Simon Menner - DIE FIRMA | Über die Bildkultur von Überwachungssystemen

11. Juni bis 24. Juli 2020

Überwachung scheint auf eine sonderbare Weise mit dem Visuellen verbunden zu sein. "Der Orwell’sche Große Bruder beobachtet uns." Er blickt also auf uns herab. Zugleich aber bleibt das, was er dabei sieht im Verborgenen. Wir können zwar viel über den Akt des Überwachens lesen, aber wenn es um die Bildkultur von Überwachungssystemen geht, müssen wir uns in der Regel mit unscharfen Aufnahmen von zufälligen Überwachungskameras begnügen. Wenn es sich dabei denn überhaupt um Material von Geheimdiensten handelt, so ist dies stets sehr sorgfältig ausgewählt. So gut wie nie bekommen wir das ungefilterte Material zu Gesicht. Wenn dies denn einmal geschieht, so schlägt dies schnell hohe Wellen.

Das Material ist auch nicht für unsere Augen gedacht. Zwar gibt jedes Überwachungssystem vor, es diene dem Schutz der Gesetze und letztendlich dem Wohl der Gesellschaft, aber doch schwingt häufig ein Mistrauen genau dem gegenüber mit. Unsere historische Erfahrung lehrt uns, dass die Idee, man müsse Gesetze brechen, um Gesetze zu verteidigen, die Sicherheitsapparate aller politischen Ideologien eint, wie kaum etwas sonst. Dafür ist die überall praktizierte Geheimhaltung ein klares Indiz. Warum etwas verbergen, wenn man nichts zu verbergen hat?

Interessant dabei ist das Archiv, welches das Ministerium für Staatssicherheit - unwillentlich - hinterlassen hat. Interessant und einzigartig.

Vereinfacht gesagt hörte die Stasi vom einen auf den anderen Tag auf zu existieren. Das Einzigartige an ihrem Schicksal ist der Umstand, dass sich keine direkte Nachfolgeorganisation entwickelte. Deutschland verfügte über einen zweiten Satz Geheimdienste, die ihre Arbeit auf den Osten ausdehnen konnten. Für die Stasi war kein Bedarf mehr. In den anderen Ländern des Ostblocks, gab es zwar auch eine Zäsur, aber dort entwickelten sich neue Strukturen, die sich mehr oder weniger stark auf die Expertise der alten Systeme verlassen mussten. Die anderen Archive wurden teilweise weitergenutzt, das Stasiarchiv wurde geöffnet.

Dabei stellt dieses Archiv zugleich auch ein Problem dar. Denn eigentlich handelt es sich dabei nur um einen Teil der von Paranoia in Atem gehaltenen Zeit des Kalten Krieges. Eigentlich gäbe es in Deutschland die perfekte Möglichkeit diesen Moment der Geschichte zu hinterleuchten. Zwei miteinander unversöhnlich ringende Systeme, entstanden aus einer einheitlichen Kultur. Was treibt Menschen dazu?

Aber das Archiv im Westen bleibt geschlossen und dadurch wird unser Blick auf die Geschichte gestört. Die eine Seite können wir untersuchen, die andere Seite versteckt sich bis heute hinter dem Deckmantel der Geheimhaltung. Das hinterlässt zwangsläufig Spuren beim Versuch der Aufarbeitung.

Ich hatte die Möglichkeit intensiv im Archiv der Stasi nach genau der Bildkultur zu suchen, die sich im geheimen Agieren ausbildet. Aber ich möchte auch meinen – gescheiterten – Versuch zeigen, dies im Archiv des Bundesnachrichtendienstes zu wiederholen. Vielleicht sind genau die Leerstellen, die ich zwangsläufig präsentieren muss, aufschlussreich und entlarvend.

www.simonmenner.com

 

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