugestimmt habe. Am 5. Oktober 1918 folgte in dieser Zeitung, Morgenausgabe, die Meldung, dass am 4.10. die Lichtenberger Stadtverordnetenversammlung den Eingemeindungsvertrag einstimmig beschloss.

Wonach weiter geforscht wird, ist die aufsichtsbehördliche Genehmigung des Zusammenschlusses. Vielleicht bleibt die Suche auch erfolglos, denn im November brach die Revolution aus, im Frühjahr 1919 herrschten in Lichtenberg bürgerkriegsähnliche Zustände. Die laufende Diskussion zu „Groß-Berlin“ nahm Fahrt auf und endete mit dem Gesetz vom 20. April 1920. Gut denkbar, dass eine Genehmigungsurkunde gar nicht mehr ausgefertigt wurde. Wirklich als Fußnote könnte hierzu der Vermerk in einer Sitzung über Großgemeinden oder Großberlin dienen. Es heißt in „Akten über Groß-Berlin – Eingemeindung, Anlage Hrsg.: Magistrat Berlin-Lichtenberg 1919-1920 II“: „[…] OB Ziethen/Berlin-Lichtenberg erklärte, daß über die Frage Groß-Berlin in Lichtenberg eine einheitliche Auffassung besteht. Er selbst hält die Schaffung der Großgemeinde, der ja Lichtenberg durch die Eingliederung von Karlshorst und Friedrichsfelde schon vorgearbeitet hat, für wünschenswert, wenn es gelingt, den Lastenausgleich zwischen Ost und West, den reichen und armen Gemeinden, so zu gestalten, daß den letzteren nicht ihre wirtschaftliche Selbständigkeit verkümmert wird; sollte das nicht erreichbar sein, so scheint auch OB Ziethen die Eingemeindung nach Berlin unvermeidlich […]“. Da Oberbürgermeister Ziethen immer sehr genau formulierte, könnte diese Aussage als Beleg für den Abschluss des Eingemeindungsprozesses von Friedrichsfelde und Karlshorst nach Lichtenberg im Jahre 1919 gelten. Weitere Forschungen laufen.

Zusammengestellt nach Museum Lichtenberg im Stadthaus: Ordner Gemeindeverwaltung Lichtenberg Beschlüsse 1890-1930/Bezirksverwaltung Berlin-Lichtenberg Eingemeindung 1920. Plan LAB A-Rep 047-03. Nr. 28

 


Gedenktafel in Karlshorst enthüllt

Ruth Baumgarte (1923-2013) wird mit einer Gedenktafel in Karlshorst geehrt. Die international bekannte gegenständliche Malerin und Illustratorin hatte einige Jahre in Karlshorst gelebt und begann dort ihre künstlerische Ausbildung. Bekannt wurde sie durch ihren Afrika-Zyklus. In einer von Diktatur geprägten Zeit scheute sie sich nicht, Außenseiterfiguren, wie von den Nazis verfolgte und ermordete Sinti und Roma, zu zeichnen und sich künstlerisch dem Arbeitermilieu in ihrer Umgebung zu widmen. In den Kultur News 5/2016 war ein Artikel erschienen, der die Künstlerin wieder in Erinnerung rief und nachfolgend zu einer großen Ausstellung des Bezirksamtes Lichtenberg und der Stiftung Ruth Baumgarte Bielefeld im Kulturhaus Karlshorst führte. Nun folgte die Enthüllung einer Gedenktafel am 30. Oktober an ihrem letzten Karlshorster Wohnort, Rheingoldstraße 32, bevor die Künstlerin Karlshorst wegen der Einrichtung des Sperrgebietes verließ. Wir wünschen uns, dass die neue Gedenktafel auch für Sie ein Anlass ist, an Ruth Baumgarte zu denken, wenn Sie das nächste Mal den Rheinsteinpark besuchen. (I.K.)

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