Frieda Kreuz

Ich heiße Sunny* oder Tee bei Rebecca

„Da hab ich gewohnt, das hab ich verlassen.“

(aus „Sehnsucht nach der Schönhauser“ von der Sängerin Barbara Thalheim)

Auf der gegenüberliegenden Seite der Ampelkreuzung an der Greifswalder Straße stand mir eine Frau gegenüber, so Anfang 40, mit Jeans, kurzen Haaren und Fahrrad. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass wir beide uns kannten. Ich bin mir nicht mal zu 50 Prozent sicher, dass die Frau auf der anderen Seite überhaupt Rebecca war. Wenn, dann hatte sie vielleicht die Sehnsucht nach dem Prenzlauer Berg gepackt, und sie ist nach der Wende wieder in unsere alte Gegend, bei der Greifswalder Straße, zurückgezogen. Wir gingen übrigens an diesem Tag jeder weiter in unsere Richtung, ohne uns ein nichtssagendes Höflichkeitsgespräch anzutun. Wir akzeptierten stillschweigend, dass unsere Wege sich getrennt hatten. Außerdem konnte Rebecca sich noch sehr gut an die Schwierigkeiten erinnern, in die ihre Nachbarin ständig verstrickt war und durch die wir uns ja eigentlich erst kennengelernt hatten.

Das Haus, in dem Rebecca und ich in den 1980ern im Bötzowviertel im Prenzlauer Berg wohnten, muss man gar nicht weiter beschreiben. Diesen Zweck erfüllt der Vorspann von „Solo Sunny“ besser, ein Film von Konrad Wolf, den ja nun wirklich jeder kennt – und wenn nicht, sollte er das bitte unbedingt nachholen. Der Hinterhof mit dem abgeblätterten Putz, die Einschusslöcher, die Mülltonnen auf dem Hof, die Tauben, die, durch die Öffnung in dem Schrank unter dem Fensterbrett, in der Küche ein- und ausfliegen, der „Mann von Gegenüber“, die Nachbarn, die man gar nicht kannte, die einen aber scheel angeguckt haben und sich beim ABV über einen beschwerten, alles war dasselbe. Scheinbar hatten es in solchen Hausgemeinschaften junge Frauen ohne Mann ganz und gar nicht einfach und wurden argwöhnisch beobachtet. Wenn sie dann noch einen aufmüpfigen Eindruck machten, konnte es ganz eng für sie werden. Dieses eigentümliche, kleinbürgerliche, miefige Klima, das in den dringend sanierungsbedürftigen Mietshäusern des Szenebezirks Prenzlauer Berg der Vorwendezeit herrschte, hat Konrad Wolf in seinem Geniestreich „Solo Sunny“ für die Ewigkeit in Stein gemeißelt. Ich konnte mich nur ein paar Jahre, nachdem ich diesen Film das erste Mal gesehen hatte, selber davon überzeugen, wie gut sein Film die Verhältnisse im Prenzlauer Berg getroffen hat. Er kannte sein Berlin und die Berliner eben ganz genau und liebte es.

Keiner in der DDR konnte verstehen, wie er diesen Film über das Leben einer jungen Außenseiterin überhaupt erstmal durch die Zensur gebracht hatte. Er ahnte wohl, dass er nicht mehr lange hat und wollte der Welt noch etwas hinterlassen, das Bestand hat. Und das hat er ja auch geschafft mit seiner „Sunny“. Und so drehte Konrad Wolf plötzlich auf den letzten Metern noch so etwas wie einen feministischen Film. Vielleicht trauten sich die „Genossen“ auch nicht, einem schwerkranken Mann wie ihm ins Gesicht zu sagen, dass sein bester Film verboten werden soll.

Rebecca hat im Hinterhaus gewohnt und ich im Seitenflügel ganz oben. Ich wohnte übrigens ohne Mietvertrag in dem Haus. Während einer Schicht im Backwarenkombinat hatte eine Kollegin mal zufällig erwähnt, dass man sich über den Betrieb um eine Ausbauwohnung bewerben kann. Gleich in der Pause ging ich zur FDJ-Leitung, die dafür zuständig war, und meldete mich an. Eine von der FDJ kam ein paar Tage später zu mir an meine Maschine und nahm meine Personalien auf. Dann hörte ich monatelang nichts mehr davon. Eines Tages, als ich gerade im Backwarenkombinat gekündigt hatte und eigentlich gar nicht wusste, wo ich hin sollte, wenn ich aus dem Arbeiterwohnheim rausmusste, flatterte ein rotes Kärtchen mit der Post bei mir an. Ich befürchtete irgendwelche Mahngebühren oder Strafen fürs Trampen an der Autobahn. Aber gleich beim ersten Blick auf diese Karte lachte mich schon das Zauberwort Zuweisung an. Ich dachte, ich träume. Die Mühlen der Verwaltung mahlen ja langsam, aber sie mahlen. Diesmal zum Positiven, und ich hatte eine Wohnung bekommen. Eine türkische Kollegin von mir, die gar nicht verstehen kann, dass ich nicht an höhere Mächte glaube, hätte sich jetzt bestätigt gefühlt. Scheinbar schien es doch einen Gott zu geben.

In der Kommunalen Wohnungsverwaltung in der Greifswalder überreichte man mir tatsächlich einen Wohnungsschlüssel, aber leider keinen Kloschlüssel, und ich unterschrieb einen Ausbauvertrag. Die Wohnung entpuppte sich glücklicherweise als intakt, bloß am Gasherd musste etwas gemacht werden, und eigentlich sollte ich mich nur darum kümmern, dass die Fenster ausgetauscht werden. Gleich am Eingang zu meiner neuen Straße war eine große Sonnenblume an die Wand gemalt, was ich als positives Zeichen deutete. Also zog ich halbillegal erst mal ein, pustete meine Luftmatratze auf, kaufte einen Tauchsieder und zwei Elektroplatten und ließ die Fenster Fenster sein. Wahrscheinlich wusste die freundliche junge Frau in der KWV das ganz genau, ließ mich aber in Ruhe, und ich geriet jahrelang in Vergessenheit. Ich hatte aber immer ein mulmiges Gefühl, wenn ich Schritte auf der Treppe hörte. Eine Berlinerin auf wackeligem Grund. Aber ich hatte einen Schutzengel. Meine Behausung war klein und nicht zu fein, aber leider nicht so richtig mein.

Im Hinterhaus waren schon seit ein paar Tagen die ganze Nacht die Fenster erleuchtet. Wahrscheinlich zog jemand ein. Ich hätte nie gedacht, dass ich mit den jungen Leuten, die die Möbel hochtrugen, mal etwas zu tun bekommen würde. Rebecca und ich lernten uns durch einen Überfall kennen, der auf mich verübt werden sollte.

Ich wollte gerade meine Wohnungstür öffnen und in den dunklen Hausflur treten, da vernahm ich ein merkwürdiges Knacken. Ich hatte zum Glück immer ein sehr gutes Gehör. Geistesgegenwärtig versuchte ich, meine Tür wieder zu schließen. Jemand, der schon eine Weile vor der Tür gewartet hatte, sprang mir aus der Dunkelheit entgegen und wollte sich in die Wohnung hineinzwängen. Ich konnte die Tür zwar schließen, aber derjenige versuchte, sie nun von außen aufzutreten. Weil ich nicht wusste, was ich sonst machen sollte, lief ich zum Fenster und rief um Hilfe. Eine Oma mit Enkelkind, die sich aus einem Fenster beugte, konnte mir auch nicht weiterhelfen. Die einzige Hilfe kam von den Leuten aus der Wohnung mit den hellerleuchteten Fenstern im Hinterhaus. Niemand hatte Telefon in der DDR, aber es gab auf der Straße einen Münzautomaten. Die anderen Nachbarn taten so, als wenn sie nichts mitbekämen. Die Polizei kam zwar, nahm aber wohl nur die Personalien des Mannes auf und behandelte das Ganze als Bagatelldelikt. Es handelte sich übrigens um einen Mann aus dem Haus gegenüber, den ich gar nicht kannte und der wohl irgendwie auf mich aufmerksam geworden sein musste. Als er merkte, dass ihm nichts weiter geschah, versuchte er es natürlich immer wieder. Manchmal war eine Zeit Ruhe, und dann fing es wieder an. Aber das soll hier jetzt kein Psychothriller werden. Ich hatte seitdem jegliches Vertrauen in die Genossen von der Volkspolizei verloren.

Ein paar Tage später sprach mich im Hof die junge Frau an, deren Freunde die Polizei alarmiert hatten und die alle zusammen in einer Jazzband spielten. Rebecca und ich gingen zusammen zum ABV in unserer Straße und erstatteten wiederholt Anzeige gegen diesen Mann. Sie traute sich sogar in sein Haus, und brachte am Türschild seinen Namen in Erfahrung. Der ABV, ein etwas biederer, naiver Mann, sagte mir im Ernst, sie könnten erst etwas unternehmen, wenn der Typ mich erwischt hat. Wir leben eben in einer Männergesellschaft, meinte Rebecca. Da war ich also vogelfrei. Wenigstens hatte ich in ihr, der alleinerziehenden Mutter, eine Stütze gefunden. Immer, wenn ich spätabends nach Hause kam, leuchtete mir auf dem dunklen Hof ihr hellerleuchtetes Fenster von oben einladend entgegen.

Rebecca war Nachtmensch, und wir beide tranken oft bis zum Morgengrauen Tee, wobei mir beim Teeeingießen immer der Deckel ihrer Teekanne, eine Fehlkonstruktion aus dem VEB Glashütte, abfiel, was mir einen missbilligenden Blick von der ordnungsliebenden Rebecca einbrachte. Sie arbeitete als zahnärztliche Assistentin, und ihr Freund wohnte außerhalb. Er wollte, dass sie zu ihm zieht, besonders seit er mitbekommen hatte, wie es mir ergangen war, denn er war es gewesen, der an jenem Abend, zusammen mit dem Saxophonisten aus seiner Band, die Polizei alarmiert hatte. Rebecca, die aus Mecklenburg kam wie ich auch und drei Jahre jünger war, wollte aber nicht weg aus Berlin und hing genauso an der Stadt wie ich. Sie wohnte auch halblegal in ihrer Wohnung. Eine Arbeitskollegin aus der Poliklinik in der Christburger Straße zog zu ihrem Freund und überließ Rebecca, die vorher mit ihrem Kind bei ihrer Tante gewohnt hatte, ihre alte Wohnung. Eigentlich war sie auch ganz froh, dass sie nun im Hause jemanden kannte. Unser guter, nachbarschaftlicher, fast freundschaftlicher Kontakt ging zu Ende, als nach einem Wasserschaden in ihrer Wohnung Speckkäfer auftraten. Die energische Rebecca kämpfte um eine neue Wohnung und stellte sogar dem Bürgermeister ein Glas mit Speckkäfern auf den Schreibtisch. Außerdem hatte sie sich neu verliebt. Endlich bekam sie eine Neubauwohnung am Tierpark, und wir trafen uns nur noch ein einziges Mal wieder, Anfang 1990, da wohnte ich schon in Friedrichshain auf der Frankfurter Allee. Mir fiel aber auf, dass sie etwas traurig aussah. Sehnsucht nach dem Prenzlauer Berg, nach unserem alten Haus, nach dem Teetrinken mit ihrer Nachbarin?

* „…Ich schlaf mit jemanden, wenn's mir Spaß macht, ich nenn’ 'nen Eckenpinkler 'nen Eckenpinkler … Ich heiße Sunny,“ sagt die Schauspielerin Renate Krößner als Sängerin Ingrid Sommer am Ende des Defa Films „Solo Sunny“ von Konrad Wolf.