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Ausgebeutet und wieder ausgespuckt

Am 25. April findet im Kulturbund Treptow eine Lesung mit der Autorin Anja Schindler statt. Hundert Jahre nach Beginn der Oktoberrevolution stellt sie ihr Buch „ ‚...verhaftet und erschossen‘ Eine Familie zwischen Stalins Terror und Hitlers Krieg“ in der Ernststraße 14-16 vor. Sie erzählt die Geschichte ihrer eigenen Familie, ihrer Großeltern und deren Kinder. Es ist das Schicksal dreier Generationen, die in der ersten Oktoberhälfte 1931 Deutschland, genauer Berlin-Baumschulenweg, Richtung Moskau verließen und vom folgenden Geschehen gedemütigt, zerrieben, zerstreut wurden. Zwei Familienmitglieder überlebten diese furchtbare Zeit nicht. Aufrechte Kommunisten, die sie waren, gingen sie in die Sowjetunion, um ihr Glück zu versuchen. Voller Enthusiasmus glaubten die damals Mitte dreißig Jahre alten Großeltern, sie könnten der Wirtschaftskrise in Deutschland entfliehen und stattdessen helfen, die neue Gesellschaftsordnung in der Sowjetunion aufzubauen. Sie sollten einen großen Preis für ihren Idealismus bezahlen.

Schindler arbeitet präzise die Chronologie und Fakten heraus. Das Buch ist reichhaltig bestückt mit Dokumenten, seien es behördlich ausgestellte Belege oder private Schriftstücke. Es ist somit eine ungewöhnlich detail- und farbenreiche Schilderung mit viel Fotomaterial vom Alltag einer fünfköpfigen Arbeiterfamilie und deren Versuch, eine deutsch-russische Kommune aufzubauen. Dem Historiker vielleicht bekannt, bietet sich dem historisch Interessierten ein schmerzhafter Einblick in ein fast vergessenes Kapitel deutsch-russischer Auslegung von Freundschaft.

Die Zeit nach der Oktoberrevolution ließ so manchen leidenschaftlichen Sozialisten oder Kommunisten Morgendämmerung wittern. Nach der Weltwirtschaftskrise und Geldabwertung wurden viele nicht nur ihres Vermögens „beraubt“, sondern auch ihrer Jobs. Wer im Kapitalismus ohnehin einen menschenverachtenden, ausbeuterischen Umgang mit dem Gelde anderer beobachtete, der viele arm und besitzlos zurückließ, glaubte, im wahren Sozialismus könne man solche Fehlentwicklungen verhindern. Aber auch in der Sowjetunion war die Wirtschaftssituation prekär, die Kolchosen und Kommunen mussten unter erhöhten Pflichtabgaben für Getreide leiden, drei Millionen Hungertote 1933 allein in der Ukraine waren die Folge. Doch es waren nicht nur idealisierte Wirtschaftsflüchtlinge, die übersiedeln wollten. Insbesondere ab 1933, dem Beginn des faschistischen Regimes in Deutschland, sind Hunderte meist verfolgte Kommunisten dorthin geflohen und engagierten sich in Moskau in den verschiedenen Organisationen, wie z.B. der Kommunistischen Internationale.

Unsere Autorin Anja Schindler ist die Tochter von Ursula Schwartz (Tieke) und war selbst betroffen. Trotz alldem ist sie bemüht um eine sachliche, unsentimentale Darstellung dieser für die meisten Leser sehr berührenden und unfassbaren Geschichte über eine fremde, ferne Welt und Zeit zwischen den beiden Weltkriegen und darüber hinaus. Sie erklärt vieles sehr detailreich, wobei ihr eigener, knapper Stil auf Neutralität setzt. Verzichtet wird auf sentimentale Stimmung, auf Attribute und Adjektive, die das befördern könnten, was anfänglich ein wenig unbeteiligt wirkt. Die dargestellten Fakten und Beschreibungen lassen ihr allerdings auch keine andere Wahl. Es ist bei aller Nüchternheit schwer für den Leser, die Familiengeschichte ohne Aufkommen von Fassungslosigkeit, Erregung und Trauer zu kennenzulernen. Die wenigen Worte, die die Autorin benutzt, um uns Lesern einen Einblick in diese finstere Zeit zu gewähren, werden durch eine Vielzahl von Dokumenten illustriert. Und da sei auf die zahlreichen Briefe der Großmutter an die daheim Gebliebenen, die Eltern, verwiesen. Diese kompensieren den kargen Schreibstil durch sehr viele sachliche, emotionale und vor allem anschauliche Darstellungen über das Leben und Überleben in einer unwirtlich scheinenden Region. Sie sind ein großer Schatz, bieten sie doch für den Leser eine sehr anschauliche Darstellung des rauen, erschöpfenden Alltags der „Aussiedler“ mit all seinen Facetten und einen Blick in die Gefühlswelt der Schreibenden.Die Familie startet ihr „Projekt“ in Chosta, heute ein Ortsteil von Sotschi, am Schwarzen Meer, weit, weit weg von der Heimat. Sie wird noch an vielen anderen Stationen im Kaukasus haltmachen; es folgt ein Rennen nicht hin zu, sondern weg von der jeweiligen primitiven Bleibe. Eine Suche nach Wohnmöglichkeiten, in denen man nicht hungern und frieren muss, nach einem Ort, in dem man sich ein bisschen Geld erwirtschaften kann, weil genügend Infrastruktur vorhanden ist, genug Raum für fünf Personen, stabil genug, des Winters Kälte abzuschirmen. Das war alles nicht so einfach und sehr zeitintensiv, die Einhaltung bürokratischer Formalitäten bestimmte den Alltag. Mussten die „Neusiedler“ nicht bei ihrer Ankunft viele Fragebögen ausfüllen, deren zahlreiche Daten ihnen später wörtlich das Genick brechen sollten, wurde die Zuweisung einer neuen Wohnung behördlich auf die lange Bank geschoben. Die ausführlichen Schilderungen der Großmutter lassen sicher bei manchem Leser eine Träne fließen. Sie lassen ihn, wenn nicht sprachlos, so doch hilflos und wütend zurück. Wütend über die Ausbeutung, aber auch über die Naivität der (deutschen) Emigranten und ihren unbedingten Willen, für eine gerechte Welt ihr Hab und Gut sowie ihre Körperkraft zur Verfügung zu stellen, um unter vielen Entbehrungen, Mängeln und Nöten letztlich ihren Körper zu ruinieren, ihr Leben herzugeben.

Das Buch ist in zwölf Kapitel gegliedert, die in zeitlicher Abfolge die Zeitläufe und Stimmungen beschreiben. Und hier sind wieder ganz wichtig die Briefe der Großmutter, später vermehrt auch die unveröffentlichten Erinnerungen ihrer Tochter Ursula, Mutter der Autorin, die vertikal von Aufbruchstimmung und „Wir schaffen das“-Parolen bis hin zum seelischen Zusammenbruch der Großmutter die Verzweiflung und Sehnsucht nach der Heimat wiedergeben. Eindrucksvoll die Notiz vom 14. April 1934: „…bin ich seit dem 22 März … in einem Sanatorium für leicht Nervenkranke. Mich hat das Heimweh gepackt.“

Die ganze Geschichte klingt so, als wollte man sich mit Gewalt einer Aufgabe widmen und nicht zur Kenntnis nehmen, dass das gar nicht zu bewältigen ist. Indes, was blieb ihnen und den vielen anderen Emigrierten als Alternative? Nach dem Einbruch der Weltwirtschaft, den geringen Arbeitsmöglichkeiten, dem braunen Raunen im Hintergrund. Man liebäugelte mit dem Kommunismus. Die Russen hatten erfolgreich ihr altes System gestürzt, sie wollten alles besser machen, dem Volk das Zepter in die Hand drücken, es mitregieren, es allein wirtschaften lassen, allen gerecht werden, jedem seinen Teil zuweisen. So sagten sie. Stalin jedoch, von krampfhaftem Misstrauen getrieben, ließ trotz der Freiwilligkeit der Menschen, hier insbesondere die der deutschen Kommunisten, die an eine gerechtere Gesellschaft glaubten und versuchten, diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen, dennoch Akten anlegen mit vielen, vielen Daten über die enthusiastischen Neubürger.

Parallel führte Stalin 1931 schon im dritten Jahr Krieg gegen einen Großteil der Bauernschaft, insbesondere gegen die Kulaken, die relativ wohlhabenden Bauern. Es galt, auf schnellstem Weg die Landschaftsflächen vollständig zu kollektivieren. Immer mehr wurden Funktionäre eingesetzt für Aufgaben, für die sie nicht ausgebildet waren, Zielvorgaben formuliert, die völlig utopisch waren. So kam es zu Misswirtschaft und Hungersnöten. Für jeden Misserfolg wurden Schuldige gefunden. Ein erschütterndes Kapitel wurde aufgeschlagen, als Stalin die „große Säuberung“ zwischen 1936 und 1938 inszenierte, der Millionen Sowjetbürger und Ausländer zum Opfer fielen. Dabei gerieten auch viele der deutschen Emigranten in die Mühlen des berüchtigten Volkskommissariat für innere Angelegenheiten (NKWD). Insgesamt wurden nach bisherigen Schätzungen etwa 2.000 Deutsche verhaftet, gefoltert und erschossen oder in Lager verschleppt. Mehr als 300 deutsche Antifaschisten lieferte das NKWD direkt der Gestapo aus. Die Familie der Schindlers wurde 1937 auseinander gerissen, in einem Moment, in dem sie Ruhe gefunden hatte, in einer angemessen großen Wohnung eines Gemeinschaftshauses in Leningrad wohnte, der Großvater Arbeit hatte, sie sich wieder ein wenig mehr leisten konnten.

Wie viele andere auch lebte die Familie, die nie die sowjetische Staatszugehörigkeit bekam und auch nicht in die KPdSU aufgenommen wurde, in einem rechtlichen Vakuum, staatenlos, parteilos, heimatlos. Die deutschen Aussiedler und Antifaschisten saßen in der Falle, sie sahen sich zwei Staatssystemen gegenüber, die in Punkto bürokratischer Kontrolle und Repression sich in nichts nachstanden. Im Jahre 1937 bricht das letzte gemeinsame Jahr der Familie an. Am 25. Juli 1937 erging der Befehl zur Ergreifung von Repressionsmaßnahmen an Deutschen, die der Spionage gegen die UdSSR verdächtig wurden. Daraufhin wurden in wenigen Wochen hunderte Emigranten verhaftet. Die Großmutter und ihr ältester Sohn überlebten das nicht. Am 15 1.1938 wurden sie erschossen und in einem Massengrab in Lewaschowo, nahe Petersburg, vergraben. Der Großvater kam in ein Lager. Die Mutter der Autorin war mit Beginn des Krieges im Gefängnis und wurde 1942 nach Kasachstan in die Stadt Karaganda verbannt. Dort kam die Tochter Anja Schindler 1949 zur Welt. 1956 wurde die Ausreise der verbliebenen Familienmitglieder – das waren der Großvater, die Eltern der Autorin, ihr jüngerer Onkel, und sie selbst – in die DDR genehmigt.

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