Dient Kultur nur der Unterhaltung und Freizeitgestaltung?

2. November 2020: Corona Teil-Lockdown, u. a. Tageschau.de:
 „Das Freizeit- und Kulturleben ist massiv eingeschränkt. Fast alles, wo Menschen sich gern entspannen oder unterhalten lassen, macht zu. Dazu gehören Theater, Opern, Konzerthäuser, Messen, Kinos, Freizeitparks, Saunen, Spielhallen, Spielbanken, Wettannahmestellen, Tanzschulen und Bordelle. Alle Veranstaltungen, die der Unterhaltung dienen, werden untersagt.“

Alles, was der Unterhaltung dient, ist geschlossen. Okay, alles klar, denke ich, als ich den Beschluss der Politik lese. Ein paar Tage später denke ich: Alles klar? Irgendwas sträubt sich in mir. Moment – Kultur 1)  dient der Unterhaltung 2)? Und ist eine Freizeitbeschäftigung? Sorry Leute, für mich nicht! Für die Kulturschaffenden – by the way – auch nicht. So zu denken, erschüttert mich zutiefst, macht mich zornig und verkennt die Bedeutung aller Künste. 3)

Ich erinnere mich an meinen letzten Ausstellungsbesuch. Ein ganzer Tag – drei Ausstellungen mit meinem besten Freund. Der Urlaub war wegen des Beherbergungsverbots ausgefallen. Wenig corona-konform ist nun eigentlich ausgerechnet ein Ausstellungsbesuch. Doch mit Einlassfenster, Maske und Abstand vielleicht okay, denken wir. Ein Glück: Was wir erleben begeistert uns, macht uns glücklich. Wir tauschen uns darüber aus, weisen uns gegenseitig auf Blickwinkel und Interpretationsmöglichkeiten hin, teilen Assoziationen. Am Abend sind wir sind selig und seelisch, geistig sehr gut genährt und uns wieder ein Stück näher.  

Selbst jetzt, nach vier Wochen, lässt mich die Erinnerung daran glucksen, jauchzen, seufzen. Ich erzähle noch immer begeistert von dem Gesehenen, von dem Erlebten, von meinen Gefühlen, freue mich z. B., dass meine Friseurin in der gleichen Ausstellung war, höre was sie erlebt, wahrgenommen hat. Ich bin durch Kunst mit ihr und meinen Mitmenschen in Verbindung. Und das ist nicht nur im Lockdown, wo alles enger und einsamer wird, wichtig. Da aber besonders!

Wer kennt nicht das Gefühl, am Morgen nach z. B. einer Lesung, einem Kino- oder Theaterbesuch aufzuwachen und das erste Gefühl, was sich einstellt, ist: -> Freude (!)?  -> Glück!  Noch vollkommen erfüllt sein von dem Erlebten! Es bilden sich Gedanken, neue Ideen, Erkenntnisse, Zusammenhänge, vielleicht auch mit dem eigenen Sein. Ich suche das Gespräch, den Austausch. Ich teile mich anderen mit,  und andere teilen sich mir mit. Nach besonders eindrucksvollen kulturellen Erlebnissen können Teile meiner Familie erst am nächsten Tag mit mir darüber reden. Ja, sogar überhaupt erst wieder sprechen. Und solch ein tiefes seelisch-geistiges Erleben soll nur der Unterhaltung dienen? Ist quasi als  trivialer Zeitvertreib etikettiert? Krass! Da habe ich eine vollkommen andere Wahrnehmung oder etwas missverstanden!

Das nachkulturelle Glücksgefühl nehme ich mit in den Tag, wenn ich arbeite, mich Termine, Meetings und der Alltag fordern, stressen, langweilen. Je nach dem. De facto war es in meinem Leben schon oft so, dass die Künste (egal welcher Art) einiges relativiert haben. Kunst gibt mir Kraft, Freude, inspiriert mich, lädt mich zu neuen Perspektiven ein, anders und neu zu denken, verbindet mich mit der/dem Künstler*in, wenn ich mit ihrem/seinem „Produkt“ in Resonanz gehe. Kunst erzeugt immer ein Gefühl. Mindestens Antipathie oder Sympathie. Das dient doch nicht der „Unterhaltung“! Es spricht unmittelbar an. Geht direkt in die Seele. Hier funken Seelen miteinander. Kunsttherapien jeglicher Art werden doch nicht ohne Grund bei psychischen Problemen/Krankheiten genutzt. Spätestens der Nachklangeffekt, den die Kunst hat, stärkt meine Resilienz.

Ich hatte in diesem Jahr bspw. Karten für 4 Konzerte, ein einziges habe ich besucht. Ein herrliches Erlebnis! Ich trauere um die anderen sehr. Ich war lebendig, voller Freude und habe gestaunt, wer mit mir alles ebenfalls da war. Ich treffe bei kulturellen Veranstaltungen Menschen, denen ich sonst nie begegnen würde, mit denen mich vielleicht nichts weiter verbindet. „Nur“ – das gleiche Interesse, die Freude an der jeweiligen Kunst. Manchmal gibt es ein Lächeln, ein kleines Gespräch mit einer fremden Person und immer ein Gefühl von Gemeinschaft.

Und genau das ist auch der Grund, warum alle Kulturangebote on-line in Mediatheken etc. für mich leider nicht funktionieren. Ich kann mich nicht einsam vor eine Kiste hocken und dann zweidimensional Kultur wahrnehmen. Das ist wie abgehackt – nicht lebendig – tot. Wo ist da der Austausch? Meine eigene Perspektive? Die Möglichkeiten, meinen Blick frei auf das zu lenken, was mich besonders anzieht?

Nein, Kultur ist kein „ego-booster“, wo ich mich egozentrisch dran abarbeite. Kultur hat für mich verbindenden Charakter. Das gilt für mich, meine Familie und Freunde. Egal, welche Form der Kunst. Mir wird immer wieder mit leuchtenden Augen von kulturellen Erlebnissen berichtet.

Mein bester Freund erzählte z. B. jüngst wieder begeistert von sechs Stunden Peymann. Gut, vier Stunden hätten es wohl auch getan. Vier Stunden! Vier Stunden Theater – volle Konzentration, um auch den kleinsten Aspekt nicht zu verpassen, ohne Essen und Trinken, bei schlechter Luft. Vier Stunden still sitzen, für Jemanden >1,90 m noch dazu mega eng. Und das freiwillig! Und sowas ruft noch Jahre später Begeisterung hervor! Tja, da war Unterhaltung wohl bitter nötig… Ist das lediglich ein „angenehmer Zeitvertreib“?

Eine Freundin sagte zu mir: „Ulli, es gibt in diesem Jahr Ausstellungen, die ich nie sehen werde.“  Mir das bewusst zu machen, macht auch mein Herz schwer.

Und ganz ehrlich, kennt ihr nicht die Vorfreude? Morgen gehe ich …? Bin ich dann nicht voller Neugier und Spannung? Es ist wie Brausepulver auf der Zunge. Die Seele pritzelt freudig. Der Alltag bekommt bunte Farbtupfer. Wann wart ihr das letzte Mal begeistert? Oder habt gestaunt wie ein Kind?

Das habe ich zum Beispiel jedes Jahr bei der Berlinale und der langen Nacht der Bilder. Ich freue mich schon vorher darauf. Ich treffe dort die ganze Welt. Ich muss nur hingehen und dann alles auf mich wirken lassen. Ansehen, lauschen, was gehört werden will, was gezeigt wird. Ich höre, was sich Künstler*innen, Filmemacher*innen, ... dabei gedacht haben, wo sie seelisch-geistig, kulturell herkommen. Ich staune, wundere, freue mich. Es ist wie ein gelungenes Fest. Viele Eindrücke, alle Speicher sind voll – ich bin beschenkt!  Meine Seele ist satt. Und… Schade! – es ist schon wieder vorbei. Gut!, dass es das nächstes Jahr wieder gibt! – Hoffentlich! Bitte!!

Die Zuordnung von Kultur und Kunst als bloße Unterhaltung, Freizeitgestaltung, missachtet mein tiefes Bedürfnisses nach kulturell-künstlerischem Erleben und Erfahren.

Das bisher Ausgeführte zeigt vor allem meine Sicht als jemand, der Kultur genießt. Wichtig ist mir jedoch noch folgende Perspektive zu ergänzen:

Anders als für die meisten Studiengänge müssen künftige Künstler*innen eine Eignungsprüfung absolvieren. Das heißt, sie müssen nachweisen, ob sie für den Beruf begabt genug sind und werden aus einer Vielzahl von Bewerber*innen ausgewählt.  Um ein Beispiel zu nennen: An der Kunsthochschule meines Sohnes wurden schließlich nur 15 von 150 Bewerber*innen immatrikuliert. Eine solche Quote ist meines Wissens nicht mal bei Jura oder Medizin üblich. 

Sollte das Ziel des Studiums tatsächlich die bloße, nette Unterhaltung der Mitmenschen sein? Uns bei Laune zu halten? Brot und Spiele wie im alten Rom? Wird man quasi zum Berufsnarr mit akademischem Grad ausgebildet? Ich will diese Perspektive schnell wieder ausradieren, diese Wertung tut vermutlich nicht nur mir weh.

Als BWLerin kann ich für professionelle Künstler*innen natürlich nicht sprechen. Über die prekäre Situation aller Kulturschaffenden hat jeder schon einiges lesen oder hören können. Das ist nicht klein zu reden und braucht nicht nur schnelle Lösungen, sondern auch langfristig dauerhafte! Es ist ein Beruf, von dem jede*r leben können sollte! Wenn man den Beruf in einer Notlage nicht ausüben kann und dann Grundsicherung beantragen muss, ist das für mich kaum vorstellbar. Klar denkt man vielleicht schnell, hätten ja nichts Künstlerisches studieren müssen. Ääh? Und klar, Künstler sind „gewohnt“, mit wenig auszukommen. Staatliche Unterstützungen sind keine Almosen! Weder in Corona-Zeiten, noch sonst! Die Metapher „brotlose Kunst“ darf in einer kulturell entwickelten Gesellschaft nicht real sein! 

John Maynard Keynes, einer der führenden Wirtschaftspolitiker und Visionäre schrieb in seinem Essay „Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkelkinder“:
»Vor allem aber lasst uns die Bedeutung der wirtschaftlichen Aufgabe nicht überbewerten oder ihren vermeintlichen Notwendigkeiten andere Dinge von größerer und beständigerer Bedeutung opfern.« 4)

Eines muss daher noch von meiner Seele: Der Einzelhandel hat weiterhin geöffnet. (Das mag für einige sehr hilfreich sein, für andere hilft auch das leider nicht mehr…) Ikea verteilt 10-Euro-Gutscheine für das Sonntagsshopping. Wer bitte braucht in dieser Zeit zwingend neuen Möbel, Schuhe, Kleidung…? Ich bin seit acht Monaten im Homeoffice. Kultur gibt’s, wenn überhaupt, nur auf Sparflamme. Ein Teil meiner Garderobe wird nach derzeitigem Stand vermutlich eher 20 Jahre alt werden. Lediglich meine Tochter wächst aus ihren Sachen raus. Dem Konsum in Zeiten von massiver Ressourcenverschleuderung, Klima- und Verteilungskrise eine solche Bedeutung beizumessen und gleichzeitig Kultur als bloße Unterhaltung und Freizeitbeschäftigung zu klassifizieren, lässt mich gelinde gesagt staunen, bringt mich an die Grenzen meines logischen Denkens, macht mich zornig und kraftlos zugleich! Tut mir leid Keynes, du hast dich scheinbar in deinen Enkeln geirrt.

Liebe Politiker*innen,
ich muss euch sagen, ich will Kultur und nicht Kommerz. Und ich brauche Kultur gerade in schwierigen Zeiten, meine Familie und meine Freund*innen auch! Es ist eine Zeit, in der sich vieles wandelt. Ich vermisse vieles vom „Alten“, bin zugleich froh darüber, dass manches „Alte“ nahezu bedeutungslos ist und freue mich an neuen Schwerpunkten. Ich weiß, ihr seid auch im Stress. Trotzdem: Bitte, denkt neu! – Und … natürlich ist es komplex, es ist ein System!

Liebe Künstler*innen,
ich möchte das nächste Mal mit demonstrieren.  Lasst es mich wissen und ladet bitte alle „Kulturkonsument*innen“ ein! (Mittwoch, 12:30 Uhr ist sub-optimal)

Liebe Kulturfreund*innen,
lasst uns nicht nur solidarisch sein, sondern unser Bedürfnis laut herausschreien! Gebt der Kultur, den Künsten, den Künstler*innen, unserem Ur-Bedürfnis eine Stimme! 5)

Liebe Leute,
sagt mir, was bedeutet euch Kultur? Welche Erfahrungen und Erlebnisse macht ihr derzeit mit Kultur / ohne Kultur? Fehlt euch derzeit etwas? Und wenn ja, was besonders?  Lasst von euch „hören“!

meinungen(at)kulturring.berlin

Cheers, Ulrike

 

1) Wikipedia versteht Kultur allgemein als alles vom Menschen Geschaffene.

2) Im Duden wird Unterhaltung u.a. als angenehmer Zeitvertreib beschrieben. Der Gebrauch gilt in diesem Zusammenhang allerdings als veraltet.
Eine Unterscheidung in z. B. E-, U- und Off-Kultur ist für mich mindestens in dem hier beschriebenen Kontext unsinnig, da die Wirkung der Kultur auf den Menschen aus meiner Sicht davon unabhängig ist. Im Gegenteil beinhaltet diese Aufteilung neben Konkurrenz auch zu oft eine Wertung, der ich mich nicht anschließen möchte. 

3) Kunst ist lt. Wikipedia wie folgt definiert: „… Kunst … bezeichnet im weitesten Sinne jede entwickelte Tätigkeit von Menschen, die auf Wissen, Übung, Wahrnehmung, Vorstellung und Intuition gegründet ist …. Im engeren Sinne werden damit Ergebnisse gezielter menschlicher Tätigkeit benannt, die nicht eindeutig durch Funktionen festgelegt sind…Kunst ist ein menschliches Kulturprodukt, das Ergebnis eines kreativen Prozesses…“

4) Keynes Statement u. a. nachlesbar unter:
Credit Suisse, Bundeszentrale für politische Bildung, Attac

5) Die ältesten Kunstwerke stammen aus der Eiszeit und sind 35-40.000 Jahre alt. Es scheint so zu sein, dass die Menschheit bereits kulturelle Bedürfnisse hatte, bevor sie sesshaft wurde.
siehe z. B. Süddeutsche Zeitung, Geopark