Kulturnews

„Ich war zum Ziel geworden“

Frühjahr 1945 – Überleben und Heimkehr des Günter Reisch

Als der junge Bursche die UFA-Studios in Babelsberg zum ersten Mal sah, war sein beruflicher Werdegang noch lange nicht festgelegt. Aber was er beim Besuch seines zukünftigen Arbeitsplatzes erlebte, wird die Entscheidung wohl beeinflusst haben. Dort „(…) bewunderte ich die vielen Scheinwerfer, die Kameras und den Mann in der Mitte, auf den alle hörten. Das war der Regisseur (…) und ich konnte in meinen Träumen nicht ahnen, dass ich genau an dieser Stelle einmal den nachgebauten Potsdamer Platz, als Regisseur von mir veranlasst, (…) aufnehmen würde oder den Schneesturm während der Stalingrader Schlacht und manches andere“.

Wäre er nur einige Jahre älter gewesen, hätte Günter Reisch den Schneesturm der Stalingradschlacht durchaus „live“ erleben können. Dies blieb ihm erspart – gleichwohl gehörte er zu den tausenden jungen Männern, die gegen Ende des schon verlorenen Krieges von skrupellosen NS-Funktionären tödlicher Gefahr ausgesetzt wurden, um die Existenz des Nazireiches einige Tage zu verlängern. „Vor mir lief kein Film mit Kriegshelden ab, sondern die Realität. Ich litt Todesangst. Ich war zum Ziel eines Unbekannten geworden.“ Er sah Freunde sterben, ausgemergelte KZ-Häftlinge ums Überleben kämpfen, litt Hunger im Gefangenenlager – und war letztlich doch einer der Glücklichen, die den Krieg zumindest ohne großen körperlichen Schaden überstanden.

Seine Erinnerungen lassen diese Zeit vor nunmehr 70 Jahren gerade deshalb so lebendig werden, weil sie aus ganz persönlicher Sicht bildhaft beschreiben, was allgemeine Betrachtungen der Ereignisse nicht bieten können – einzelne, selbst erlebte Begebenheiten des Infernos, in dem das Dritte Reich unterging.

Günter Reischs Aufzeichnungen berichten durchaus auch von glücklichen Kindheits- und Jugenderlebnissen, gleichzeitig wird man jedoch auf eine eigentümliche Weise wiederholt an die sich anbahnende Katastrophe erinnert. Da ist der Blick vom Klassenzimmer auf die Potsdamer Garnisonkirche, die zum Abenteuerspielplatz wird, da ein Freund Zugang zum Kirchenschlüssel hat. Jene mit preußischen Kriegstrophäen dekorierte Kirche, Ruhestätte Friedrich II., die zum Schauplatz des „Tages von Potsdam“ wurde, der Instrumentalisierung des alten Preußens durch die Nationalsozialisten. Oder die Begegnung mit dem Sohn eines späteren Feldmarschalls, der sich mit ihm anfreundete und mit zu sich nach Hause nahm. „Da gab es ein großes Spielzimmer, gefüllt mit kleiner Kriegstechnik. Für mich beeindruckend. Wir ließen die Panzerchen rollen und ballerten mit Kanönchen.“ Dass Günter Reisch und sein Freund Manfred Rommel Krieg spielten, war an sich nichts besonderes, schon immer haben Jungs das getan. Rückblickend wirkt dieses Detail der Kindheit dennoch fast beklemmend eingedenk der Tatsache, dass der Vater des Freundes wenig später tatsächlich seine Panzer erst durch Frankreich, dann durch Nordafrika rollen ließ.Die ersten Begegnungen mit dem Medium, dass einmal seine Leidenschaft werden sollte, erlebte er mit dem Vater im Kino – Slapstick-Klassiker mit Charlie Chaplin, Laurel und Hardy. In der Uniform der Pimpfe sah er dann die UFA-Filme über den Alten Fritzen und seine Feldzüge, die ersten Kriegswochenschauen – da nahm die Katastrophe schon ihren Lauf, die für Günter Reisch in alliierten Gefangenenlagern endete.

Der Leser erfährt, wie er nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft in Niedersachsen Arbeit fand und es ihn trotzdem wieder nach Osten, in die Heimat, zog. „Keiner meiner Arbeitskollegen verstand, dass ich plötzlich in die sowjetisch besetzte Zone wollte. Zu den Russen in das halbzerbombte Potsdam?! (…) Das konnte mein Heimweh nicht unterdrücken.“

Wir verfolgen seinen abenteuerlichen Weg nach Hause, das Wiedersehen mit Mutter und Schwester, den erneuten Schulbesuch bis zum Abitur als Voraussetzung für seinen nun festen Berufswunsch, der auf dem Abschlusszeugnis mit einem Satz erwähnt wird, der auch Titel seiner Autobiographie ist: „Günter Reisch will Regisseur werden.“

Anlässlich des 70. Jahrestages des Kriegsendes sind wir hier besonders auf den Teil des Bandes eingegangen, der sich mit den Kindheits- und Jugendjahren von Günter Reisch befasst. Selbstverständlich enden seine Erinnerungen nicht an dieser Stelle, denn das Kriegsende machte ja erst den Weg frei für seine lange Schaffensperiode. Die Aufzeichnungen enthalten intensive Gedanken und Betrachtungen zum Filmschaffen in der DDR, speziell zur Entwicklung der DEFA, für die er seit 1948 arbeitete. Die Filme, bei denen er Regie führte, gehören zu den Besten, die bei der DEFA entstanden. Werke mit historischen Themen wie „Die Verlobte“ oder Komödien wie „Anton der Zauberer“ erlangten über die Landesgrenzen hinweg große Anerkennung. Die DEFA-Stiftung ehrte ihn 2013 mit dem Preis für das künstlerische Lebenswerk.

Günter Reisch starb 86jährig am 24. Februar 2014. Seine nicht ganz fertiggestellte Autobiographie wurde von seiner Frau, Dr. Beate Reisch, und dem Filmwissenschaftler Peter Warnecke vollendet und unter dem Titel „Günter Reisch will Regisseur werden. Eine DEFA-Filmkarriere“ vom Filmmuseum Potsdam beim Verlag Neues Leben herausgegeben.

Wer mehr über den Lebensweg des außergewöhnlichen Regisseurs erfahren möchte, merke sich den Termin für die „Lesung im Club“ mit Dr. Beate Reisch am 5. Mai, 19.00 Uhr, im Haus des Kulturbunds Treptow, Ernststraße 14/16, in Baumschulenweg.

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