Kulturnews

Klüger geworden,

was für eine Frage? Natürlich werden wir mit jedem Tag klüger, schließlich lernen wir, solange wir leben. Sie mögen einwenden, dies sei die reine Theorie. Oder es beträfe nicht die wirklich wichtigen Fragen des Lebens. Denn nach wie vor entfesseln Menschen Kriege, bringen einander um, verlieren ihr Leben zugunsten von Macht- und Profitinteressen, zerstören bewusst oder leichtfertig die Lebensgrundlagen von uns allen. Immer noch missbrauchen sie religiöse Überzeugungen, um Hass und Intoleranz zu säen. Dass dieses „Klüger-Werden“ ein langer, ein fortwährender Prozess sein würde, war offenbar schon den Schöpfern der Bibel klar, denn in eine Sammlung von Liedern und Gebeten nahmen sie die Losung auf: „Lehre uns zu bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ (Psalm 90, Vers 12).

Sicher ist damit nicht gemeint, dass erst mit dem Tod die Klugheit kommt, mit Altersweisheit und Lebenserfahrung hat es schon etwas mehr zu tun. Aber der eigentliche Sinn des Spruchs scheint sich erst in der immerwährenden Bemühung, im gemeinsamen Streben zu erschließen.

Schon deshalb war das Motto „…damit wir klug werden“ klug gewählt für ein Treffen wie den 35. Evangelischen Kirchentag Anfang Juni in Stuttgart. Überall war es dort zu lesen, auf riesigen Fahnen und unzähligen Plakaten: Am Hauptbahnhof, dessen Großbaustelle einst wütende Stuttgarter zum Proteststurm gegen Stuttgart 21 aufbrachte, am Schlossplatz vor der Kulisse des Landes-Finanzministeriums, auf dem sich zum Eröffnungsgottesdienst so viele Menschen drängten, dass er gesperrt werden musste. Es überspannte als Riesenbanner die Mercedesstraße vor der Kulisse der Porsche-Arena und des Mercedes-Benz-Museums. Es fehlte wahrlich nicht an Symbolik. Der Spruch war so etwas wie ein Spiegel, in den alle schauen sollten, nicht Provokation, sondern Anlass zu Reflexion, zum Nachdenken.

Für einen solchen Anstoß allein sollten wir dankbar sein, ihn nutzen und uns mit seiner Hilfe auf den Weg machen, selbst etwas zu tun für dieses Ziel, andere dabei mitzunehmen, sie zu begeistern und ja, auch nachdrücklich Forderungen an jene zu adressieren, die sich in Macht und Verantwortung befinden. Es kamen denn auch viele nach Stuttgart. Allein am ersten Abend, dem Abend der Begegnungen, waren es weit über 250.000. Die Innenstadt war überfüllt, überall hatten die gastgebenden Kirchgemeinden aus Baden-Württemberg Stände aufgebaut, boten die verschiedensten Köstlichkeiten an, um die vielen Besucher zu bewirten. Überall traten spontan Musiker auf, die Bühnen boten ein abwechslungsreiches Programm. Begegnung bedeutet auch immer Diskussion, Dialog und Information. Auch davon wurde an diesem ersten Abend schon jede Menge geboten.

„Fes(ch)te feiern – Württemberger feiern anders“, so hieß eine Überschrift im Programm. Nach dem Anders-feiern habe ich zwar vergeblich gesucht. Es war genauso herzlich und ausgelassen wie das der Niedersachsen, hatte aber sicher sein lokales Kolorit. Dennoch war beim Auftakt des Kirchentags in Stuttgart etwas anders. Vor dem Eröffnungsgottesdienst gab es auf der Bühne am Karlsplatz eine Gedenkveranstaltung zum Thema Verfolgung von gleichgeschlechtlich Liebenden: „Ausgegrenzt und totgeschwiegen“. Großformatige Gedenksäulen machten auf das Thema anhand individueller Schicksale aufmerksam. Schon im Programmheft hieß es, bezogen auf „Verfolger und Verfolgte in der NS-Zeit“, unsere „Gedenkkultur ist unvollständig“. Auch auf die Zeit nach 1945 wird Bezug genommen: „Wie Verfolgung weiterwirkt. … Weiter entwürdigt, auch nach 1945. … Ändert sich etwas? Hoffnungszeichen.“ Emotional und eindringlich nahm sich die Veranstaltung dieses Themas an. Auch an anderen Stellen des Kirchentags tauchte es immer wieder auf, ein spezielles „Zentrum Regenbogen“ widmete sich ihm ausgiebig.

Auch der Kulturring hatte sich dieses Themas zum wiederholten Mal angenommen. Auf seinem Stand auf dem Markt der Möglichkeiten gab er Einblick in seine Forschungsarbeiten zum Thema „Rosa Winkel“. Und er fand sehr viele aufgeschlossene und interessierte Besucher, die dazu mehr wissen wollen und viele Fragen stellten. Die gesamte Ausstellung, von der gerade einmal beispielhaft drei Tafeln gezeigt wurden, war vor einigen Jahren schon im Stuttgarter Rathaus zu sehen. Und wie sich dieser Tage zeigt, ist der gesellschaftliche Diskurs zu diesem Thema eben aufs Neue eröffnet worden. Es geht um nicht weniger als die Beseitigung der Reste der Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Lebensweisen und – was genauso wichtig ist – die Überwindung von Diskriminierung und Ausgrenzung in den Köpfen noch so mancher Zeitgenossen.

Viele Besucher des Markttreibens fragten immer auch nach dem Wie. Sie wollten wissen, wie es uns gelingt, bürgerschaftliches Engagement zu organisieren. Hier unterscheidet sich die Arbeit kirchlicher und weltlicher Gruppen nur wenig. Ihnen allen geht es um strukturelle Fragen, um die Sorge, der unter den Menschen vorhandenen Bereitschaft mitzuwirken und zu helfen den nötigen Raum und die so wichtige gesellschaftliche Aufmerksamkeit geben zu können. Das Kulturring-Team nutzte die Gelegenheit des Kirchentags, um ausgiebig über neue Chancen im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes zu informieren. Auch war der Kirchentag ein willkommener Ort, Politiker aller Parteien auf diese Erwartungen aufmerksam zu machen. Am Kulturring-Stand konnte der Vereinsvorsitzende Dr. Gerhard Schewe mit großer Freude die Bundestags-Vizepräsidentin Petra Pau begrüßen, die sich über die aktuellen Projekte des Vereins informierte und ihre Unterstützung auch für die Zukunft zusicherte. Neben der fortgesetzten Forschungsarbeit zum Thema „Rosa Winkel – Homosexuellenverfolgung in der NS-Zeit“ verdeutlichte die Gestaltung des Kulturring-Stands die weiteren Schwerpunkte der Arbeit des Vereins. Der Themenmonat im Oktober soll im Rahmen des Kunstkreuzes unter dem Motto „Genug ist nicht genug?“ die verschiedensten Aktionen und Aktivitäten zum Thema „Ressourcen und Bedürfnisse“ bündeln. Ausdrucksstarke Plakate warben dafür ebenso wie von Künstlern speziell für die Kirchentags-Präsentation angefertigte Collagen. Weiterhin stand ein EU-gefördertes Projekt im Mittelpunkt des Interesses, das sich unter dem Titel „vidusign“ der Arbeit mit gehörlosen jungen Leuten unter Nutzung der Videotechnik und des Internets annimmt. Zusammen mit einem weiteren Projekt „Video for all“ sollen verstärkt moderne Medien für junge Menschen über Ländergrenzen hinweg nutzbar gemacht werden. Und ein Treffen wie der Kirchentag ist geradezu ideal, Kontakte dafür zu knüpfen, Netzwerke zu erweitern und neue Interessenten zu finden.

Ein Blick zurück auf die heißen Tage von Stuttgart zeigt einmal mehr, wie begeisterungsfähig viele Menschen, vor allem auch junge Leute sind. Das erzeugt Hoffnung, kann generationsübergreifend optimistisch stimmen und zeigt die Kraft der Zivilgesellschaft. Klug sein, ist kein Endzustand, wir alle können immer nur klüger werden. Begeben wir uns auf diesen Weg, gemeinsam, respektvoll und neugierig. Es lohnt sich.

 

Felix Hawran:

Begegnungen auf dem Kirchentag

Am Samstag bekamen wir an unserem Stand auf dem „Markt der Möglichkeiten“ Besuch von Meggie aus Georgien, Eloisia aus Kamerun und Elvis aus Costa Rica. Die drei sprachen mit uns über das Thema „Bedürfnisse und Ressourcen“ mit Bezug auf ihre Heimatländer.

Georgien habe genügend natürliche Ressourcen, das wichtigste Bedürfnis sei laut Meggie eine bessere Chance auf Arbeit und finanzielle Sicherheit. In diesem Zusammenhang wünschen sich viele Georgier auch eine leichtere Einreise in die EU. Kamerun sei ebenfalls reich an natürlichen Ressourcen, ergänzt Eloisia, und nennt Demokratie und Bekämpfung von Korruption als wichtigste Bedürfnisse aus ihrer Sicht. Für Costa Rica stimmt Elvis zu, dass es in seinem Heimatland ganz ähnlich sei.

Im Gespräch erfahren wir, dass die drei jungen Erwachsenen ein Jahr internationalen Bundesfreiwilligendienst in Berlin und Brandenburg absolvieren, organisiert durch „Brot für die Welt“. Um dieses Jahr finanzieren zu können, kommen sie bei Gastfamilien unter. Während Eloisia in Weißensee in einem Theaterprojekt mit Jugendlichen arbeitet, bastelt Meggie in Neuruppin mit Kindern und auch Elvis arbeitet mit Kindern in KönigsWusterhausen. Schwerpunkt an allen Standorten ist es, Rassismus zu bekämpfen und mehr Toleranz und Verständnis für Flüchtlinge zu schaffen. Nach neun Monaten im Freiwilligendienst beeindrucken Meggie, Eloisia und Elvis bereits mit ausgesprochen guten Deutschkenntnissen.

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