Kulturnews

Mit Leib und Seele

Foto: Reno Döring

Der Medienpoint in Steglitz ist ein gemeinnütziges Projekt des Kulturrings in ­Berlin e. V. Gemeinsam mit Niederlassungen in ganz Berlin werden dort Bücher und andere Medien kostenlos angeboten. Diese, vulgo, „Umsonst-Buchläden“ sammeln gebrauchte Bücher aus Berliner Haushalten, um diese zu archivieren oder an interessierte Besucher mit kleinem Budget weiterzugeben. Das Lesen eines „second hand Buchs“ schont die Ressourcen und trägt zur Lese- und Bildungs­kultur bei. Dieser Ort bietet zugleich soziale Kontakte, Austausch und Hilfe an. Nicht nur der Innenraum, auch die im Außenbereich aufgestellten Tische mit Büchern laden niedrigschwellig zur Sichtung des Angebots ein und bieten Raum für ­Kommunikation zwischen Besuchern und Mitarbeitern. Eine Kollegin erzählt, warum sie hier so gerne arbeitet.

Für Ellen Stutterich, die seit Bestehen des Steglitzer Medienpoints in der Deitmer­straße 8 wirkt, ist es eine Herzensangelegenheit, den Besuchern zu Hilfe zu kommen. Eine gute Dekade ist sie nun dabei und mit ihrem Engagement gar nicht mehr wegzudenken. Hurra – es wird immer noch gelesen, und das in dreidimensionalen Büchern, gebunden oder als Taschenausgabe. Optik und Haptik siegen auf weiten Strecken über ­spröde E-Books, trotz des medialen Beschusses und Ablenkungen von überallher. In Steglitz, traditionell eher bürgerlich geprägt, existiert seit gut elf Jahren ein Medienpoint mit einem reichhaltigen Sortiment, und ­viele Kunden wissen das zu honorieren. Dass dieser Laden trotz vieler Durststrecken so gut läuft, ist auch Ellen Stutterich zu verdanken. Sie empfängt ihren Besucher in einem mit akkurat aufgestellten, nach Gattungen sortierten Büchern vollgestellten Laden im Souterrain. Dieser ist zwar zu klein, um sich darin zu verlaufen. Aber, ausgestattet mit Ecken, Nischen und verwinkelten Gängen im Raum, ruft er auf den ersten Blick Irritationen hervor. So ist man froh, dass die sportlich agile Frau, die einen willkommen heißt, den Fremden wie ein Lotse durch die Gänge führt, dahin, wo man sich in Ruhe unterhalten kann, ohne vom geschäftigen Treiben draußen gestört zu werden. Stutterich arbeitet schon lange hier, mit verschiedenen Förderungen, unter den unterschiedlichsten Konditionen und Benennungen durch Ämter, mit immer wieder wechselnden Kollegen. Selbst als ihre Arbeit nicht mehr finanziell unterstützt wurde, hat sie weitergemacht und nicht aufgegeben.

Ist sie die Seele des Ladens? Davon will sie nichts wissen, eine Funktion als Rückgrat in der Kollegenschaft hat sie in jedem Fall inne. Das räumt sie ein. Was macht eine ehemalige Industriekauffrau mit Ausbilderschein in einem Buchladen, wo sie Bücherspenden und Medien aller Art entgegennimmt und sie kostenlos an Lesefans und andere Interessierte mit kleinem Budget weiterreicht? „Ich habe ja im Prinzip nicht viele Möglichkeiten mit meiner Einschränkung und meinem ­Alter.“ Stutterich ist sehbehindert. Das Alter sieht man der geschäftigen Frau nicht an, die Sehbehinderung vermutet man freilich auch nicht. Klingt nach einer guten Voraussetzung für ihren Job. Denn sie ist tatsächlich selbst eine Leseratte. Aber dazu später.

Ein MedienPoint im bürgerlichen ­Bezirk Steglitz-Zehlendorf? Kommen denn da überhaupt Kunden, die in Kisten mit ­Second Hand-Büchern wühlen? Stutterich weist ­darauf hin, dass auch hier viele arme Menschen leben, die das Angebot sehr zu schätzen wissen. Und tatsächlich gibt es in Zehlendorf soziale Brennpunkte, obwohl im Vergleich zu anderen Berliner Bezirken eine größere Dichte an höheren Einkommen und Besitz zu verzeichnen ist. „Die Menschen hier kommen ja aus den unterschiedlichsten Gründen.“ So suchen viele auch Bücher, die man nicht mehr bestellen könne. Andere wiederum stöbern einfach gerne in Bücherkisten oder plaudern miteinander, erklärt Stutterich. Und dann gäbe es auch oft eine Schwellenangst, in eine Bibliothek zu gehen. Das Buch müsse erst bestellt werden, und wenn man es erhielte, hätte man es ja nur für eine relativ kurze Frist. Alles gute ­Gründe Begüterter und weniger Begüterter, den MedienPoint anzulaufen, führt sie aus. „Es ist ein wunderschöner Arbeitsplatz, vor allem für Menschen, die gerne mit Büchern arbeiten. Da steckt eine Menge Herzblut drin“, beschreibt Stutterich ihre Arbeit. Das zeigte sich besonders, als sie, wie vor sechs Jahren geschehen, um die Weiterführung der Einrichtung kämpfen mussten. Das gibt man nicht einfach wieder auf, wenn man die Schlacht gewonnen hat. Sortieren, Bestellungslisten erstellen, kämpfen um den Arbeitsplatz, neue Gesichter im schnellen Wechsel, Bestücken der Regale nach Genres, Gespräche mit den Kunden, die beraten werden wollen, die fachsimpeln wollen. Dazu Büchertische bestücken für außerhalb, zum Beispiel mit „Laib und Seele“, einem Ableger der Berliner Tafel, mit dem sie schon lange zusammenarbeitet. Ist sie gut aufgehoben im Team? „Das Team funktioniert gut und unterstützt mich, sonst würde ich diesen Job nicht machen können“. Und sie unterstützt wiederum die Kunden. „Man kann helfen oder lässt stöbern, es gibt viel Zufriedenheit, weil man das beidseitig niedrigschwellig wahrnehmen kann. Und es geht auch um das menschliche Miteinander.“ Und was ist mit ihr, versorgt sie sich auch so gut mit Büchern, wie sie das bei den Kunden macht? „Im ­Moment lese ich Biografien. Aus diesen erfährt man mehr als aus den Geschichtsbüchern“, antwortet sie lachend. Biografien? Die der Prominenten oder Politiker? „Nein, nicht nur. Biografien, die sind in alle Richtungen interessant, auch wenn man die Person nicht kennt. Weil man viel über die jeweilige Zeit erfährt.“ Man frage sich: Wie haben die gelebt? Was lässt sich in unsere Zeit übertragen, wo ist der Unterschied zu heute? Man decke gleich mehrere Sachen ab.

Stutterich arbeitet als Bundesdienstfreiwillige vier Stunden am Tag. Kaum zu glauben, dass es bei ihrem Arbeitseifer nicht mehr sind. Wäre sie traurig, wenn sie aufhören müsste, weil der Laden nicht mehr gefördert würde? „Man weiß leider nie, wie lange es den Laden gibt, wäre aber schon schade. Ist doch meine Passion!“

Post scriptum: Der Medienpoint bietet und nimmt als Spende neben Büchern auch CDs, Videos, DVDs, MCs, sowie Gesellschafts­spiele und PC-Spiele an.

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